KITZINGEN/LANDKREIS KT

Viele Fragen, ein Anlaufpunkt

Mitarbeiter von vier Organisationen arbeiten seit etwas mehr als einem Jahr in der Kitzinger Marktstraße. Das hat Vorteile.
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Eine zufriedene Bürogemeinschaft, mitten in der Stadt: Paulina Kriesinger (Integrationslotsin), Jutta Liehr (EUTB), Michael Roth und Susanne Langmandel (Inklusiv-Gemeinsam Arbeiten) Lisa Kriesinger und Tatjana Fischer-Hock (WirKT) sowie Marilena Krieger (kniend, Inklusiv-Gemeinsam Arbeiten) arbeiten seit etwas mehr als einem Jahr unter einem Dach. Foto: Foto: Ralf Dieter

Von den kurzen Wegen profitieren alle. Die Mitarbeiter in der Bürogemeinschaft genauso wie die Klienten. Ein Jahr nach dem Einzug ziehen die Beteiligten deshalb eine positive Bilanz. Und haben Wünsche für die Zukunft.

„Hier bin ich genau richtig“, sagt Jutta Liehr und blickt um sich. Neben ihr sitzen die anderen Beteiligten der Träger übergreifenden Bürogemeinschaft: Integrationslotsin Paulina Kriesinger, drei Mitarbeiter des Fachbereichs „INklusiv! Gemeinsam arbeiten“ der Mainfränkischen Werkstätten und Lisa Kriesinger vom Koordinierungszentrum Bürgerschaftliches Engagement (WirKT). Vor rund einem Jahr haben sie die Bürogemeinschaft in der Marktstraße in Kitzingen bezogen. Seither hat sich viel bewegt. „Wir profitieren alle von dem Netzwerk“, sagt Liehr.

Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB). Der Name ist ein Wortungetüm und deshalb irreführend. Denn es geht darum, Menschen möglichst unkompliziert zu helfen. Menschen mit körperlicher und psychischer Behinderung. Sie suchen bei Jutta Liehr Hilfe. Der eine muss sein Auto wegen einer körperlichen Behinderung umbauen lassen und weiß nicht, woher er die Zuschüsse dafür bekommt. Der andere ist psychisch angeschlagen, traut sich nicht mehr alleine ins Kino. „Den verweise ich einfach an meine Kollegin von Wirkt“, sagt Liehr und deutet auf Lisa Kriesinger. Die bringt Ehrenamtliche und Hilfesuchende zusammen und ist damit auch eine beliebte Ansprechpartnerin für ihre Schwester Paulina Kriesinger. Seit diesem Sommer ist sie Integrationslotsin im Landkreis Kitzingen und arbeitet ebenfalls in der Bürogemeinschaft. Drei bis vier Geflüchtete suchen bei ihr pro Woche Rat. Ganz direkt, im Büro. „Der Anlaufpunkt in der Innenstadt hat sich längst etabliert“, sagt sie. Suchen die Flüchtlinge Nachhilfe in deutsch, kann sie gleich an ihre Schwester verweisen. Suchen sie eine Wohnung, stellt sie den Kontakt zur Kitzinger BauGmbH her – ebenfalls gleich um die Ecke.

Mittlerweile hat sich auch bei den Mitarbeitern der Mainfränkischen Werkstätten und ihren Angehörigen die Marktstraße als Anlaufpunkt herumgesprochen. „Hat ein Mensch mit Handicap beispielsweise Fragen zur Pflege oder Unterstützungsleistungen, können wir ihn gleich zur EUTB weitervermitteln“, erklärt Marilena Krieger. Dort erhält er die entsprechenden Informationen und Hinweise. „Und bei Fragen rund um die Teilhabe am Arbeitsleben sind wir dann zuständig.“

Marilena Krieger arbeitet zusammen mit Michael Roth und Susanne Langmandel für die Mainfränkischen Werkstätten. Sie bringen das Projekt „INklusiv! Gemeinsam arbeiten“ im Landkreis Kitzingen voran. Bei INklusiv! werden wohnartnahe Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung geschaffen, die ganz nach den Wünschen und Talenten der Mitarbeiter entstehen. Hierzu braucht es Betriebe, die für neues offen sind und sich bereit erklären einem Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben. Viele Arbeitgeber seien auf ihr Projekt aufmerksam geworden. Aktuell gebe es mehr interessierte Arbeitgeber als potenzielle Arbeitnehmer, was zeigt, wie sehr sich die Betriebe im Kitzinger Landkreis für die Inklusion begeistern. „Innerhalb der Mainfränkischen Werkstätten bieten wir ja auch attraktive Arbeitsplätze an“, erläutert Michael Roth das aktuelle Verhältnis von Angebot zu Nachfrage. Egal, wer an die Tür zur Bürogemeinschaft klopft: Die Hemmschwelle ist hier deutlich niedriger als in anderen Einrichtungen.

Davon sind alle Mitglieder der Bürogemeinschaft überzeugt. „Es ist gut, dass wir hier einen einzigen Ort haben, an dem Menschen mit Handicap Hilfe finden“, sagt Lisa Kriesinger und betont: „Wegen der zentralen Lage führen wir deutlich mehr Erstgespräche als früher“. Ein Wunsch der Bürogemeinschaft für die Zukunft ist, dass der Mangel an bezahlbarem Wohnraum abnimmt. Denn alle Beteiligten wissen, dass es aktuell kaum möglich ist für Menschen mit Behinderung oder auch Flüchtlinge eine Wohnung mit Nahverkehrsanbindung zu finden. „Und schon gar nicht solche, die barrierefrei sind“, sagt Marilena Krieger.

Nach einem Jahr ist die Bürogemeinschaft dank vielfältiger Aktionen und einer regen Öffentlichkeitsarbeit in Stadt und Landkreis bekannt. „Wir waren unter anderem beim Stadtfest, beim Weihnachtsmarkt und beim VR-Bonus-Lauf dabei“, berichtet Marilena Krieger. Im kommenden Jahr soll der Bekanntheitsgrad weiter ausgebaut werden, um mehr Menschen mit Handicap zu helfen. Als drängendstes Problem haben die Mitglieder der Bürogemeinschaft den öffentlichen Verkehr im Landkreis Kitzingen ausgemacht. Oftmals fahren nur Schulbusse, am Abend ist es für Menschen mit Handicap, Flüchtlinge oder auch Ehrenamtliche ohne Auto fast unmöglich, mobil zu sein. „Wir wollten mal einen Kegelabend organisieren“, erzählt Lisa Kriesinger. „Die Leute konnten nicht kommen.“

Dennoch: Mit dem ersten Jahr ihrer außergewöhnlichen Bürogemeinschaft sind die Mitglieder zufrieden. „Wir sind ein Teil der Gesellschaft geworden“, sagt Michael Roth – und die anderen am Tisch nicken.

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