KITZINGEN

Mit den Händen heilen

Osteopathie-Ärzte fordern: Wir brauchen mehr Generalisten mit umfassenden Kenntnissen und genügend Zeit für die Patienten
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„Die Körperhülle“, meint Reinhart Unverricht, „ist der Resonanzboden unserer Seele.“ Weil das ein wenig kryptisch klingt, fügt der 69-Jährige hinzu: „Mit Hokuspokus hat das nichts zu tun.“ Was aber ist Osteopathie genau? Wie erkennt man einen guten Osteopathen? Und warum bezahlen viele Krankenversicherungen trotz offensichtlicher Erfolge die Behandlung nicht? Antworten auf diese Fragen geben Michael Wörrlein (68) und Reinhart Unverricht. Beide Ärzte sind seit Jahrzehnten schulmedizinisch und zugleich osteopathisch tätig und nun im Ruhestandsalter. Sie müssen keine Patienten mehr anwerben und sind niemandem verpflichtet.

Ob Massagen wie in Fernost, Handauflegen wie bei indianischen Urvölkern oder das europäische „Einrenken“: In fast allen Kulturen sind Behandlungen mit den Händen überliefert. Haben sie etwas mit der modernen Osteopathie zu tun?

Reinhart Unverricht: Auf jeden Fall das: Der Mensch und sein momentanes Empfinden stehen bei der Osteopathie im Zentrum. Die Hand spielt beim Verstehen der Welt und ihrer Prozesse eine große Rolle. Wir begreifen Dinge besser, wenn wir sie berühren können.

Um welche Art von Berührung geht es bei der Osteopathie?

Michael Wörrlein: Es ist eine sanfte Art, mit den Händen Funktionsstörungen zu beseitigen, die verantwortlich sind für sehr viele Beschwerden, zum Beispiel Schwindel, Tinnitus, Kopfschmerzen oder Schmerzen im Bewegungsapparat. Sie lassen sich mit Röntgen-, Kernspin- oder Ultraschalluntersuchungen nicht darstellen. Es muss die Beweglichkeit, eben die Funktion, beurteilt werden. Bei der Behandlung werden die festgestellten Bewegungsstörungen, die oft weit von der schmerzenden Region entfernt sind, manuell gelöst und damit Schmerzen gelindert.

Unverricht: Osteopathen sehen immer die untrennbare Gesamtheit von Körper und Seele. Der Vater der Osteopathie ist der amerikanische Arzt Dr. Andrew Taylor Still, der von 1828 bis 1917 lebte. Er und seine Schüler entwickelten – trotz des Widerstandes der bestehenden akademischen Medizin – ein ganzheitliches Verständnis von Gesundsein und Kranksein. Sie lehrten eine manuelle Behandlung – also eine Behandlung mit der Hand – mit dem Ziel, die funktionelle Balance des Menschen wieder herzustellen und damit die Genesung einzuleiten.

Dann ist Osteopathie Hilfe zur Selbst-hilfe?

Unverricht: So kann man das sagen, ja.

Wie funktioniert das genau?

Unverricht: Zunächst gibt es ein ausführliches Anamnesegespräch. Wir versuchen herauszufinden, wie sich Schmerz und Beschwerden entwickelt haben. Das ist von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich. Sobald ein körperliches oder seelisches Ungleichgewicht herrscht, fühlt sich der Mensch krank und reagiert mit körperlichen und seelischen Beschwerden, etwa Schmerz, Bewegungs- oder Durchblutungsstörungen, Bluthochdruck, Depression oder Organkrankheiten. Wir Osteopathen wollen es dem Patienten ermöglichen, wieder mehr Kräfte, Ressourcen und Kompensationsvermögen zu entwickeln.

Wörrlein: Nehmen wir als Beispiel eine altersbedingte Hüftgelenksarthrose. Die kann ich zwar nicht heilen, aber ich kann die Muskel-, Sehnen- und Faszienspannungen lösen, die sich um das Gelenk herum entwickelt haben und äußerst schmerzhaft sind. So kann das Gelenk für eine ganze Zeit wieder eine schmerzarme oder schmerzfreie Entlastungsposition einnehmen. Oder bei Asthma: Was plagt denn den Patienten? Seine mehr oder weniger ausgeprägte Atemnot, deren Ursache etwa eine Allergie ist, kann die Osteopathie nicht heilen, aber sie kann die funktionell gestörte Beweglichkeit des Brustkorbes wiederherstellen. Hier ergänzen sich Schulmedizin und Osteopathie zum Wohle des Patienten.

Unverricht: Genau. Der Osteopath behandelt nicht die Diagnose, aber die Beschwerden, die Befindensstörung.

Das heißt, Osteopathie ersetzt nicht die herkömmliche Medizin?

Wörrlein: Osteopathie ist keinerlei Konkurrenz oder gar Ersatz für herkömmliche Medizin, sondern deren Erweiterung – vergleichbar mit einem gut bestückten Werkzeugkasten, dem man einige Spezialwerkzeuge hinzufügt. Niemand Vernünftiges käme auf die Idee, auf bewährten Werkzeugbestand zu verzichten.

Warum weigern sich viele Krankenkassen, die Kosten für eine osteopathische Behandlung zu tragen?

Unverricht: Weil sie in einem starren System verhaftet sind.

Wörrlein: Und weil unsere Überzeugungsarbeit gegen die Macht der Pharma-Industrie und Apparatemedizin mühsam ist und von vielen Widerständen begleitet wird.

Aber würde es nicht manchmal sogar Kosten sparen, wenn man Schmerzen osteopathisch behandeln würde?

Wörrlein: In der Tat. Viele Patienten mit funktionellen Störungen und Schmerzen waren mehrmals in der „Röhre“, wurden nach allen Regeln der Kunst hochdosiert mit Medikamenten behandelt oder auch operiert. Das kostet Unsummen, ohne dass dem Patienten ursächlich geholfen wird. Die nervenzellenreichen Weichteile – Muskeln, Bindegewebe, Faszien, Sehnen – als häufige Quelle erheblicher Beschwerden bleiben oft unbeachtet. Hier setzt die Osteopathie an.

Das klingt einfach. Zu einfach?

Wörrlein: Natürlich bedarf es eines profunden anatomischen und physiologischen Wissens und schulmedizinischer Differenzialdiagnose.

Unverricht: Der Mensch will in der Regel nicht im Schmerz verharren. Wir sind mit unseren manuellen Maßnahmen – mal sanft, mal fester – der Türöffner zur Selbstheilung.

Wörrlein: Aber wir schieben, bildlich gesprochen, den Menschen nicht durch die Tür, sondern schaffen Bedingungen, die es ihm leicht machen, selbst durchzugehen.

Gibt es auch Krankheitsbilder, die man osteopathisch nicht behandeln kann?

Wörrlein: Ja, dekompensierte psychiatrische Krankheiten und ausgeprägte Panikstörungen. Auch Menschen, die keine Berührung ertragen, können nicht osteopathisch behandelt werden. Und natürlich auch alle akut lebensbedrohlichen, internistischen Erkrankungen und Unfallopfer nicht.

Osteopath ist kein geschützter Begriff. Im Prinzip kann sich jeder so nennen. Wem kann ein Patient da vertrauen?

Unverricht: Es ist leider so: Osteopathie gilt in Deutschland zwar als Heilkunde, ist aber nicht staatlich anerkannt.

Wörrlein: Die Situation für die Patienten ist unglücklich. Es gibt hierzulande keinen Standard für Osteopathie-Ausbildung und -Leistungen.

Warum gibt es keine Lehr-Standards und keine staatliche Anerkennung?

Unverricht: Weil das gesundheitspolitisch derzeit nicht gewollt ist. Im europäischen Ausland – England, Belgien – herrscht teilweise eine ganz andere Sichtweise. In Deutschland dürfen nur Ärzte und Heilpraktiker Menschen medizinisch behandeln. Ich persönlich finde das fahrlässig. Indem der Staat keinen Ausbildungsstandard festlegt, sorgt er nicht für die Sicherheit seiner Bürger.

Nochmal: Wie erkennt der Patient einen guten Osteopathen?

Unverricht: Ein Kriterium für Seriosität ist es sicher, wenn der Osteopath keine „Heilsversprechen“ macht. Außerdem muss er selbstkritisch sein. Wenn sich nach zwei, drei Behandlungen keine deutliche Verbesserung einstellt, muss man davon ausgehen, dass für diesen Patienten der osteopathische Therapieweg allein nicht ausreicht.

Was erwartet den Patienten, der erstmals zu einem guten Osteopathen kommt?

Unverricht: Eine ausführliche Befragung zum Beschwerdebild und zu relevanten Ereignissen in der Vergangenheit. Wir untersuchen immer den ganzen Körper und behandeln nicht nur symptomorientiert. Das braucht Zeit, manchmal eine ganze Stunde.

Wie viele Behandlungen brauchen Sie normalerweise, bis ein Mensch schmerzfrei ist?

Unverricht: Oft nur eine einzige, manchmal zwei oder drei.

Wörrlein: Wir sprechen nicht davon, einen Patienten schmerzfrei zu machen, sondern ihn in eine Balance zu bringen, damit er sich wieder im Gleichgewicht fühlen kann und nicht mehr vom Schmerz beherrscht wird.

Sie sehen Körper und Seele als untrennbare Einheit.Gibt es nicht auch Verletzungen, die nur von der einen Art sind?

Wörrlein: Es mag die eine oder andere dominant sein, aber aus Osteopathensicht sind stets beide beteiligt!

Gibt es etwas, das Sie aus Ihrer Erfahrung heraus gerne ändern würden?

Unverricht: Vor allem bedauere ich, dass es heutzutage kaum noch würdevolles Berühren gibt. Menschen werden „untersucht“ und „gepflegt“, aber dabei so wenig wie möglich berührt. Dabei braucht meiner Erfahrung nach so gut wie jeder Mensch dieses Berührtwerden.

Wörrlein: In der Gesundheitsvorsorge brauchen wir wieder mehr „Generalisten“, sprich Ärzte mit möglichst umfassenden Kenntnissen, um den Patienten in seiner Gesamtheit wahrnehmen zu können, und ausreichend Zeit, um ihm individuell gerecht werden zu können. Damit wäre auch unser osteopathisches Anliegen voll erfüllt.

Das Interview führte Diana Fuchs.

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