KITZINGEN/WÜRZBURG

Von wegen Ausruhprojekt

Die Hilfsaktion „Liebe im Karton“ hat in diesem Jahr die Tafeln in Franken als Begünstigte ausgewählt. Es kamen deutlich mehr Pakete zusammen als gedacht
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Tobias Winkler (hinten links) und ein paar der insgesamt rund 80 Helfer. Rund 5000 Kartons sind dank ihrer Arbeit an bedürftige Kinder gegangen. Foto: Ralf Dieter
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Das Wort „Ausruhen“ verbinden die meisten Menschen mit Muße, mit dem süßen Nichtstun, mit Entspannung. Ganz anders Tobias Winkler und seine Helfer vom Projekt „Liebe im Karton“. Rund 5000 Pakete haben sie in den letzten Wochen durchgesehen, ergänzt, manches aussortiert, wieder verpackt, gestapelt und dann an die Verantwortlichen der Tafeln in Franken übergeben. Die Halle in der Nähe des Berliner Rings in Würzburg war teilweise picke packe voll mit Paketen. Vier Wochen lang wurde im Vier-Schicht-Betrieb, von 8 bis 21 Uhr, gearbeitet. Sieben Tage die Woche. Dennoch sagt der Leiter des Projektes in Würzburg: „Das war heuer ein Ausruhprojekt.“

2018 ging es nach Syrien

2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle, hat sich das Hilfsprojekt gegründet. Das Prozedere: Freiwillige verteilen in ihren Gemeinden und Stadtteilen leere Kartons, die Spender für notleidende Kinder befüllen. Socken, Pullover, Shampoos, Spielsachen, Schokolade und vieles mehr können eingepackt werden. An den lokalen Sammelstellen werden die Pakete abgeholt und zur Zentrale in Würzburg gefahren. Von dort geht es zum jeweiligen Bestimmungsort.

In Syrien haben die Helfer im letzten Jahr rund 8000 Pakete verteilt. Mit zwei Lkw sind sie in die Krisenregion gefahren. Gesammelt wurde vorher in vielen deutschen Großstädten. „Ein riesiger Aufwand“, erinnert sich Winkler. In diesem Jahr wollten die rund 80 Helfer etwas kürzertreten und haben sich für ein regional begrenztes Projekt entschieden. Die Tafeln in Franken sollten profitieren, genauer: die Kinder der dort gelisteten Bedürftigen. Mit rund 2000 Paketen hatten die Helfer gerechnet. Gekommen sind mehr als doppelt so viele.

Herbert Müller, „Verwaltungschef“ der Kitzinger Tafel, steht im Keller des Kitzinger Bauhofs und freut sich. Die meisten Kartons sind bereits verteilt worden. Jeden Mittwoch und jeden Samstag haben die Helfer der Kitzinger Tafel Ausgabetag. Dann kommen die Bedürftigen aus Stadt und Landkreis und holen Lebensmittel und andere Dinge für den täglichen Bedarf. Für deren Kinder gab es in diesem Jahr obendrein eine besondere Überraschung.

Sonder-Abholtag in Kitzingen

Etwa 325 Pakete sind nach Kitzingen gegangen. Im Vorfeld hatte Herbert Müller alle Hände voll zu tun. Der „Verwaltungschef“ bei der Tafel musste diejenigen Bedürftigen ermitteln, die Kinder haben, und die Daten nach Alter und Geschlecht sortieren, schließlich gibt es Pakete für Kleinkinder und welche für Jugendliche. Die Kartons für Mädchen haben andere Inhalte als die für Jungs. Seine Listen hat er im Oktober an Tobias Winkler geschickt. Anfang Dezember sind Helfer mit zwei Kleinbussen nach Würzburg gefahren, um die gepackten Kartons abzuholen. An einem Dienstag haben die Kitzinger einen Sonder-Abholtag eingerichtet. „Da kamen mehr als 100 Leute“, freut sich Müller.

Trotz des immensen logistischen Aufwands habe sich die Aktion gelohnt, meint Müller, der seit 15 Jahren ehrenamtlich für die Kitzinger Tafel tätig ist. „Ich hatte damals von der Gründung der Tafel in der Zeitung gelesen und wollte mir das mal vor Ort anschauen“, erinnert er sich. Müller ist gleich für die Gemüse-Ausgabe eingeteilt worden. Seither engagiert sich der 73-Jährige. „Die Leute freuen und bedanken sich“, erzählt er und vergleicht das Ehrenamt ein wenig mit der Arbeit eines Pfarrers: Man kommt miteinander ins Gespräch, ist auch ein Stück weit Seelsorger. „Ich kenne alle Krankheiten unserer Kunden.“

Etwa 45 Helfer hat die Kitzinger Tafel – und die sind nötig, schließlich steigt die Zahl der Bedürftigen stetig an. „In meinem ersten Jahr kamen etwa 20 Bedürftige“, erinnert sich Müller. Jetzt hat er ein paar hundert Namen auf seiner Liste stehen. Etwa 70 Prozent davon sind Ausländer. Die Zahl der deutschen Tafel-Berechtigten ist in den letzten Jahren wieder angestiegen. Viele Rentner sind dabei, denen das Geld im Alter nicht reicht. Aber auch junge Menschen, Alleinerziehende, Obdachlose, viele kinderreiche Familien. Pro Ausgabetag kommen im Schnitt 70 bis 80 Bedürftige, auf seiner Kartei hat Herbert Müller etwa 400 Namen stehen.

2020 nach Griechenland?

Die meisten Kartons sind innerhalb von zwei Wochen verteilt worden, ein paar stehen noch im Regal im Kitzinger Bauhofkeller. Bis Weihnachten sollten sie von den Bedürftigen abgeholt sein. Dann können Herbert Müller und seine Helfer einen Schlussstrich unter das Hilfsprojekt ziehen. Tobias Winkler denkt derweil schon an das kommende Jahr. Dann sollen die Kartons nach Griechenland gehen, in die Auffanglager für Flüchtlinge. Mögliche Ansprechpartner hat er schon im Blick. „Wir sind mittlerweile gut vernetzt“, freut er sich.

An Arbeit wird es sicherlich nicht mangeln. Die Aktion soll wieder bundesweit laufen. In Würzburg muss eine neue Halle gefunden, die Helfer vor Ort wieder aktiviert und die Spender erneut angeschrieben werden. Jetzt ist aber erst einmal die Hilfsaktion für 2019 beendet, das so genannte „Ausruhprojekt“. Tobias Winkler und seinen Mitstreitern von „Liebe im Karton“ kann man nur wünschen, dass sie sich über die Feiertage wirklich ausruhen können.

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