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KITZINGEN

Wer oder was ist das Christkind wirklich?

Eine Fränkin hat herausgefunden, was Frau Holle, Frau Percht und Geistergestalten mit unserem Weihnachtsfest zu tun haben.
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Spannend: Renate Reuthers Enthüllungen über Holle, Percht und Christkind.FOTO Diana Fuchs Foto: Diana Fuchs
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Weihnachten als wüstes Gelage? Mit lärmenden Umzügen vermummter Gestalten? Mit Schellenklang und Kettengeklirr in dunkler Nacht? Tatsächlich erlebten unsere Vorfahren ein ganz anderes Weihnachtsfest als die Familienfeier, die viele von uns zelebrieren. Dass wir heutzutage dennoch unbewusst viel altes, vorchristliches Brauchtum weitertragen, hat Dr. Renate Reuther herausgefunden. Die Historikerin aus Coburg hat mit fast schon kriminalistischem Spürsinn nach den Ursprüngen von Weihnachten gefahndet – und Überraschendes entdeckt.

Was würde wohl ein Pfarrer über Ihr Buch sagen? Darin steht, dass Maria, die Mutter Jesu, ein Ersatz für die „Urmutter“ Holle/Percht ist und dass die Festlegung von Jesu Geburtstermin eine politische Entscheidung war, um ältere Feiertage auszuschalten.

Renate Reuther: Zum Glück wird ja heute niemand mehr als Hexe verbrannt. Außerdem geht es mir ganz und gar nicht darum, eine Front gegen die Kirche aufzubauen, sondern einfach darum, den Ursprung unserer heutigen Weihnacht darzustellen. Die Kirche hat 1000 Jahre lang versucht, Weihnachtsbräuche zu verbieten. Christbaum, Geschenke, Lebkuchen, Singen, Tannenreisig in die Stube legen – alles war verboten. Doch die Leute haben sich nicht an das Verbot gehalten. Sie haben darauf bestanden, mit lärmenden Umzügen die Geister zu vertreiben, im Sinn von Frau Holle oder Frau Percht Lebkuchen zu backen und die Stube zu schmücken. Letztendlich hat die Kirche ihren Frieden damit gemacht – und viele alte Bräuche einfach zu ihren eigenen umgeformt. Zum Beispiel, indem sie die Urmutter Holle/Percht teilweise durch Mutter Maria ersetzte.

Auch der Nikolaus mit seiner Rute ist auf die Ur-Weihnacht zurückzuführen, schreiben Sie. Die Figur ist damit wesentlich älter als der Bischof von Myra, aus dem 3. Jahrhundert, von dem wir heute den Kindern erzählen.

Ja, auch er gehört zur vorchristlichen Welt um Frau Holle und Frau Percht. Diese Figuren, die je nach Region auch ähnlich lautende Namen tragen, sind personifizierte Gottesvorstellungen der Antike, der keltischen und auch der germanischen Überlieferung nach. Verallgemeinernd spricht man von „Perchtengestalten“. Die katholische Kirche ging gegen die ursprüngliche Perchtengestalt des Nikolauses mit Sack und Rute auf besondere Weise vor: Sie erschuf mit dem Bischof Nikolaus eine Konkurrenzfigur.

Wie viel von der Ur-Weihnacht steckt noch in unseren Weihnachtsritualen?

Bis auf die Christmette ist fast der ganze Rest von der Ur-Weihnacht beeinflusst. Bis ins Mittelalter war Weihnachten ein rein kirchliches Fest, so wie es Pfingsten heute noch ist. In den Kirchen wurden Gottesdienste abgehalten. Doch draußen, auf dem Dorf und in den Gassen der Städte, fand bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein die Ur-Weihnacht statt, mit Umzügen, mit Lärmen, Schreien – man hat in der Gemeinschaft gegen Angst und Winterdepression angefeiert. Nur so ist man durch die dunkle Zeit gekommen.

Apropos dunkle Zeit: Was hat es mit der „magischen Übergangszeit“ vom alten auf das neue Jahr auf sich – mit den Zwölften, den Raunächten, der Wilden Jagd?

Die Zwölften verbinden Weihnachten, die Sonnenwende und die beiden Neujahrstermine 1. und 6. Januar miteinander. Das Sonnenjahr hat ja 365 Tage, das Mondjahr zwölf Nächte und elf Tage weniger. Diese Zeit war für unsere Vorfahren eine ganz besondere. Sie sind an den Zwölften quasi aus der Zeit gefallen, man könnte auch sagen, sie bekamen zwölf Bonusnächte. Was man da erlebte oder träumte, war vorbedeutend fürs neue Jahr. Vor den Zwölften wollte man das ganze Haus sauber haben, es wurden keinerlei Arbeiten in diese Zeit gelegt. Man wollte zusammensein und feiern. Um danach mit neuer Kraft das neue Jahr zu beginnen.

Was hat Sie während der Recherche zu dem Buch am meisten beeindruckt?

Das Faszinierendste ist, dass viele Bräuche und Rituale über tausend Jahre nur durch mündliche Überlieferung erhalten geblieben sind. Wenn etwas so viel Lebenskraft hat, dann lohnt es sich, darüber nachzudenken.

Trotz Reibungspunkten mit der Kirche hat das Ganze ja auch etwas Versöhnliches: Wir tragen die Kultur unserer Vorfahren weiter.

Wenn wir Lebkuchen backen oder den Christbaum schmücken, reichen uns unsere vorchristlichen Mütter sozusagen die Hand. Die haben das tausend Jahre lang trotz Verbots gemacht. Wenn wir das auch tun, bewahren wir die versunkene Glaubenswelt unserer Vorfahren.

Warum haben Sie überhaupt alte Weihnachtsbräuche hinterfragt?

Schon als Kind habe ich gegrübelt, warum es zwei Christkinder gibt. Eines ist ein Mädchen im weißen Hemd, das Geschenke bringt, das andere ein Junge in der Krippe. Ich habe mich damals nicht zu fragen getraut. Als erwachsene Historikerin wollte ich endlich wissen, warum das so is und was der Ursprung ist.

Und was ist der wahre Ursprung des Christkindes?

In zahlreichen Orten zog das leibhaftige Christkind mit einer Schar von Perchtengestalten um, mit Berta oder Pelzmärtel, mit Hullefraa oder Nikolaus. Wie sie trug es eine Rute und verschenkte die klassischen Gaben: Äpfel, Nüsse und Gebäck. Mit weißem Hemd und goldenen Locken ist es die sittsam gewordene, kindgerechte Frau Holle/Percht. Percht heißt gleißend, glänzend.

Hat sich Weihnachten für Sie verändert, seitdem Sie das alles wissen?

Mein Blick auf Weihnachten ist jetzt ein deutlich anderer. Als ich angefangen habe, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass das so ausufern würde. Fünf Jahre lang habe ich immer wieder recherchiert und geschrieben. Erst in Coburg in der Landesbibliothek und im Archiv. Dann bin ich ein halbes Jahr lang jeden Tag nach Bamberg gefahren und habe im Archiv gewühlt, später auch in Rudolstadt. So kamen immer mehr Puzzleteile zusammen. Auf viele Bräuche ist neues Licht gefallen.

Sie schreiben, dass viele Bräuche zwar einen gemeinsamen Ursprung haben, aber unterschiedliche Ausprägungen je nach Region. Wie sieht es im Raum Kitzingen aus?

Von Wertheim bis Würzburg kam früher eine weiß gekleidete Holle mit Rute und Geschenken zur Bescherung – offensichtlich war das der direkte Vorläufer des Christkinds. In Kleinochsenfurt werden Weihnachtsbäume/Fichten in der Kirche schon 1737 erwähnt, während sie zum Beispiel in der Oberpfalz noch als unchristlich verboten waren. Von Kitzingen direkt ist überliefert, dass die Ratsherren bis Mitte des 17. Jahrhunderts zu Martini mit den eingesammelten Abgaben ein zeremonielles Festmahl abhielten, die Martini-Mahlzeit, zu der auch Honoratioren wie Arzt, Schullehrer, Apotheker und so weiter eingeladen waren.

Was erhoffen Sie von Weihnachten?

Dieses Fest hat es schon vor Christus gegeben und auch parallel zur Christianisierung. Die Ur-Weihnacht steht über allen Religionen und ist eine Feier der Lebenskräfte und der winterlichen Hoffnung, dass Licht und Wärme wiederkommen. Es ist etwas existenziell Menschliches. Daran kann jeder teilhaben, auch Andersgläubige können versöhnlich mitfeiern. Das ist für mich ein zukunftsweisendes Weihnachtsfest.

Zur Person: Dr. Renate Reuther, Jahrgang 1958, ist in Kulmbach aufgewachsen, hat in Erlangen Englisch, Geschichte und später Wirtschaftswissenschaften studiert und als Dozentin in verschiedenen Bundesländern gearbeitet. Über ihren Mann ist sie wieder in die fränkische Heimat zurückgekommen und lebt mittlerweile in Coburg.

Zum Buch: „Enthüllungen über Holle, Percht und Christkind“, 18 Euro, gebundene Ausgabe, 258 Seiten, Engelsdorfer Verlag, ISBN 978-3-96008-931-5.

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