Kitzingen
Schule

Männer sind ein seltenes Bild in der Grundschule

Lothar Müßig gehört zu einer Minderheit. Er ist Grundschullehrer, und das mit Leib und Seele. Als Mann ist er in diesem Job aber eine absolute Ausnahme. Dieser Männermangel kann vor allem die Jungen benachteiligen.
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Lothar Müßig unterrichtet seit 18 Jahren an der Nikolaus-Fey-Schule und ist dort seit zwei Jahren zweiter Konrektor.  Foto: Sabine Herteux
Lothar Müßig unterrichtet seit 18 Jahren an der Nikolaus-Fey-Schule und ist dort seit zwei Jahren zweiter Konrektor. Foto: Sabine Herteux

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Wenn Lothar Müßig das Klassenzimmer betritt, richten sich alle Kinderaugen auf ihn, gehört ihm die ganze Aufmerksamkeit. Und das nicht nur deshalb, weil er der Lehrer und zudem noch zweiter Konrektor ist, sondern vor allem, weil er ein Mann ist. Männer sind an der Nikolaus-Fey-Volksschule in Wiesentheid nämlich eher dünn gesät. Um nicht zu sagen: die absolute Ausnahme. Die 241 Grundschüler werden von zehn Frauen unterrichtet - aber nur von zwei Männern. Ob sich dieser Männermangel gerade auf die Jungen auswirkt? "Es ist schon ein Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau vor einer Klasse steht", findet der 45-jährige Müßig.

Männer ticken anders als Frauen, auch im Unterricht und dem täglichen Umgang mit Kindern, davon ist der Pädagoge überzeugt.
Lehrerinnen seien verschiedenen Untersuchungen zufolge manchmal etwas strenger und penibler; Männer dagegen häufig eine Spur gelassener und großzügiger als ihre weiblichen Kolleginnen - gerade gegenüber den Jungen und ihrem ausgeprägteren Bewegungsdrang. "Als Mann identifiziere ich mich vielleicht mehr mit ihnen und habe mehr Verständnis, weil ich es noch aus meiner eigenen Kindheit kenne."

Ein Mann fehlt auch oft zuhause

Dass die Grundschule eine weitgehend männerfreie Zone ist - die Frauenqote liegt laut dem neuesten Bildungsbericht für Bayern bei 90 Prozent - kann Müßig zufolge deshalb den männlichen Nachwuchs benachteiligen, denn: "Sie haben dadurch viel geringere Erfahrungsmöglichkeiten." Denn nicht nur im schulischen, auch im familiären Bereich würde ein Mann im Leben der Kinder als Bezugsperson und Vorbild häufig fehlen. Sei es, weil die Eltern sich getrennt haben oder weil der Vater beruflich kaum zuhause ist und damit meist in beiden Fällen nur wenig Zeit mit seinem Kind verbringt.

Das Männerbild vieler Jungen ist laut Müßig statt dessen zunehmend von Superhelden im Fernsehen und in Computerspielen geprägt - und verzerrt. Müßig sieht sich da als Gegensatz, als "alltagstauglichen Normalmann", an dem die Kinder sich orientieren können, jemand, der ihnen vorlebt, wie ein Mann ist und wie er mit Konflikten umgeht. "Wenn sich unsere Gesellschaft im Kindergarten und in der Schule allerdings nur feminin präsentiert, ist es eben nur ein Ausschnitt und nicht das Abbild unserer Gesellschaft. Für die Kinder ist das nur suboptimal."

Wichtig fände Müßig deshalb eine gesunde Mischung von Frauen und Männern im Lehrerkollegium. "Dann hätten die Schüler beide Geschlechter als Identifikationsfigur", betont Müßig. Nicht nur die Jungen, auch die Mädchen könnten davon profitieren, ist er sich sicher.

Davon ist auch Heike Schneller-Schneider überzeugt. Sie ist Schulleiterin an der Grundschule Kitzingen-Siedlung. 25 Lehrerinnen und nur ein Mann geben hier den 345 Schülern Unterricht. "Junge männliche Lehrer als Bezugsperson zu haben, wäre sehr wichtig", sagt Schneller-Schneider. Damit den Schülern der Kontakt zu Männern nicht völlig fehlt, veranstaltete die Schule letzten Sommer einen Lesetag, bei dem vor allem Männer aus der lokalen Politik und Gesellschaft eingeladen wurden, den Kindern vorzulesen. Bei den Kids kam das gut an.

Für Schulpsychologin Monika Hartig-Klein muss der Männermangel an Grundschulen dagegen nicht zwingend eine Benachteiligung für die Schüler bedeuten. Für sie spielen die Klassenzusammensetzung und die Erfahrung der Lehrkraft eine viel größere Rolle. "Es kommt für Schüler vor allem auf die Persönlichkeit des Lehrers an, wie er mit ihnen umgeht, nicht darauf, ob der Lehrer ein Mann oder eine Frau ist", sagt sie.

Zu wenig Geld, zu schlechter Ruf

Dennoch ist der Wunsch nach mehr Männern in Grundschulen omnipräsent. Beide Geschlechter müssten präsent sein - in der Realität sieht das allerdings meist anders aus. Dass sich so wenige Männer für den Beruf des Grundschullehrers entscheiden, hängt Hartig-Klein zufolge vor allem mit dem Image des Berufs und den zu geringen Verdienstmöglichkeiten zusammen: "Die Bezahlung eines Grundschullehrers ist vielen zu schlecht und liegt immer noch deutlich unter der eines Gymnasiallehrers."

Viele Männer sehen den Job des Grundschullehrers außerdem immer noch als Domäne der Frau an, glaubt Lothar Müßig. "Dabei können wir Männer das doch auch", sagt er stolz. Er hätte sich keinen anderen Beruf für sich vorstellen können. Schon als junger Erwachsener war er viel in der Jugendarbeit tätig, besonders mit kleinen Kindern.

Und dass er als Mann allein unter Frauen ist, ist er auch von zuhause gewohnt. Dort warten nämlich nicht nur sein Sohn, sondern auch seine Ehefrau und drei Töchter auf ihn. "Das ist wohl mein Schicksal", scherzt er, während er seine Unterlagen für die nächste Unterrichtsstunde sortiert. Und dann wartet schon die nächste Klasse auf einen ganz seltenen Moment. Denn ein Mann als Lehrer, das ist auch für sie etwas ganz Besonderes.


Studie Laut dem aktuellen Bildungsbericht vom Münchner Institut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) werden Jungen später eingeschult, bleiben häufiger sitzen und machen niedrigere Abschlüsse als Mädchen. 3,9 Prozent der Jungen eines Jahrgangs schaffen dem Bericht zufolge überhaupt keinen Schulabschluss. Bei den Mädchen sind es mit 2,3 Prozent deutlich weniger. "Mädchen fällt die Schule oft leichter als Jungen", schreiben die Verfasser. Das sei schon seit Jahren so. Die Ergebnisse wurden im Auftrag des Kultusministeriums erarbeitet.

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