KITZINGEN

Zuhören und bestenfalls mitfühlen

Millionen Deutsche sind von Depressionen betroffen. Wie damit umgehen?
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Illustration Depression
Depression kann einsam machen. Betroffene und Angehörige wünschen sich, dass die Krankheit nicht stigmatisiert wird. Foto: Foto: Julian Stratenschulte/DPA
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Vier Menschen stehen auf der Bühne und nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie erzählen von ihren ganz persönlichen Erfahrungen und Wünschen. Die Zuschauer im Saal des Stadtteilzentrums in der Kitzinger Siedlung tun es ihnen gleich. Das Thema Depression bewegt – und verbindet.

Alexander und Annika Bothe vom Verein „Dieser Weg – Zurück ins Leben“ hatten eingeladen. Fast 30 Menschen waren gekommen. Betroffene, Angehörige, Neugierige. Sie diskutierten am Freitagnachmittag beim „1. Kitzinger Depressions-Trialog“ über den bestmöglichen Umgang mit dem Thema Depression. Ermutigendes kam dabei aus dem Publikum. Zwei Besucher berichteten, dass die Arbeitskollegen und Freunde ihrer Angehörigen durchaus verständnisvoll auf die Krankheit ihrer Kinder reagiert hatten. Von wegen Stigmatisierung.

Dennoch nickten viele Gäste zustimmend mit dem Kopf, als Moderator Markus Bock anmerkte, dass viele Menschen mit dem Themen Depression und psychische Erkrankungen nicht wirklich umgehen könnten. „Diese Menschen kann ich auch verstehen“, meinte der Mann, der seit Jahren unter Depressionen leidet und immer wieder Selbstmordgedanken hat.

Depression sei eine Krankheit wie jede andere auch, meinte Bock. Noch gebe es zu große Unsicherheiten im persönlichen Kontakt mit einem Betroffenen oder einem Angehörigen. Wie reagieren? Was sagen? Seine Bitte: Nicht alles kommentieren, nicht Ratschläge geben, nicht ignorieren und nicht verurteilen. „Zollen Sie den Betroffenen einfach Respekt, hören sie zu und fühlen Sie bestenfalls mit.“

Jeder Betroffene geht anders mit seiner Krankheit um. Alexander Bothe und Stefan Lange sind auf unterschiedlichen Wegen an die Öffentlichkeit gegangen und haben damit gute Erfahrungen gemacht. „Ich habe viele Menschen getroffen, denen es ähnlich wie mir ergangen ist“, erzählte Bothe, der sich seit Jahren ehrenamtlich engagiert. Genau wie Stefan Lange hat er einen Suizid-Versuch hinter sich, beide berichten von Gewalt und Missbrauch in ihrer Jugend. „Mein schönster Tag in der Kindheit war der, als mein Vater starb“, erzählte Lange. „Da war ich sechs Jahre alt.“ Lange Zeit hat er die Geschehnisse verdrängt, eine erfolgreiche Berufskarriere hingelegt. Irgendwann holte ihn die Vergangenheit wieder ein. „Nach einer Liebesaffäre ist meine äußere Hülle zerbrochen“, erinnert er sich. Lange fing an zu schreiben, veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Suicide – Drei Monate und ein Tag“. „Das Schreiben wurde zu meiner Therapie. So konnten die negativen Energien abfließen.“

Jeder muss seinen eigenen Weg finden, mit der Krankheit umzugehen. Das wurde in der Diskussion klar. Ohne Therapie geht es dabei nicht. Wie schwer es sein kann, einen guten Therapeuten zu finden, betonten nicht nur die drei Diskutanten auf der Bühne. Eine Besucherin berichtete, wie ihr eine falsche Diagnose gestellt wurde, wie es ihr dann von den verschriebenen Medikamenten „hundsmiserabel“ ging, wie schwierig und langwierig es gewesen sei, den richtigen Behandlungsansatz zu finden. „Medikamente ersetzen nie eine Therapie“, betonte denn auch Moderator Bock. „Sie sind nur eine Unterstützung und haben fast immer Nebenwirkungen.“

Eine Lanze für die Qualität der Therapeuten in Deutschland brach Stefan Lange. Es gebe sehr viele gute Therapeuten. Auch wenn es bei ihm insgesamt 18 Jahre gedauert habe, bis die richtige Diagnose gefunden war – bipolar, manisch-depressiv. Er rief die Zuhörer dazu auf, keinesfalls das Vertrauen in eine Gesprächstherapie zu verlieren und gab einer Zuhörerin Recht, die betonte, dass Sympathie für den Therapeuten wichtig sei. „Sonst kann ich mich nicht öffnen.“ Nach zwölf Wochen Therapie vor rund 20 Jahren erlitt sie vor einem Jahr einen Rückschlag. „Innerhalb von drei Wochen bekam ich einen Platz in einer Klinik“, berichtete sie. „Und hatte gleich Glück mit meinem Therapeuten.“

Nicht jeder hat dieses Glück. Gerade nach einem Klinik-Aufenthalt kann es lange dauern, bis ein ambulanter Therapie-Platz gefunden wird. „Bei mir hat es eineinhalb Jahre gedauert“, berichtete Markus Bock. Fast ein Jahr Wartezeit musste Alexander Bothe überbrücken. Auch er hat den Therapeuten mehrfach gewechselt, bis er den richtigen gefunden hatte. Letztendlich hat die Gesprächstherapie allen Beteiligten geholfen. „Verlieren Sie nicht das Vertrauen in diese Form der Behandlung“, appellierte Stefan Lange an die Zuhörer.

Das Vertrauen in die Ämter hat derweil Miriam Lotz verloren. Ihre Tochter wurde von deren Mann umgebracht. Seither kämpft sie um das Sorgerecht für ihre Enkelin. Kein Arzt habe sie auf eine mögliche psychische Erkrankung hin untersucht, dennoch werde sie von den Ämtern in die Schublade „posttraumatische Belastungsstörung und Depression“ gesteckt. „Dagegen muss ich mich immer wieder wehren“, meinte sie und sprach von einer Stigmatisierung.

Ihre anderen Kinder haben jeweils einen Therapieplatz bekommen. Ein Problem sei jedoch, dass es ihnen meistens relativ gut gehe, wenn eine Therapiestunde anstehe. „Aber wenn es ihnen schlecht geht, ist keine Hilfe da.“

Immerhin: Es gibt Selbsthilfegruppen wie die von Alexander und Annika Bothe. Sie bieten regelmäßig Sprechzeiten in Volkach an und die Möglichkeit, telefonisch Kontakt aufzunehmen. Den Kitzinger Depressions-Trialog wollen sie im nächsten Jahr fortsetzen. Weil es wichtig ist, über die Krankheit zu reden, mit anderen Betroffenen und Angehörigen ins Gespräch zu kommen. Bis dahin hat Markus Bock einen Wunsch: „Es wäre schön, wenn wir wegen unserer Erkrankung nicht in eine Schublade gesteckt werden.“

Kontakt: Selbsthilfegruppe „Dieser Weg – Zurück ins Leben“. Email: info@dieser-weg-zurueck.de, Tel. 09381/717401.

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