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Kitzingen

Fest am Fasten: Wenn das Lächeln schwer fällt

Die Redaktion schwankt zwischen Frust und überragenden Gefühlen. Im Endspurt zeigt sich, wer die besten Argumente auf seiner Seite hat.
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Er kniet sich von Anfang an rein für die Fastenaktion dieser Zeitung: Ralf Dieter. Foto: Foto: Diana Fuchs
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Kitzingen

Es geht ans Eingemachte! Die meisten Redaktionsmitglieder kommen kurz vor dem Ziel an ihre Grenzen. Jetzt gilt es, noch mal Disziplin walten zu lassen. Oder Kreativität.

Daniela Röllinger

(verzichtet auf Überflüssiges und Fleisch): „Weg mit dem Überflüssigen!“, hatte ich mir zu Beginn der Fastenzeit vorgenommen und mich gefreut, mir ein so weites Feld ausgesucht zu haben. Ein paar Wochen später muss ich sagen: So ganz meins ist das Thema dann doch nicht. Es gibt viel zu viel, was ich anpacken könnte. Das ist wie mit dem Berg Bügelwäsche. Je größer er ist, desto weniger Lust hat man, überhaupt anzufangen.

Aber es hilft ja nichts. Wenn ich mich nicht gänzlich dem Spott des Kollegen Die. aussetzen möchte, muss ich was tun. Also war diese Woche Gartenarbeit dran. Im Rosenbeet vor dem Haus hatte sich tatsächlich sehr viel überflüssiges Unkraut festgesetzt. Dazu müssen Sie wissen: Ich hasse Gartenarbeit. Wie andere darin Entspannung und Erfüllung finden können, ist mir ein absolutes Rätsel. Erdbeeren und Himbeeren ableeren und dabei das eine oder andere Früchtchen vernaschen, das ist Gartenarbeit nach meinem Geschmack. Aber Unkraut jäten?

Das Lächeln fürs Foto, das mein Home-Office-Sohn für diesen Bericht machen durfte (musste?), fiel doch eher gequält aus. Er musste mehrfach abdrücken, bis mir eines halbwegs gefiel. Zumal mir mein grauer Haaransatz bei dem Bild sofort ins Auge stach – der wird auch immer länger. Furchtbar. Ein Besuch beim Friseur wäre alles andere als überflüssig. Aber was will man machen, in Corona-Zeiten? Ich denke darüber nach, mich Frisuren-technisch meinem Chef anzugleichen.

Nina Grötsch

(Autofasten): Selten waren die Versuchungen in der Fastenzeit so gering wie in diesem Jahr. Wäre mein Auto nicht XXL, noch dazu knallrot und stünde aktuell nicht im Hof (damit in der Garage meine Fahrräder und mein Roller in perfekter Startposition stehen) – ich wüsste vermutlich schon gar nicht mehr, dass ich überhaupt so etwas wie ein Auto besitze.

Der Corona-bedingte Stubenarrest macht den vierrädrigen Untersatz tatsächlich zur Nebensache. Vor ein paar Tagen habe ich deshalb ernsthaft darüber nachgedacht, unser Verhältnis wieder ein bisschen zu stärken, indem ich das Innere meines Autos mal wieder auf Vordermann bringe. Dann ist mir allerdings eingefallen, dass der Verzicht auf Unnützes (und dazu zähle ich alte Parkzettel, Verpackungen von Süßigkeiten und sämtliche Variationen an Essensbröseln) ganz klar im Hoheitsgebiet meiner Kollegin liegt. Da wollte ich dann doch nicht wildern…

Mein Auto und ich halten also weiterhin Abstand. Ich bin froh über das schöne Wetter, bei dem sich Radfahren tatsächlich als nette Alternative entpuppt. Mittlerweile habe ich sogar das geliehene E-Bike gegen ein „echtes“ Fahrrad eingetauscht. So kann ich beim Bergauffahren nebenher ganz wunderbar die angestaute Lagerkoller-Aggression wegstrampeln.

Julia Volkamer

(Fernseh-Fasten): Ich gebe zu, so langsam regt es mich auf. Bisher habe ich immer noch das Gute daran gefunden, nicht fernsehen zu dürfen. In Woche fünf merke ich, wie sich meine Nerven immer weiter spannen...

Beim mittäglichen Wäschezusammenlegen kam ich dem Fastenkollaps gefährlich nahe. Unter der Woche schaffe ich es derzeit nicht, die Wäsche an einem Stück aus dem Trockner in den Korb und dann in die Schränke zu räumen. Dazu ist die Zeit, bis das erste Kind nach Saftschorle in der Flasche, geschnittenen Äpfeln und einer Folge Feuerwehrmann Sam schreit, zu kurz. Bis zum Wochenende hatte sich also einiges angesammelt. Vier überquellende Wannen, um genau zu sein.

Während Mann und Kinder auf dem Sofa vor sich hin gammelten, schleppte ich die Ungetüme ins Wohnzimmer. Im Normalfall schalte ich dann den Fernseher ein, zum Beispiel „Shopping Queen – die Wochen Zusammenfassung“. Es ist für mich geradezu meditativ, Guido Maria Kretschmer zuzuhören, die Kandidatinnen rennen zu sehen und dabei Shirts, Socken und Schlafanzüge zusammenzufalten. Diesmal sah ich den Bildschirm nur von hinten, das „Wiüiüiüiü“ des Feuerwehrautos und das Gegluckere der Zuschauer rief mir in Erinnerung, was die gerade dürfen – und ich nicht!

Ein anderes Mal würde ich mich vielleicht daran erfreuen, dass sich meine Lieben so freuen – gerade aber nicht! Kurz überlegte ich, zumindest den Großen meiner Männer an den Tisch zu zitieren, damit er seinen Sch… selbst zusammenlegt. Immerhin produzieren er und seine Jungs mindestens 90 Prozent der Wäsche. Aber ich habe mich besonnen. Schließlich können sie nichts dafür, dass ich mir diese Fasten-Herausforderung ausgesucht habe. Dank großem Pott Milchkaffee und dem Streuselkuchen meiner Mama kämpfte ich mich fernsehfrei durch die Wäsche-Rocky-Mountains. Danach war ich stolz und freute mich kurz auf einen gemütlichen Abend vor der… Ach nein. Doch nicht. Wie mich das aufregt!

Ralf Dieter

(Sport und keine Süßigkeiten). Wer Überragendes leistet, der kann sich auch mal ein wenig zurücknehmen. Sich gehen lassen. Zumindest für einen Moment. Vier Wochen lang war ich auf dem Pfad der Fasten-Tugend unterwegs. Keine Süßigkeiten und bewegt habe ich mich auch ganz ordentlich. Letzten Samstag beispielsweise die Traumrunde Kitzingen-Sulzfeld marschiert – sehr empfehlenswert. Sonntag dann noch einmal rund 15 Kilometer gelaufen. Bei der Rückkehr stand dann dieser Kuchen auf dem Tisch. Fluffig, mit Apfelstückchen gefüllt. Geburtstagsüberraschung für meinen Sohn von seinen Lieblings-Schwestern. Soll ich da Nein sagen? Soll ich den jungen Mann enttäuschen und riskieren, dass er Zeit seines Lebens nicht mehr glücklich wird, weil ihn sein Vater einst am Geburtstagstisch ignorierte?

Ich entschied mich für eine soziale Lösung und gegen die selbst auferlegte Isolation meiner Fastenwelt. Und weil ich gerade dabei war, habe ich noch einen Löffel Sahne und etwas Eis auf den Teller gegeben. Und wieder einmal fühlte ich mich überragend.

DIANA FUCHS

(15.000 Schritte täglich und Lügenfasten): Ungelogen – das größte Donnerwetter würde nicht reichen, um das dreiste Treiben unseres männlichen Kollege adäquat zu würdigen. Kuchen, Eis und Sahne – der „Süßigkeitenfaster“ haut rein. Er ist wahrlich Wochensieger – im Umdeuten und kreativen Neuinterpretieren der eigenen Leistung. Naja, zumindest hat er gestern die Altpapierstapel aus der Redaktion in den Hof getragen, wo die blaue Tonne steht. Seine mutmaßlich größte sportliche Leistung der vergangenen Woche...

Abgesehen vom Mann im Team schlagen sich aber alle wirklich wacker. Ich bin stolz auf die Kolleginnen – und auf mich selbst auch. Tapfer dreh' ich meine Runden, früh oder spät, mit und ohne Hund, durch Wald, Feld und Flur. Ich habe versteckte Pfade entdeckt, Hase, Füchse und Rehe in freier Wildbahn gesehen. Nur am Freitag habe ich die 15.000 Schritte nicht geschafft, da war ich irgendwie geschlaucht – aber am Samstagabend standen dafür 22.000 auf dem Zähler.

An meinen Bürotagen „geht“ natürlich auch was: Meine liebe Nachbarin Birgit hat mir eine Tasse mit Gummideckel geschenkt, damit ich auch auf meinem laufenden Schreibtisch, dem „Walkolution“ mit Laufband unterm Computer, ohne Kleckergefahr einen Kaffee trinken kann. Danke! Das gibt Schwung für den Endspurt – und dem Begriff „Coffee to go“ eine ganz neue Bedeutung...

In diesem Sinn: Frohgemut geht's auf in die letzte, die entscheidende Fastenwoche!

Wer ist noch dabei? Wer fastet weiterhin – und was? Wir freuen uns über Nachrichten auf unserer Facebook-Seite „Fest am Fasten“ oder per Mail:

redaktion.kitzingen@infranken.de