KITZINGEN

"Menschen wie du und ich"

Sozialpädagogin Christina Flurschütz: 53 von 105 Bewohnern des "Kitzinger Ghettos" sind bereits zur Beratung gekommen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Dieses Trio kann den 105 Bewohnern des Kitzinger „Ghettos“ viel fachliche Hilfe bieten. Die beiden Sozialpädagoginnen Christina Flurschütz und Tamara Licheva nehmen Hausmeister Gunther Dürner in die Mitte. Foto: Foto: Diana Fuchs
+1 Bild

Auf dem Weg zum Büro kommen Christina Flurschütz und Tamara Licheva an abblätterndem Putz und heruntergekommenen Betonbalkons vorbei. Sie arbeiten da, wo derzeit 105 Menschen wohnen: am Rand der Gesellschaft, im Kitzinger Ghetto, wie das Notwohngebiet auch genannt wird. Hier stehen die beiden Sozialpädagoginnen und Hausmeister Gunther Dürner, der seit August in den vier Wohnblocks an der Ecke Egerländer Straße/ Tannenbergstraße tätig ist, täglich neuen Herausforderungen gegenüber.

Frage: Welche Motivation hat Sie ins Kitzinger Notwohngebiet geführt?

Christina Flurschütz: Ich fand die Ausschreibung für die Kitzinger Stelle spannend. Vorher habe ich mit Straffälligen gearbeitet. Das hier ist eine neue Herausforderung.

Tamara Licheva: Nach meinen Erfahrungen in der Würzburger Wärmestube wusste ich, dass ich gerne mit Menschen in besonderen Situationen arbeiten und ihnen helfen möchte.

Wie genau können Sie den Menschen helfen?

Flurschütz: Im Gespräch betrachten wir die Lebenssituation jedes Einzelnen und schlagen Brücken zu den Fachstellen, die konkrete Hilfe anbieten – sei es zur Suchtberatung, zur Schuldnerberatung oder zum Jobcenter. Wir sind auch mit Kirchen, Behörden und allen möglichen Initiativen vernetzt. In aktuellen Krisensituationen sind wir natürlich auch Ansprechpartner. Und wir unterstützen die Menschen bei der Suche nach regulären Mietwohnungen.

Letzteres ist nicht leicht, oder?

Flurschütz: Nein, die Wohnungsnot rund um Kitzingen ist groß. Wir unterstützen trotzdem bei Bewerbungen für Wohnungen, holen Schufa-Auskunft, sprechen mit den Wohnungseigentümern, etwa der städtischen BauGmbH, und helfen beim Formulieren.

Licheva: Aber es gibt einfach viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum für Geringverdiener.

Gunther Dürner: Dazu kommt noch das Stigma, das man einfach hat, wenn man als Adresse „Egerländer“ angibt. Das ist wie ein Brandmal.

Wie haben die Bewohner auf Sie reagiert, als Sie in ihrem Leben aufgetaucht sind?

Dürner: Die meisten waren zurückhaltend. Sie sind es nicht gewohnt, dass sich jemand um sie kümmert. Mittlerweile kennt man sich, ich rede oft mit den Menschen, habe da keinerlei Berührungsängste.

Flurschütz: Unser Hausmeister und der Treffpunkt Wegweiser waren und sind für uns eine Art Türöffner zu den Menschen. Meine Kollegin Tamara Licheva ist erst seit wenigen Wochen da und ich selbst habe ja vor sieben Monaten auch quasi bei Null angefangen, kannte niemanden. Um in Kontakt mit den Bewohnern zu kommen, habe ich mich anfangs etwa im „Wegweiser“ unter sie gemischt.

Wie viele Menschen haben sich mittlerweile beraten lassen?

Flurschütz: Meine bisherige Kollegin Berit Kemper, deren Nachfolgerin Tamara Licheva ist, und ich haben 53 Bewohner beraten. Manche sind nur einmal gekommen, andere sehen wir regelmäßig und arbeiten uns gemeinsam voran. Insgesamt haben wir seit Herbst 2018 über 400 Beratungsgespräche geführt. Manche Menschen sind gekommen, weil es „gebrannt“ hat – weil sie zum Beispiel ihre Stromrechnung nicht bezahlen konnten oder einen Amtsbescheid nicht verstanden haben. Andere wollten grundsätzlich etwas verändern.

Sind Sie mit der Besucherquote zufrieden?

Flurschütz: Wir sind auf einem guten Weg, denke ich. Unsere Beratung wird angenommen. Man muss immer sehen: Wir sind ein freiwilliger, neutraler Dienst, das heißt, niemand muss zu uns ins Büro kommen und niemand muss uns zu sich in die Wohnung einladen. Wenn jemand nichts verändern möchte, müssen wir das so hinnehmen. Ich denke aber, so langsam hat es sich herumgesprochen, dass wir keine Kontrollinstanz sind, sondern Unterstützer, die auch eine Schweigepflicht bezüglich der geführten Gespräche haben.

Was ist Ihnen bei diesen Gesprächen besonders aufgefallen?

Licheva: Dass oft eine Hemmschwelle da ist, sich Hilfe zu holen.

Flurschütz: Und dass die Leute das Gefühl haben, nicht so wichtig zu sein. Manche haben schon zu mir gesagt: Naja, Ihre erste Kollegin ist ja schon wieder weg, da werden sie bald auch nicht mehr da sein.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie vor allem beratend tätig sind. Aber brauchen die Menschen nicht oft auch direkte Begleitung?

Flurschütz: Tatsächlich ist die Hürde oft riesig, nach unserer Beratung auch wirklich einen Termin zu vereinbaren, zum Beispiel bei der Schuldnerberatung oder im Jobcenter, und dann auch tatsächlich hinzufahren.

Licheva: Im Einzelfall begleiten wir die Leute. Aber immer können wir das natürlich nicht leisten.

Warum ist die Hürde, aktiv zu werden, so hoch?

Flurschütz: Da kommen viele kleine Probleme zusammen. Das fängt schon mit der Anfahrt an. Wer nicht gut zu Fuß ist, kann zum Jobcenter nicht laufen. Vom Kleistplatz aus kostet die einfache Fahrt mit dem Sammeltaxi kostet 2,20 Euro. Wenn jemand zum Beispiel zum Jobcenter muss und dann noch Bankgeschäfte zu erledigen hat, summiert sich das Fahrtgeld auf 6,60 Euro. Das können und wollen viele nicht investieren.

Was wäre Ihrer Meinung nach eine geeignete Lösung?

Flurschütz: Ehrenamtliche Sozialpaten! Das sind Menschen, die zum Beispiel von der Caritas speziell dafür ausgebildet werden, anderen Menschen mit individuellen Lebensproblemen unter die Arme zu greifen. Sie zum Beispiel beim Gang zum Amt an die Hand zu nehmen...

Also eine praktische Weiterführung Ihrer Tätigkeit?

Flurschütz: Die Ergänzung dazu, ja. Außerdem wäre es sinnvoll, wenn es eine Art Präventionsstelle gäbe. Jemanden, der informiert wird, wenn eine Räumungsklage ansteht, und der dann gleich Kontakt zum Vermieter, Amtsgericht, Gerichtsvollzieher und so weiter aufnimmt. So könnte man verhindern, dass manchen Leuten eine Unterkunft im Notwohngebiet zugewiesen wird.

Oft wird kritisiert, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Problemen im Notwohngebiet „ghettoisiert“ werden. Wie empfinden Sie das?

Flurschütz: Manchmal wäre es sinnvoller, Menschen dezentral unterzubringen, aber auch dort bräuchten sie dann eine engmaschige sozialpädagogische Betreuung, die dezentral natürlich schwerer zu leisten ist. Ich denke, es gibt kein Patentrezept. Da muss jede Stadt individuell schauen, was sie macht, je nach räumlicher Struktur. Ein Vorteil des „Ghettos“ ist die Tatsache, dass es hier fast schon familiär zugeht. Die Menschen achten aufeinander und helfen einander. Ich habe schon erlebt, dass Fremde hier eingewiesen wurden, mit nichts als den Kleidern auf dem Leib. Ihnen haben die Bewohner Schlafmöglichkeiten, Essen und das Nötigste sonst gebracht.

Können Sie in solchen Fällen nicht auch direkt helfen?

Flurschütz: Nein, leider nicht. Zum Glück arbeiten wir Hand in Hand mit dem „Wegweiser“-Team, das immer einen Notvorrat an Nahrung und Kleidung da hat – Dank der ehrenamtlichen Spender, die es in Kitzingen zum Glück gibt.

Herr Dürner, Sie sind besonders nah dran an den Bewohnern. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dürner: Manchen Bewohnern möchte ich sagen: Bewegt euren Hintern, sonst kommt Ihr nie von Hartz-IV weg und hier raus. Und zu den Kitzinger Bürgern möchte ich sagen: Stempelt die Leute aus dem Notwohngebiet nicht einfach ab. Kommt gerne mal her und macht Euch Euer eigenes Bild. Das sind Menschen wie du und ich...

Flurschütz: ... die irgendwo mal falsch abgebogen sind.

Ökumenische Hilfe

Projekt: Stadt und Landkreis Kitzingen finanzieren das ökumenisches Projekt „Soziale Beratung Notwohngebiet Kitzingen“, das bis Herbst 2020 läuft. Träger sind die Caritas und die Diakonie.

Kontakt: Persönlich zu sprechen sind die beiden Sozialpädagoginnen täglich von 10 bis 12 Uhr (sowie nach Absprache) in ihrem Büro in der Egerländer Straße 22, 1. Stock, Eingang an der Rückseite des Hauses (hinter dem „Wegweiser“), Telefon: 09321/ 1409 688 und -689.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren