LANDKREIS KT

Wozu der Herzschnitt gut ist

Wer Bäume fällen muss, braucht gesunden Menschenverstand und die richtige Technik. Forstwirtschaftsmeister Rainer Appel und sein Kollege Stefan Stark zeigen im Kitzinger Klingenwald, worauf es dabei ankommt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Fällschnitt soll immer höher angesetzt werden als die Fallkerb-Sohle. Dadurch entsteht, sobald der Baum kippt, eine Bruchstufe, die auch der Sicherheit des Holzfällers dient. Grafik: Rainer Appel Foto: Rainer Appel
+22 Bilder

Der jüngste Teilnehmer kam frisch vom Unterricht an der Forstschule Kelheim. Julian Frohnhoff aus Geiselwind ist 15 Jahre alt und Forstwirts-Azubi. Mit kritischem Blick beobachtete der junge Mann, wie Forstwirtschaftsmeister Rainer Appel und sein Kollege Stefan Stark im Kitzinger Klingenwald mehrere Bäume fällten.

Auf Einladung des Kitzinger Forstamtsleiters Klaus Behr und der Revierförster waren 65 Mitarbeiter der kommunalen Bauhöfe, der größeren privaten Forstverwaltungen und der Waldkörperschaften aus dem ganzen Landkreis gekommen, um zu beobachten, wie die Fachleute den „Sicherheitsschnitt“ setzen.

„Vergesst nicht: Es geht hier immer um unseren Selbstschutz!“
Rainer Appel, Forstwirtschaftsmeister

Rainer Appel hat 20 Jahre Erfahrung als Holzfäller im Spessart. Die neuen Sicherheitsvorschriften, die seit diesem Jahr im Wald gelten, kennt er bestens. Er weiß, dass der vorgeschriebene „Sicherheitsschnitt“ nicht unumstritten ist und betont deshalb: „Es geht einfach darum, sich selbst und andere bestmöglich zu schützen. Bei stärkeren Bäumen ist der Sicherheitsschnitt auf jeden Fall die beste Wahl.“

Was genau das bedeutet? Wie bei allen Arten des Baumfällens wird zuerst ein so genannter Fallkerb unten in den Stamm geschnitten. Diese Kerbe gibt die Richtung vor, in die der Baum später fällt. „Mindestens ein Fünftel, höchstens ein Drittel des Stammes wird eingesägt.“ Den ersten Schnitt setzt Appel waagerecht unten am Stamm an. Die Motorsäge kreischt, Holzspäne fliegen. Im 45-Grad-Winkel sägt Appel von oben dagegen, bis der Keil sich aus dem Stamm lösen lässt. Noch steht der Baum bewegungslos da.

Für den anschließenden Fällschnitt von der gegenüberliegenden Seite aus gibt es verschiedene Techniken; eine davon ist der neue Sicherheits- oder Haltebandschnitt. Bis zuletzt soll ein handbreiter Holzsteg („Halteband“) im Stamm stehen gelassen werden, so dass der Baum wirklich erst dann fällt, wenn auch dieses letzte „Band“ durchtrennt wird. „Dadurch hat der Arbeiter den Zeitpunkt des Fallens bei starken oder vorhängenden Bäumen viel besser im Griff“, erklärt Appel. „Sobald das Halteband zu reißen beginnt, heißt es für den Säger: Schnell weg vom Baum und ab in die sichere Rückweiche.“

Ist das Schwert der Motorsäge lang genug, lässt man das Halteband ganz hinten am Stamm – parallel zum Fallkerb – stehen, sagt Appel. Ist das Schwert kurz, kann man auch den T-Schnitt wählen. Dabei verbleibt im 90-Grad-Winkel zur Kerbe ein Steg mitten im Stamm. Beim Fällen wird er von hinten her durchtrennt.

Bei schwachen Stämmen kann es allerdings sein, dass die Haltebandtechnik aufgrund des geringen Durchmessers „nicht durchführbar“ ist, gibt der Forstwirtschaftsmeister auf entsprechende Fragen der Kursteilnehmer zu. Dann, sagt Appel, bringt er beim Fällschnitt bewährte Alu- oder Plastikkeile zum Einsatz, die er mit kraftvollen Schlägen mit dem Spalthammer in den Stamm treibt und Letzteren damit in die richtige Richtung umkeilt.

„Bei starken Bäumen und zu kurzer Schwertschiene kann man auch den Herzstich anwenden.“ Appel zeigt, was das heißt: Man sticht mit der Säge von vorne durch den Fallkerb, quasi mitten ins Herz des Baumes. Dadurch schmälert man dessen Durchmesser. „So ist man auch mit einem kürzeren Schwert noch in der Lage, die Fällschnitte beidseits fachgerecht zu setzen.“

„Eins ist klar: Man muss jeden Baum individuell beurteilen“, betont Rainer Appel. Das geschieht bei der so genannten Baumansprache. „Man schaut sich Stamm und Krone ganz genau an. Neigung und Größe sind entscheidend für die Fälltechnik, die man wählt, genauso wie eine starke Astbildung, Totholz oder Schäden am Stamm.“ Den Einsatzort müsse man ebenfalls genau inspizieren, die Geländeneigung einberechnen, ebenso wie Windrichtung, Nachbarbäume und Stolperfallen.

Im Zweifelsfall, rät Appel, lieber eine Seilwinde und ein Rückefahrzeug mit hinzuzuziehen, als sich nur auf die Motorsäge zu verlassen. „Vergesst nicht: Es geht hier immer um unseren Selbstschutz!“

Der Stamm wird nie ganz durchgeschnitten. Es bleibt immer eine Bruchleiste von etwa zehn Prozent des Baumdurchmessers stehen. Diese führt den Baum beim Fällen wie ein Scharnier in die richtige Richtung. Damit dieses Scharnier perfekt funktioniert, rät Rainer Appel: „Der Fällschnitt soll immer höher ausgeführt werden als die Fallkerb-Sohle. Dadurch entsteht eine Bruchstufe, sobald der Baum kippt, was auch der Sicherheit dient“, erklärt Appel. Mit einem Seil, das vor dem Sägen hoch am Stamm angebracht wird, können Kollegen oder der Fahrer des Rücke-fahrzeugs die Fallrichtung des Baumes besonders gut beeinflussen.

Wie das in der Praxis gehen kann, zeigt Appels Kollege Stefan Stark. Mit Hilfe einer Sicherheits-Steckleiter kommt er auf knapp vier Meter Stammhöhe und schlingt dort das Rückeseil um den Stamm. „Es gibt auch Teleskopstangen, mit denen man das Seil nach oben bugsieren kann und keine Leiter braucht.“

„Holzarbeit ist immer Teamarbeit“, macht Appel deutlich. „Und es ist immer Arbeit mit Herz und Hirn, Maß und Ziel.“ Gesunder Menschenverstand sei nötig, wenn es zu entscheiden gilt, was die eigene Sicherheit und die der Kollegen gefährdet – und was nicht. „Gerne lassen wir kleine Nebenbäume und Naturverjüngungen stehen. Nur wenn sie eine Gefahr beim Fällen darstellen, dann müssen sie eben doch vorher weichen.“

Julian Frohnhoff nickt. Sicherheit geht immer vor, das hat er auch schon in der Forstschule gelernt.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren