KITZINGEN

„Wir werden nicht aufgeben!“

Menschen 2019: Philipp Sagstetter streikt nicht nur, sondern der 16-jährige Schüler aus Obernbreit setzt in Sachen Umweltschutz so einiges in Bewegung.
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„Jeder Einzelne kann und sollte etwas tun!“: Der 16-jährige Schüler Philipp Sagstetter setzt sich für Natur- und Klimaschutz ein. Foto: Foto: SAGSTETTER
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Philipp Sagstetter aus Obernbreit kommt mit dem Fahrrad zum Interview. Als die Redaktion bei ihm angefragt hatte, ob er für ein Gespräch zur Serie „Menschen 2019“ zur Verfügung steht, hatte er erst gezögert: Es gehe doch gar nicht um ihn, sondern um die Sache, die Natur, die Artenvielfalt, den Klimaschutz. Dafür setzt der 16-Jährige sich nicht erst seit seiner Oberstufenzeit im Marktbreiter Gymnasium ein. Schon seit längerer Zeit ist er beim Bund Naturschutz und beim Landesbund für Vogelschutz aktiv. Als die Fridays-for-Future-Bewegung auch in Würzburg zu streiken begann, war für Philipp klar, dass er da mitmacht. Seither fährt eine Gruppe von Gymnasiasten regelmäßig nach Würzburg zu den Klima-Demos. Alle ausgefallenen Stunden müssen nachgeholt werden, weshalb Philipp und seine Mitstreiter in ihrer Schule die Umwelt-AG gründeten. Sie organisieren Umweltprojekte (Upcycling, Mülltrennung) sowie Info-Veranstaltungen für Mitschüler zum Thema Klimaschutz.

Was sagst Du zum Ergebnis des Weltklimagipfels in Madrid?

Philipp Sagstetter: Es ist eine Enttäuschung mehr. Ich hatte gehofft, dass man global an einem Strang ziehen und sagen würde: Wir lösen das Klimaproblem gemeinsam. Alle wissen, dass sich die Erde bedrohlich erhitzt, aber die Länder steuern nicht schnell genug dagegen. So sind wir weit von dem entfernt, was sich vor vier Jahren 195 Staaten im Pariser Klimaabkommen zum Ziel gesetzt haben, nämlich die Erwärmung der Welt auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen.

Zumindest haben sich aber die Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rats darauf geeinigt, dass Europa der erste klimaneutrale Kontinent der Welt werden soll.

Das ist gut, keine Frage, aber bis 2050 ist es noch eine lange Zeit und wir haben diese Zeit nicht mehr. Wir sind schon jetzt an einem Punkt, wo das System zu kippen droht. Natürlich sind die Industriestaaten jetzt in der Pflicht: Diejenigen, die jahrzehntelang Emissionen rausgehauen haben und auf Kosten anderer Länder zu Reichtum und Wohlstand gekommen sind, müssen in Sachen Klimaschutz eine Vorreiterrolle übernehmen. Das kann sich auch wirtschaftlich lohnen und eine Chance sein!

Eine Chance – inwiefern?

Indem man Methoden und Technologien entwickelt, die uns helfen, in Bereichen wie Energiespeicherung, Mobilität, Wohnen und CO2-Speicherung voranzukommen.

Sind denn solche Alternativen in Sichtweite?

Ja. Mittlerweile haben wir zig Studien und Forschungsergebnisse, die Lösungsansätze aufzeigen. Die gilt es aber auch konsequent zu fördern. Wenn Deutschland in dieser Hinsicht führen und mit gutem Beispiel vorangehen würde, wäre das doch super. Aber im Moment berufen wir uns auf ein, immer noch, lächerliches „Klimapaket“. Generell müssen wir alle unseren Konsum reduzieren.

Ist das Bewusstsein, dass wir ein Klimaproblem haben, überhaupt überall vorhanden?

Ich finde schon, dass das Problembewusstsein da ist. Bei vielen Jugendlichen sind Klimawandel und nachhaltiges Leben mittlerweile große Themen. Natürlich machen auch viele Menschen weiter wie bisher, konsumieren wie verrückt und realisieren nicht, dass Klimaschutz uns alle angeht und wir eine Verantwortung haben für diese Erde. Ich denke nicht, dass es am Bewusstsein der Leute mangelt, eher vielleicht an der Bereitschaft, gewohnte Verhaltensweisen aufzugeben.

Worauf spielst Du genau an? Inwieweit fließt Klimaschutz in Dein Leben ein?

Wir alle sollten uns ganz sachlich über den Klimawandel und seine Folgen informieren. Wir sollten lernen, auch mal Verzicht zu üben, unseren Konsum runterzufahren und ein Stück weit unser bequemes Leben aufzugeben. In meiner Familie fahren wir mit dem Rad oder mit dem Zug und versuchen, das Auto so wenig wie möglich zu nutzen. Wir kaufen Lebensmittel am Ort und direkt beim Erzeuger – regionales und saisonales Essen ist ein großer Vorteil des Landlebens. Wir essen wenig Fleisch und versuchen, Plastikverpackungen zu vermeiden. Generell finde ich, wir sollten unsere Lebensmittel wieder viel mehr wertschätzen.

Du hast in Deiner Schule viele Umweltprojekte mit angestoßen, bist im Bund Naturschutz und in Sachen Vogelschutz aktiv. Was treibt Dich an, soviel Zeit zu investieren?

Mich hat der Natur- und Artenschutz schon immer interessiert. Ich möchte dazu beitragen, dass unsere Erde lebenswert bleibt, und Menschen davon überzeugen, dass wir etwas dafür tun müssen. Wir können doch nicht weiterhin auf Kosten Anderer im Überfluss leben.

Noch ein Wort zu Greta Thunberg, die auch hier in Deutschland die Menschen polarisiert. Was denkst Du über sie?

Sie hat auf jeden Fall viele inspiriert und ist ein Sprachrohr der jungen Generation, die Angst um ihre Zukunft hat. Sie hat dafür gesorgt, dass viele Probleme, die früher eher einzeln in den Medien wahrgenommen wurden – zum Beispiel Waldbrände, Hitzeperioden, Stürme –, jetzt in ihrem weltumspannenden Zusammenhang gesehen werden: als Folgen davon, dass sich unser Planet ziemlich schnell erwärmt.

Was würde passieren, wenn Greta sich aus der Öffentlichkeit zurückzöge?

Die Fridays-for-Future-Bewegung wird auf jeden Fall weitergehen – wir werden nicht aufgeben! Denn Millionen von Menschen weltweit geht es um die Botschaft, um die Inhalte – egal, wer vornedran steht. Wir Jugendlichen kämpfen weiterhin für unsere Zukunft – und werden dabei von immer mehr Erwachsenen unterstützt. Die Klimabewegung ist nicht mehr aufzuhalten.

MENSCHEN 2019: Wer hat uns heuer besonders beeindruckt? Wer war besonders mutig und weitsichtig? Besonders verrückt oder besonders erfolgreich? Diese Fragen beantworten unsere Redaktionsmitglieder ganz unterschiedlich. Jeder Kollege trägt mit seinem Beitrag über einen „Menschen 2019“ zu einem ganz speziellen Jahresrückblick bei.

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