IPHOFEN

Zeit zum Umdenken

Die Landwirtschaft hat sich verändert, das macht es Bauern und ihren Familien schwer. Ein Gespräch über Schuldzuweisung, Opferrolle und überkommene Wertvorstellungen.
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Herbert Lang, Geschäftsführer des Verbandes für Ladnwirtwschaftliche Fachbildung, Bezirk Unterfranken. Foto: Foto: DAniela Röllinger

Iphofen 1988, Münsterschwarzach: Etwa 30 Frauen nehmen am ersten vlf-Frauentag teil. Im Mittelpunkt der Themen steht der landwirtschaftliche Betrieb. 2019, Iphofen: Über 200 Gäste sind zum 32. vlf-Frauentag gekommen. Im Mittelpunkt steht der Mensch. Der kommt heute in der Landwirtschaft oft viel zu kurz, sagt vlf-Geschäftsführer Herbert Lang. Er spricht von einer „bedenklichen Entwicklung“.

Frage: Der vlf Unterfranken lud kürzlich zum 32. Frauentag ein. Was steht hinter der Abkürzung?

Herbert Lang: Die drei Buchstaben stehen für den Verband für Landwirtschaftliche Fachbildung. Wir sind der Bildungsverband für Menschen, die eine Ausbildung im Bereich der Landwirtschaft oder Hauswirtschaft absolviert haben. Unser Ziel ist die fachliche Information und Weiterbildung der Mitglieder durch Vorträge, Seminare, Lehrfahrten und Fachtagungen.

Welche Veranstaltungen bieten Sie an?

Lang: Die Bandbreite ist groß, reicht vom Seminar für Unternehmensführung über den Frauentag bis zu Lehrfahrten ins In- und Ausland oder Schulungen über Veränderungen im Agrarsektor. So ging es am Dienstag – auch in Iphofen – vor dem Hintergrund der neuen Düngeverordnung um das Thema „Organische Nährstoffe gemeinsam besser nutzen“.

Ist der vlf agrarpolitisch aktiv?

Lang: Die Agrarpolitik ist mehr Sache des Bauernverbandes. Wir konzentrieren uns auf die Bildungsarbeit, auf die Frage „Was braucht der Landwirt von morgen?“. Wir bemühen uns aber auch um bessere landwirtschaftliche Lehrbuchinhalte für allgemeinbildende Schulen oder engagieren uns für mehr Lehrernachwuchs an beruflichen Schulen.

Beim Frauentag ging es aber nicht um fachliche Fortbildung.

Lang: Zu Beginn, 1988, standen eher betriebswirtschaftliche Fragen im Vordergrund, wie die Möglichkeiten einer partnerschaftlichen Betriebsführung im bäuerlichen Familienbetrieb. Wir wollten die Rollen der Bäuerinnen als Partner in der Leitung des Familienbetriebs stärken. Schon damals waren sie ja nicht mehr die klassischen Helferinnen auf dem Hof, sondern längst in die Betriebsführung involviert, haben die Büroarbeit übernommen, fuhren selbst Schlepper.

Warum hat sich das Themenfeld verändert?

Lang: Die Frauen sind heute sehr fit in der Betriebsleitung, besuchen fachliche Fortbildungen und entscheiden mit, wenn es um die Betriebsentwicklung geht. Der Mann ist nicht mehr der Alleinherrscher auf dem Hof. Die Frauen sind gleichwertige Partnerinnen in der Betriebsleitung.

Jetzt geht es eher um „weiche“ Themen. Das hört sich weniger wichtig an.

Lang: Das täuscht. Heute steht beim Frauentag meist der Mensch im Mittelpunkt. Es geht um ein Leben in Balance, um christliche Werte, Wege zu einem gesunden Selbstwertgefühl, die Verarbeitung von Ärger und Wut, Generationenbeziehungen im Wandel, Gesprächskultur, gelebte Partnerschaft. Wir haben gemerkt, dass Frauen sehr offen sind für diese wichtigen Themen des Zusammenlebens. Die Vorträge kommen sehr gut an. Die Frauen schildern freimütig ihre persönliche Situation in der großen Runde des Frauentages. In diesem Bereich sind die Männer immer noch hintendran. Dabei hätten sie es bitter nötig, über derartige Themen zu sprechen.

Warum?

Lang: Die Männer spielen meist den Souveränen, aber sie sind es oft nicht. Das lässt sich belegen: 17 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft fallen längere Zeit aus wegen Burnout- und Depressionsgefahr. Die Dunkelziffer möchte ich gar nicht wissen. Bei den Männern steht meist der Betrieb im Mittelpunkt, egal wie es ihnen selbst geht. Bei den Frauen steht eher der Mensch im Mittelpunkt.

Und es muss mehr um Menschen gehen?

Lang: Lebenssituationen und Rollenverständnis in den bäuerlichen Familien haben sich geändert. Ein Beispiel: Früher waren Trennungen bei Landwirtsfamilien äußerst selten, man hielt durch, egal wie schlecht es den Beteiligten damit ging. Heute kommt es, wie in allen Gesellschaftsschichten, vor, dass Betriebsleiter um die 50 plötzlich alleine da stehen. Das muss man erst mal bewältigen. Zudem ist die Arbeitsbelastung enorm gestiegen, der finanzielle Druck hoch, von der Vorschriftenflut ganz zu schweigen. Die Ehefrauen arbeiten oft halb- oder ganztags, stehen nicht mehr rund um die Uhr für den Betrieb zur Verfügung. Radikale Veränderungen, die mit alten Barrieren im Kopf nicht zu lösen sind. Was früher funktioniert hat, funktioniert heute nicht mehr.

„Barrierefrei im Kopf – welche Denkweisen uns weiterbringen“ darüber sprach Sebastian Wächter in Iphofen. Haben Sie ihn deshalb als Referenten ausgewählt?

Lang: Ich hatte Herrn Wächter selbst schon gehört und war extrem beeindruckt von seiner Lebensgeschichte und seiner Einstellung. Wenn jemand querschnittsgelähmt ist, gesagt bekommt, er könne nie mehr eigenständig leben, und sich trotzdem zurückkämpft, ist das beeindruckend. Er hat seine eigene Wohnung, fährt selbst Auto, hat sich erfolgreich selbstständig gemacht. Er hat gegen eigene und fremde Barrieren im Kopf angekämpft. Zudem stammt Sebastian Wächter aus der Landwirtschaft. Er weiß, dass sich die Landwirte in der Opferrolle ganz wohl fühlen. Die psychische Belastung der Bauernfamilien ist derzeit tatsächlich ungeheuer hoch – die Ansprüche der Gesellschaft sind riesig, Anerkennung und Akzeptanz gering. Das tut weh.

Weshalb die Landwirte kürzlich demonstriert haben.

Lang: Ich habe es in den 30 Jahren meiner Tätigkeit als Lehrer, Behörden- und Schulleiter noch nicht erlebt, dass unsere jungen Studierenden um schulfrei gebeten haben, damit sie an einer Demo teilnehmen können, um zu zeigen: „Schaut her, wir schaffen das nicht mehr. Die Gesellschaft muss uns helfen.“ Der Druck ist enorm. Das geht soweit, dass Kinder von Landwirten in den Schulen angemacht und beispielsweise als „Massentierhalter“ beschimpft werden. Das geht zu weit. Der Bauernstand als gesellschaftlicher Buhmann, allein verantwortlich für Klimawandel und Insektensterben. Sicherlich ist die Landwirtschaft für einen Teil des CO2-Ausstoßes in Deutschland verantwortlich. Aber je nach Berechnung sind das zehn bis 14 Prozent. Sie sind nicht allein für unsere Umwelt verantwortlich. Ein Verschiebebahnhof nach dem Motto: Wir haben einen Schuldigen gefunden, der soll es richten, hilft nicht weiter. Unser aller Lebensstil muss sich ändern.

Wie bekommt man die Landwirte raus aus der Opferrolle?

Lang: Kaum ein Bereich der Gesellschaft musste sich innerhalb weniger Generationen unter dem Einfluss von Wissenschaft und Technik so umfassend ändern wie die Landwirtschaft. Das sollte ihr ein starkes Selbstwertgefühl und Mut für künftige Herausforderungen geben. Bauern sind ein wertvoller Teil der Gesellschaft. Sie haben Respekt und Wertschätzung verdient. Oder kann sich jemand ein Land ohne Bauern vorstellen?

Sie fordern die Landwirtschaft aber auch zum Umdenken auf.

Lang: Oft sind überkommene Wertvorstellungen sehr belastend. Nehmen wir die Hofübernahme. Früher war klar, dass die Altenteiler ihr Leben lang auf dem Hof bleiben, bei einem Pflegefall die Bäuerin diese Aufgabe übernimmt. Heute arbeiten viele Frauen halb- oder ganztags, die Arbeitsbelastung ist immens. Wie sollen die das schaffen? Es gehört zu den Herausforderungen unserer Zeit, diese Themen frühzeitig anzusprechen. Wer den Hof abgibt, muss sich rechtzeitig überlegen, was passiert, wenn er mal nicht mehr so kann. Kann er der jungen Generation die Pflege aufbürden, nur weil es immer so war? Wird fremde Pflegehilfe akzeptiert? Muss die Betriebsleiterfamilie die Pflege alleine übernehmen? Da wird der Druck schnell zu groß, daran kann man krank werden und scheitern.

Deshalb ging es beim Frauentag auch um Pflege- und Betreuungsangebote?

Lang: Genau, das ist ein hochaktuelles Thema – und auch solche Themen sprechen wir an: letztes Jahr „Besser leben ohne Plastik“ oder vor einigen Jahren „Die Zukunft des Essens“. Die Aktualität ist einer der Aspekte bei der Themenfindung. Außerdem suchen wir Referenten, die etwas zu sagen haben und durch spezielle Themen aufgefallen sind, und versuchen, den Menschen und die Familien in den Mittelpunkt zu stellen. Wie gesagt: Die Arbeitsbelastung und der Druck sind groß. Da wird schnell vergessen, dass Menschen ihre Grenzen haben – körperlich, aber auch seelisch.

-> Lokales Seite 14

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