LANDKREIS KITZINGEN

Vier Männer stehen im Walde

Und schauen sich den Zustand der Bäume ganz genau an. Aus gutem Grund.
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Genau hingeschaut: Frank Bohla, Dr. Jörg Summa, Dr. Peter Aichmüller und Christopher Traub schauen sich die Entwicklung ausgewählter Bäume in Unter- und Mittelfranken ganz genau an. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Frank Bohla hat sich extra einen Ast zugeschnitten. Mannshoch ist er und oben in zwei Gabeln unterteilt. Darauf positioniert er seinen Feldstecher und schaut sich den „Zielbaum“ ganz genau an. „Eins“ sagt er als es um die Fruktuation, also die Fruchtbildung geht. 20 Prozent schlägt er vor, als die Rede auf die fehlende Blattmasse kommt. Seine drei Kollegen nicken zustimmend.

Einmal im Jahr sind zwei Trupps staatlicher Förster in den Wäldern von Mittel- und Unterfranken unterwegs, um genaue Daten über deren Zustand zu erheben. Seit 1983 werden diese Aufzeichnungen akribisch durchgeführt – und das europaweit. „Wir erhalten so Daten, die uns beim Waldumbau helfen“, erklärt Dr. Peter Aichmüller vom Amt für Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen. Zusammen mit seinen Kollegen Bohla, Dr. Jörg Summa und Christopher Traub ist er in diesen Tagen an Orten unterwegs, die geheim bleiben sollen. „Sonst kann es sein, dass der Waldbesitzer ganz bewusst irgendetwas verändert.“

„Wir erhalten so Daten, die uns beim Waldumbau helfen.“
Dr. Peter Aichmüller, Amt für Landwirtschaft

Genau das soll nicht passieren. Die Förster wollen den unverfälschten Lauf der Dinge dokumentieren, die natürliche Entwicklung der Wälder aufnehmen. Sichere Daten gibt es vor allem für die Hauptbaumarten: für Fichte, Kiefer, Buche, Eiche und Tanne. Der Zustand der anderen Baumarten wird ebenfalls dokumentiert. „Aber hier fehlen uns ausreichend Daten, um zu einer aussagekräftigen Analyse zu kommen“, erklärt Dr. Aichmüller.

Über ganz Deutschland ist vor mehr als 30 Jahren ein unsichtbares Raster gelegt worden. In einem Radius von vier auf vier Kilometer ist jeweils ein Punkt ausgewählt und ein Eisenstab in den Boden versenkt worden. Mit Hilfe eines Ortungsgerätes kann Frank Bohla den genauen Messpunkt bestimmen. Der Abstand zu den ausgewählten „Zielbäumen“ ist in einer Karte dokumentiert und wird mit einem Entfernungsmesser immer wieder neu überprüft. Christopher Traub markiert jeden einzelnen Baum mit einem unterschiedlichen Farbband. Dann treten die Mitarbeiter des staatlichen Forstamtes ein paar Meter zurück, zücken ihre Feldstecher und ein Klemmbrett und notieren ihre Beobachtungen. Wie viele Früchte trägt der Baum? Ist das Laub dicht oder gibt es Lücken? Wie schaut es mit Schädlingsbefall aus? Und überhaupt: Wie hoch ist der Baum gewachsen?

44 Bäume werden alleine an dieser Stelle, unweit von Kitzingen entfernt, auf diese Kriterien hin überprüft. Etwa 250 Aufnahmepunkte gibt es in Bayern, rund 60 in Mittel- und Unterfranken. Die zwei Trupps werden in drei bis vier Wochen rund 2200 Bäume begutachtet haben. Die Daten schicken sie dann nach Freising, an die Bayerische Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft (LWF). „Dort werden sie ausgewertet und den einzelnen Forstämtern zur Verfügung gestellt“, erklärt Dr. Aichmüller. Die Ergebnisse sind für die Ämter und die Waldbesitzer vor Ort gleichermaßen von Bedeutung.

Mit dem sauren Regen Anfang der 80er Jahre fing die großflächige Datenerhebung an. Das Waldsterben war damals in aller Munde. „Wir wollten sehen, wie der Wald damit zurecht kommt“, erklärt Aichmüller den Beginn der Aufzeichnungen. Wie ein Fieberthermometer wirke die jährliche Begutachtung. Man bekomme Hinweise auf mögliche Schwächen. Den Ursachen müssten die Experten vor Ort dann zu Leibe rücken.

„Wir wollten sehen, wie der Wald damit zurecht kommt.“
Peter Aichmüller zum sauren Regen Anfang der 80er Jahre

Mehr als 30 Jahre später lässt sich von einem Erfolgsmodell sprechen. Dank der Datenmenge können die Forstexperten die Entwicklungen im Wald besser nachvollziehen und Querverweise zu anderen Regionen herstellen.

„Es schaut eigentlich ganz gut aus“, nimmt Aichmüller die Ergebnisse aus Freising vorweg. Die Buche habe sich nach dem Trockensommer von 2015 wieder gut erholt, bei den anderen Hauptbaumarten gibt es keine Auffälligkeiten. Der Regen der letzten Tage hat gut getan. Nur die Kiefer macht den Experten zunehmend Sorgen. Sie hat mit den Auswirkungen des Klimawandels und Schädlingsbefall am meisten zu kämpfen. Peter Aichmüller und seine Kollegen vom Forstamt werden auch in den kommenden Jahren ein Auge darauf werfen.

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