WÜRZBURG

Zeit für Veränderungen

Menschen 2019: Generaloberin Katharina Ganz nutzt die Gunst der Stunde und ergreift bei einer Papstaudienz das Wort. Wunsch nach glaubwürdigen Strukturen.
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Generaloberin Katharina Ganz richtet eine Bitte an Papst Franziskus: Er möge die Kommission, die die Frage nach der Weihe von Diakoninnen untersucht, nicht nur historisch und dogmatisch arbeiten lassen. Sie solle pastoraltheologisch ans Thema herangehen. Foto: Foto: Screenshot Vatican Media

Würzburg/Rom Im Mai stand sie in Rom und richtete eine Bitte an den Papst. Die Antwort ging um die Welt. Katharina Ganz, Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, über eine unerhoffte Chance und die Notwendigkeit, Frauen endlich als gleichwertige Mitglieder der Kirche zu akzeptieren.

Wie haben Sie den Papst empfunden und das Ambiente im Audienzsaal? Eher einschüchternd oder ermutigend?

Katharina Ganz: Für mich war sehr ermutigend, dass der Papst auf einer Ebene mit uns Schwestern Platz nahm und die Präsidentin der internationalen Vereinigung der Generaloberinnen (UISG) einlud, sich neben ihn zu setzen. Dafür hat er extra seinen Sessel gegen einen einfachen Stuhl austauschen lassen. Dieses Zeichen fand ich sehr sprechend und geschwisterlich.

Waren Sie nervös, als Sie vor dem Papst standen und eine Frage stellen durften?

Ganz: In der Tat war ich sehr aufgeregt. Diesmal kam es für uns alle sehr überraschend, dass der Papst einfach sein Redemanuskript weglegte und spontan dazu einlud, ihm Fragen zu stellen. Darauf waren wir nicht vorbereitet.

Wie haben Sie reagiert?

Ganz: Ich saß ganz am Rand in der Aula, weil ich die Audienz vorzeitig verlassen musste. Als Franziskus dann zum Gespräch einlud, schoss es mir durch den Kopf: Wenn ich nicht als Erste vorgehe und mein Anliegen formuliere, werde ich nicht mehr zum Zug kommen. Deshalb bin ich sofort aufgesprungen und nach vorne geeilt. Erst beim Gehen habe ich mir überlegt, was ich eigentlich sagen will.

Papst Franziskus hat gemeint, dass man die Offenbarung beachten und respektieren müsse, wenn Jesus keine sakramentale Weihe für Frauen gewollt habe. Diese Antwort dürfte Sie nicht zufrieden gestellt haben. Zumal er meinte, wem das nicht passe, der könne ja gehen und eine neue Kirche gründen.

Ganz: Die Weiheämter in der Kirche haben sich in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten allmählich entwickelt. Deshalb ist es theologisch bedenklich, die Frage nach der Weihe für Frauen direkt am geschichtlichen Jesus festzumachen. Ich halte es aber für wichtig, die historischen und dogmatischen Gründe, die bisher für den Ausschluss von Frauen herangezogen worden sind, in der heutigen Zeit auf den Prüfstand zu stellen. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die theologische Wissenschaft viele neue Erkenntnisse gewonnen. Es wäre zu wünschen, dass das kirchliche Lehramt diese Argumente berücksichtigt.

Warum tut sich die Kirche so schwer, Frauen als gleichwertige Mitglieder zu akzeptieren, ihnen Weiheämter zukommen zu lassen?

Ganz: Im Letzten fehlt bislang wohl der politische Wille, in dieser Frage neue wegweisende Entscheidungen zu treffen. Papst Franziskus kritisiert immer wieder den Klerikalismus und die Selbstbezogenheit vieler geweihter Amtsträger. Gleichzeitig ermutigt er die Bischöfe und das ganze Volk Gottes ihm Vorschläge zu machen, wie die Kirche auf die Zeichen der Zeit antworten könnte. Ich bin gespannt, wie er sich nun nach der Amazonien-Synode positioniert. Auch bei diesem Treffen wurde vielfältig zum Ausdruck gebracht, welche wichtige Rolle Frauen im Amazonasgebiet haben. Es gibt auch dort zu wenige Priester, die regelmäßig mit den Gemeinden Eucharistie feiern.

Ist eine Institution wie die Katholische Kirche nicht völlig aus der Zeit gefallen?

Ganz: Die frohe Botschaft, die Jesus verkündet und gelebt hat, wird seit 2000 Jahren durch Menschen von Generation zu Generation weitergegeben. Es braucht auch in Zukunft Formen, um das Gedächtnis an Jesus wach zu halten, den christlichen Glauben zu bezeugen und daraus zu leben. Ich frage mich aber, ob eine so große Institution wie die katholische Kirche dauerhaft überleben kann, wenn sie es nicht schafft, von einer zentralistischen Verwaltung wegzukommen und polyzentrische Strukturen auszubilden.

Was also muss sich ändern, damit sich etwas ändert?

Ganz: Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Ortskirchen mehr Kompetenzen zugestanden. Papst Franziskus ermutigt die Bischöfe immer wieder, Lösungen vor Ort auf drängende Fragen zu finden. Gleichzeitig finden immer noch Stimmen in Rom Gehör, die vor zu viel Eigeninitiative und Alleingängen warnen. Mein Wunsch ist, dass die Kirche in Deutschland im Synodalen Weg mutig nach vorne schaut und zu glaubwürdigen Strukturen und Wegen der Verkündigung findet.

Viele Frauen sind in diesem Jahr auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Die Bewegung „Maria 2.0“ sorgte für Aufsehen. Haben sich die Anstrengungen gelohnt?

Ganz: Durch die Demonstrationen und Aktionen ist deutlich geworden, dass viele engagierte Christen und Christinnen nicht länger bereit sind, die einseitigen patriarchalen Strukturen der Kirche mitzutragen. Die massenhafte Aufdeckung der Missbrauchsskandale und ihre Vertuschung durch Teile der kirchlichen Hierarchie machen umfassende Reformen unausweichlich. Noch ist aber völlig offen, was sich langfristig wirklich verändern wird.

Wie geht der Kampf weiter?

Ganz: Es braucht einen langen Atem, Gebet, Gesprächsbereitschaft, weitergehende Aktionen, Vernetzungen auf allen Ebenen und weltweit.

Woraus schöpfen Sie Hoffnung, dass sich etwas verändern wird?

Ganz: Gottes Geistkraft weht, wo sie will. Nicht nur in der Kirche, aber auch in der Kirche. Mein Glaube und Gespräche mit vielen engagierten Menschen hier und in anderen Ländern machen mir Mut, dass sich die frohe Botschaft Jesu am Ende durchsetzt und die Kirche zu Reformen fähig ist. Die ganze Kirchengeschichte ist letztlich ein Beweis dafür, dass Tradition und Innovation kein Widerspruch sind. Im Gegenteil: Nur wenn sie bereit ist sich zu ändern, kann die Kirche dem Auftrag Jesu treu bleiben.

Decken sich die Aussagen des Papstes mit seinen Taten?

Ganz: Als ich kürzlich den Kinofilm über Papst Benedikt XVI „Verteidiger des Glaubens“ sah, fiel mir auf, wie sehr sich das Papstamt in wenigen Jahren verändert hat. Allein durch seine äußere Erscheinung und seine Gesten hat Papst Franziskus die Kirche stark geprägt. Sein Eintreten für die Ärmsten der Armen, die Bewahrung der Schöpfung, aber auch seine dialogische, pastorale Art und seine offene Debattenkultur stimmen zutiefst mit seiner Namenswahl überein.

Was glauben Sie: Was würde Jesus denken, wenn er heute auf die Welt käme und sähe, wie seine Worte interpretiert werden?

Ganz: Jesus ist Mensch geworden, um unser menschliches Leben mit allen Facetten zu teilen. Ich glaube zutiefst, dass Jesus immer noch unter uns ist, mit uns lacht und weint, sich freut und leidet und den Weg der Menschheit durch alle Höhen und Tiefen mit uns geht. Freilich braucht er auch Humor, um alle Widersprüche auszuhalten und nicht daran zu verzweifeln.

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