VOLKACH

"Märchen sind in - wie noch nie"

Roland Kahn führt Großvaters' Stiftung ganz in dessen Sinne weiter. Weil es sich lohnt
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Märchen können grausam sein. Aber sie bieten Kindern Möglichkeiten, die Grausamkeit nicht nur mit „Angstlust“ überhaupt kennenzulernen, sondern auch damit fertig zu werden. Die Angst wird in beherrschbare Bilder umgewandelt, das Böse wird bestraft. Damit ist sie für Kinder abstrakt und kann von ihnen gut verarbeitet werden, sagt Roland Kahn von der Märchenstiftung.
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Traditionell finden im September die Märchentage der in Volkach sitzenden Märchenstiftung Walter Kahn im Kloster Münsterschwarzach statt. Dieses Jahr geht es um das Thema „Märchen und Film“ – ein Anliegen, das Märchen mit den modernen Medien in Verbindung zu bringen. Roland Kahn, der Enkel und Nachfolger des Stiftungsgründers im Vorstand, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das „märchenhafte Erzählgut“ zu erhalten. Warum sich die Arbeit lohnt, erklärt er im Interview.

Frage: Was war Ihres Wissens nach die Intention Ihres Großvaters, die Stiftung zum Erhalt des märchenhaften Erzählens zu gründen?

Roland Kahn: In den siebziger Jahren begann eine Entwicklung in Deutschland, das Märchen als zu grausam für Kinder zu befinden. Nach seinen vielen eigenen positiven Erfahrungen und Erlebnissen aus der Kindheit konnte er das nicht auf sich beruhen lassen. Er meinte immer, dass Kinder mit der abstrakten Grausamkeit der Märchen gut umgehen können, die ihnen selektiert von den Eltern, die auch für Rückmeldungen zur Einsortierung präsent waren, erzählt wurden.

Märchen sind demnach NICHT zu grausam für Kinder?

Roland Kahn: Die Grausamkeit der Märchen ist jedenfalls viel besser zu verarbeiten als die Form der Gewalt, die heute teilweise bei Computerspielen, in Comics oder im Fernsehprogramm unreflektiert aufgenommen wird. Zudem liegt es am Märchenerzähler, den geeigneten Stoff auszuwählen und so die einzigartige Bindung zu seinen Zuhörern aufzubauen. Einer der wortgewaltigsten Meinungsbildner der „Grausamkeitsdebatte“ war der amerikanische Psychologe Bruno Bettelheim, dessen Buch „Kinder brauchen Märchen“ (The Uses of Enchantment) in dieser Hinsicht immer noch als Klassiker gilt. Wir haben uns dieser wichtigen Frage auf wissenschaftlichem Niveau, aber auch aus der Richtung der angewandten Pädagogik gewidmet, weil es sich um eines der zählebigsten Vorurteile gegen das Märchen als Gattung handelt.

Und warum ertragen Kinder Ihrer Meinung nach diese Grausamkeit?

Roland Kahn: Mit Bettelheim möchte ich sagen: Weil Märchen dem orientierungslosen Kind Möglichkeiten bieten, die Grausamkeit nicht nur mit „Angstlust“ überhaupt kennenzulernen, sondern auch damit fertig zu werden. Die amorphe Angst wird in beherrschbare Bilder umgewandelt, das Böse wird bestraft. Damit ist sie für Kinder abstrakt und kann von ihnen gut verarbeitet werden.

Sind Märchen nicht trotzdem eher etwas für Erwachsene? Immerhin unterstützt Ihre Stiftung entsprechende Ringvorlesungen an Universitäten und Hochschulen.

Roland Kahn: Märchen haben, kulturgeschichtlich gesehen, „erst“ seit etwas mehr als 200 Jahren etwas mit Kindern zu tun. Märchen waren Jahrtausende lang etwas von Erwachsenen für Erwachsene. Das ist die Historie. Heute beschäftigen sich viele Menschen in der Wissenschaft mit den Märchen zum Beispiel in der Demenzforschung. Die Ringvorlesungen dienen dazu, dem akademischen Nachwuchs an Universitäten die fachkundigsten Wissensträger zu den Märchen nahe zu bringen, damit sie in ihrer Ausbildung profundes Wissen geliefert bekommen.

Und für wen sind die Märchentage im September gedacht? Für Kinder oder Erwachsene oder beide?

Roland Kahn: Die Märchentage stehen jedes Jahr unter einem Motto im Zusammenhang mit dem Märchen und damit dem Stiftungszweck. In diesem Jahr widmen wir uns dem Thema Märchen und Film, wo die Macher des Films ihr Vorgehen und Wissen mit dem vorwiegend erwachsenen Fachpublikum und einer Vielzahl von Studenten vorstellen und diskutieren. Die Kinder kommen – so hoffen wir – durch das Ergebnis unserer Arbeit indirekt auf ihre Kosten.

Inwiefern fördert die Stiftung das direkte Weitergeben der Märchen an Kinder und Jugendliche?

Roland Kahn: Schwerpunkte sind beispielsweise Lehrerfortbildungen und Märchenerzählprojekte in Schulen, aber auch Integrationsprojekte sind Mittel, um die Weitergabe der Märchen an Kinder und Jugendliche zu fördern. Zudem machen wir darauf aufmerksam, dass viele Märchenmotive in unterschiedlichsten Kontexten zu finden sind und es sehr wichtig sein kann, sich mit deren Herkunft zu beschäftigen.

Wie viele „Märchenerzähler“ gibt es denn so deutschlandweit?

Roland Kahn: Die oft schon professionellen Erzählenden, zu denen im deutschen Sprachraum über eintausend gehören, haben sich inzwischen selbst organisiert, werden aber auch von uns unterstützt.

Was unterscheidet einen Schriftsteller, der Märchen schreibt, von den anderen?

Roland Kahn: Märchen schreiben – die Grimms haben das übrigens NICHT gemacht, sie haben ja gesammelt – bedeutet, die Gesetze der Gattung genau zu kennen. Andere Schriftsteller müssen andere Formvorgaben beachten. Die Grenzen (etwa zur Gattung Fantasy) sind fließend, aber es wird sich immer um Kunstmärchen handeln und nicht um ein Volksmärchen.

Und was unterscheidet die neuen Märchen von den alten?

Roland Kahn: Die alten Volksmärchen, deren wirkliches Alter wir manchmal gar nicht kennen, sind anonym. Es gibt keine „richtigen“ und keine „falschen“ Fassungen, sondern nur hunderttausende von mündlich überlieferten Varianten.

Und aus jeder Variante kann ich auch heute noch etwas lernen?

Roland Kahn: Selbstverständlich: Tugenden aller Art, Lebensbewältigungsstrategien, Respekt und Völkerverständigung, Achtsamkeit, kulturelle Praxen, Kulturgeschichte (zu der auch die Religionsgeschichte und die Geschichte des Aberglaubens gehört) und nicht zuletzt die Achtung vor ihrer faszinierenden Ästhetik.

Jedenfalls sind Märchen kein Auslaufmodell…?

Roland Kahn: Im Gegenteil: Märchen sind „in“ wie noch nie, und die Gründe dafür sind ein kulturell hochinteressantes, eigenes Forschungsgebiet.

Die Märchen-Stiftung Walter Kahn

Die Stiftung: Die Märchen-Stiftung Walter Kahn wurde 1985 von dem Braunschweiger Reisebürokaufmann als gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts gegründet. Sämtliche Arbeiten wurden bis 1999 vom Stifter geleistet, seit dem 1.1. 2000 sind das Kuratorium und der Vorstand – mit dem Enkel Roland Kahn als Vorsitzendem – ehrenamtlich für die Umsetzung des Stiftungszwecks verantwortlich.

Die Arbeit: Die Stiftung organisiert und finanziert Märchen-Seminare, Tagungen und Veranstaltungen für Eltern, Lehrer, Erzieher und Forscher, fördert Dritte (z.B. Märchenerzähler) bei der Umsetzung ihrer Projekte und initiiert Ringvorlesungen an Universitäten und Hochschulen. Des Weiteren verleiht sie einmal im Jahr den Europäischen Märchenpreis sowie den Lutz-Röhrich-Preis für den wissenschaftlichen Nachwuchs und bringt einmal im Quartal den „Märchenspiegel“ heraus.

Veranstaltungen 2017: Die Märchentage zum Thema „„Zwischen Arthaus und Traumfabrik: Der neue Märchenfilm und das neue Filmmärchen“ finden heuer vom 27. bis 29. September im Gästehaus der Abtei Münsterschwarzach statt. In diesem Zuge wird am 28. September der Europäische Märchenpreis an die französischen Märchenforscherinnen Dr. Nicole Belmont und Alice Joisten verliehen. ljr

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