GEISELWIND

Mit dem Ausbilder punkten

Die Lehrjahre haben sich verändert. Wer Azubis ernst nimmt und wertschätzt, profitiert
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Coach Volker Witzleben aus Geiselwind schult Azubis und Ausbilder. Er weiß um die große Bedeutung, die ein Ausbilder für den guten Verlauf einer Lehre hat. Foto: Foto: Daniela Röllinger
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Geiselwind Auszubildende zu finden, die den Anforderungen der Arbeitswelt gerecht werden, ist für viele Betriebe nicht einfach. Noch schwieriger ist es, sie an das Unternehmen zu binden. Wer „Eigengewächse“ fördern will, darf sich als Betrieb nicht zurücklehnen. Wie wichtig die Person des Ausbilders und die Integration der jungen Leute ins Unternehmen ist, erklärt der Geiselwinder Coach Volker Witzleben.

Frage: Warum ist die Ausbildung so ein schwieriges Thema?

Volker Witzleben: Weil das Thema so vielschichtig ist. Da geht es um den Betrieb, den Ausbildungsinhalt, die an der Ausbildung beteiligten Personen und vieles mehr. Und da hat sich vieles verändert. Die Generation Z beispielsweise, die heute ausgebildet wird, braucht viel mehr Aufmerksamkeit als die jungen Leute früher. Der Sprung aus dem teilweise überbehüteten Leben in die Arbeitswelt ist riesig.

Muss die Ausbildung deshalb heute anders aussehen als früher?

Witzleben: Viele glauben, dass man heute genauso ausbilden könne, wie sie selbst vor 25, 30 oder noch mehr Jahren ausgebildet wurden. Nach dem Motto „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Aber die Azubis wollen nicht die ersten Monate nur kehren. Die hassen das. Sie wollen ernst genommen werden und Verantwortung übernehmen. Das hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun.

Kann das zu Beginn der Ausbildung überhaupt funktionieren? Die Lehrlinge müssen doch erst mal was lernen.

Witzleben: Eine gute Möglichkeit ist es, anfangs ein Teamtraining anzusetzen. Da lernt man nicht nur die Menschen kennen, die neu in den Betrieb kommen. Viele Ausbilder sind überrascht, wie viel die Jugendlichen schon können, wie sie denken und welche Ideen sie haben. Wenn man diese Potenziale nutzt, beispielsweise bei der Digitalisierung, werden die Azubis viel schneller ins Unternehmen integriert. Sie fühlen sich als Mitarbeiter und nicht als „Stift“.

Was muss das Unternehmen dazu bieten?

Witzleben: Am Wichtigsten ist es, dass die Ausbilder Zeit und Verständnis für die jungen Leute haben. In vielen Betrieben haben Ausbilder noch eine andere Aufgabe, was sie zeitlich einschränkt und alles andere als ideal ist. Es muss regelmäßige Feedbackgespräche geben. Ein Ausbilder darf keine Angst haben, dass ein Auszubildender etwas besser kann als er – bei der schon genannten Digitalisierung ist das häufig der Fall. Und natürlich muss ein Ausbilder überhaupt Lust haben, sich mit den Azubis zu beschäftigen.

Sollte das nicht Grundvoraussetzung sein, wenn man Ausbilder ist?

Witzleben: Häufig heißt es einfach, die Ausbildung hat schon immer ein Meister gemacht und deshalb macht es auch weiter ein Meister. Oft wäre aber ein jüngerer Mitarbeiter besser, der einen besseren Zugang zu den Azubis hat. Eine andere Möglichkeit sind Patenschaften der Azubis im zweiten Lehrjahr für die im ersten Lehrjahr. Sie können die Integration ins Arbeitsleben positiv begleiten. Wie wichtig die Rolle des Ausbilders ist, zeigt übrigens die Tatsache, dass der Ausbilder Grund Nummer 1 dafür ist, dass junge Leute ein Unternehmen wieder verlassen – weil sie nicht mit ihm zurechtkommen.

Für viele Betriebe aber ist es ja schon schwierig, überhaupt Auszubildende zu bekommen. Woran liegt das?

Witzleben: Es gibt mehrere Gründe, die für und gegen einen Ausbildungsplatz sprechen. Da sind zunächst die Arbeitszeiten – die sind beispielsweise in der Gastronomie ein Problem. Dann das Gehalt sowie die Nähe zum Wohnort. Und schließlich die Weiterbildung und Qualifikation: Was tut ein Unternehmer für mich? Und gerade da gibt es große Unterschiede.

Zählt da auch das Smartphone, der Roller oder der kostenlose Besuch im Fitnessstudio dazu, mit dem manche Betriebe Azubis locken?

Witzleben: Wenn es nur ein Anreiz ist, damit die Jugendlichen kommen, bringt das nichts. Rein monetäre Geschichten sind sehr kurzlebig. Wenn, dann sollte es um den individuellen Fall gehen. Wenn jemand einen Roller erhält, weil er sonst nicht zum Arbeitsplatz kommt, macht das eher Sinn.

Wie macht ein Unternehmen Jugendliche überhaupt auf sich aufmerksam?

Witzleben: Da wird noch viel falsch gemacht. Oft werden Azubis über Anzeigen gesucht – aber da verstehen die jungen Leute häufig die Anforderungen gar nicht. Und schauen Sie sich die Homepages an, da ist meist nicht mal ein Ansprechpartner für die Auszubildenden genannt. Das ist nicht zeitgemäß. Im Idealfall ist der Ansprechpartner genannt, man kann sich mit einem Klick mit dem Smartphone bewerben. Vielleicht sogar mit einem Video.

Was wünschen sich die Jugendlichen von ihrem Arbeitgeber?

Witzleben: Bei Studierenden ist die Karriere wichtig. Bei den künftigen Fachkräften ist das anders. Ihnen geht es um die Sicherheit des Arbeitsplatzes, pünktliche Gehaltszahlung und feste Arbeitszeiten. Ihr Unternehmen soll authentisch und ehrlich, ihre Tätigkeit sinnhaftig sein. Sie wollen wissen: Warum mache ich das und was kommt am Ende dabei raus? Das wird oft viel zu wenig kommuniziert. Eine ganz wesentliche Rolle spielt auch hier wieder der Ausbilder als Bezugsperson. Wer deutlich macht: „Wir haben jemanden, der sich um dich kümmert“, der kann punkten.

Schauen wir uns die andere Seite an: Wie wählt ein Unternehmen den passenden Auszubildenden aus?

Witzleben: Den Richtigen zu kriegen, das ist die Herausforderung. Nur nach Noten und Zeugnissen zu gehen, halte ich für antiquiert. Die Entscheider müssen den Jugendlichen erleben. Die beste Form ist da natürlich ein Praktikum. In dieser Zeit muss man sich dann aber auch mit der Person auseinandersetzen, damit man sieht, ob er oder sie ins Unternehmen passt.

Und die zweitbeste Form?

Witzleben: Ein Bewerberauswahlverfahren. Manche können sich in einem halbstündigen Vorstellungsgespräch gut verkaufen, aber nicht in einem dreistündigen Verfahren, in dem sie sich in eine Gruppe integrieren müssen.

Wenn die Noten nicht so wichtig sind, was ist dann wichtig?

Witzleben: Die Eigenmotivation des jungen Menschen. Er kann ja noch nicht alles, deshalb ist der Wille stärker zu bewerten als das Können. Im Bewerberauswahlverfahren merkt man auch, ob jemand kommunizieren kann. Und Blender werden dabei ebenfalls aufgedeckt.

Worum geht es eigentlich in der Power-Azubi-Schmiede, für deren Konzept Sie mit einem Preis ausgezeichnet wurden?

Witzleben: An vorderster Stelle steht die Kommunikation. Es geht darum, wie man sich ins Team integrieren kann. Die Azubis müssen Aufgaben erledigen, Ideen entwickeln. Ein weiterer Punkt ist, ein Selbstwertgefühl zu entwickeln, damit man sich traut, etwas zu sagen, was einem nicht so gut gefällt. Beim ersten und letzten Treffen sind die Ausbilder dabei, in den Bausteinen dazwischen nicht.

Warum raten Sie zu solchen Schulungen?

Witzleben: In jedem Unternehmen geht es ja darum, das Potenzial der Mitarbeiter zu heben. Und das fängt bei den Auszubildenden an.

Fokus Azubi

Volker Witzleben aus Geiselwind ist Trainer und Coach und hat gemeinsam mit Stephan Eckert das Projekt „Fokus-Azubi" entworfen. Beide entwickeln Workshops, Trainings und Lernkonzepte rund um das Thema Azubis. Die Konzepte „Power-Azubi-Schmiede“ und „Train the Ausbilder“ wurden mit dem Metalog-Trainingspreis ausgezeichnet.
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