KITZINGEN

Verzweiflungstat

Am Dienstagvormittag herrscht große Aufregung in Kitzingen. Einen Tag später kommen die Umstände des großen Polizeieinsatzes ans Tageslicht.
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Großaufgebot von Polizei und Sicherheitskräften am Dienstagvormittag am Kitzinger Mainufer. Der Mann, der damit drohte, sich umzubringen, sitzt mittlerweile in Abschiebehaft. Foto: Foto: Diana Fuchs

Am Tag danach ist wieder Ruhe eingekehrt am Oberen Mainkai in Kitzingen. Zumindest vor den Türen der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber. Innen schaut es ganz anders aus. Lusine Dilanyan öffnet die Tür. Besorgter Blick, dunkle Augenringe. Auf der Couch sitzen ihre drei Kinder. Dicht aneinander gedrängt. Sie schauen den fremden Mann mit skeptischen Blicken an. Einen Tag vorher hat es auch an der Tür geklingelt. Um 7 Uhr kam die Polizei und forderte die Familie auf, ihre Koffer zu packen. Abschiebung. Zurück nach Armenien.

Vor fünf Jahren sind Lusine Dilanyan und ihr Mann Aram nach Deutschland gekommen. Damals mit zwei Kindern. 2015 ist ihr jüngster Sohn auf die Welt gekommen. Das vierte Kind erwartet die blonde Frau in wenigen Wochen. Sie ist im achten Monat.

Als die Polizei an diesem Dienstagmorgen an der Tür stand, geriet ihr Mann in Panik. So berichtet es Lusine Dilanyan. Er habe Angst um seine Kinder und um seine schwangere Frau gehabt. Und um seine eigene Gesundheit. Mit einem Herzfehler ist Aram Dilanyan nach Deutschland eingereist. Eine OP in Armenien hätte sich die Familie nach eigenen Worten niemals leisten können. „Die ist dort sehr, sehr teuer“, sagt Lusine Dilanyan. Vor drei Jahren ist Aram in der Klinik Erlangen eine Herzklappe eingesetzt worden. Seither muss er ein Medikament einnehmen. Marcumar, ein Blutverdünner. „Ohne dieses Medikament kann er nicht weiterleben“, sagt seine Frau und versichert: In Armenien bekommt er dieses Medikament nicht. Ihre Freundin Elena Seewald nickt zustimmend. Die beiden Frauen kennen sich seit etwa zwei Jahren. Seewald ist als Spätaussiedlerin aus Kasachstan nach Deutschland gekommen, arbeitet als Apothekerin. Ihr Mann ist ebenfalls Armenier. Sie hilft der Familie Dilanyan bei Behördengängen oder beim Übersetzen. Dabei verstehen und sprechen Aram und Lusine Dilanyan ganz gut Deutsch. „Selbst beigebracht“, sagt die blonde Frau, die vor ungefähr einem Jahr eine Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen hat.

Frau und Kinder fast abgeschoben

Als die Polizei an diesem Morgen klingelt, reagiert ihr Mann panisch. Er zieht ein Messer und droht, sich umzubringen. Die Polizisten fordern Unterstützung an, ziehen sich aus der Wohnung zurück. Der Bereich um die Unterkunft wird weiträumig abgesperrt. Erst vier Stunden später kann der 32-Jährige überzeugt werden, sein Messer zur Seite zu legen. Er wird unverletzt in Gewahrsam genommen, kommt zunächst zur ärztlichen Behandlung in ein Krankenhaus. Die Nacht verbringt er in einer Polizeizelle. Während ihr Mann ins Krankenhaus gebracht wird, fahren die Sicherheitskräfte Lusine Dilanyan und ihre drei Kinder zum Flughafen Frankfurt. Die Abschiebung soll durchgezogen werden. Letztendlich scheitert sie an Formalitäten, wie der Sprecher der Regierung von Unterfranken, Johannes Hardenacke, mitteilt. Für den geplanten Abschiebeflug kommen Mutter und Kinder zu spät in Frankfurt an. Sie werden wieder nach Kitzingen gefahren. Kein Einzelfall.

Abschiebungen scheitern immer wieder am Widerstand der Personen – wenn sie überhaupt zum jeweiligen Zeitpunkt anzutreffen sind. Dennoch steigt die Zahl der Abschiebungen. Im letzten Jahr wurden von der Zentralen Ausländerbehörde (ZAB) Unterfranken bei insgesamt 182 Personen aufenthaltsbeendende Maßnahmen vollzogen, wie es im Behördendeutsch heißt. Zu 119 Rücküberstellungen in Dublin-Staaten kamen 63 Abschiebungen ins jeweilige Heimatland. Die meisten Asylbewerber waren aus Somalia (62 Personen) und Armenien (29) gekommen. In diesem Jahr liegt die Zahl bislang bei 147. „Dazu kommen 118 freiwillige Ausreisen bis Anfang Juni“, berichtet Johannes Hardenacke.

Auch Familie Dilanyan habe ein Angebot für eine freiwillige Ausreise erhalten, aber nicht angenommen. Damit droht ihnen, bei einer erfolgten Abschiebung, ein Einreiseverbot. „Wer freiwillig ausreist, hat später die Möglichkeit, wieder einzureisen“, erklärt Hardenacke. „Beispielsweise über ein Visumverfahren.“ Die ganze Familie ist laut Regierung seit dem 29. Mai 2018 vollziehbar ausreisepflichtig, nachdem ihre Asylanträge als offensichtlich unbegründet abgelehnt worden waren. Die Regierung von Unterfranken weist darauf hin, dass die Eheleute Dilanyan wiederholt ihrer ausländerrechtlichen Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen sind. Die betrifft etwa ihre Pflicht zur Passbeschaffung. Aram Dilanyan habe es trotz mehrfacher bescheidsmäßiger Aufforderung abgelehnt, an einer medikamentösen Umstellung bereits in Deutschland mitzuwirken. Seine Vorerkrankung stehe auch nicht im Widerspruch zu einer Abschiebung, da die Weiterbehandlung seiner Krankheit im Heimatland durch Ersatzmedikamente möglich sei. Die Rechtmäßigkeit seiner Abschiebung habe auch das Verwaltungsgericht Würzburg in seinem Urteil vom 19. März 2019 bestätigt.

Warum sie nicht zurück nach Armenien wollen? Lusine Dilanyan schüttelt bei dieser Frage den Kopf. Sie habe dort keine Kontakte, keine Arbeit, keine Bleibe. „Wir müssten im Freien übernachten“, sagt sie und blickt auf ihre drei Kinder. In Deutschland würde sie gerne als Altenpflegerin arbeiten, eventuell könne auch ihr Mann nach seiner Gesundung wieder Arbeit aufnehmen. In Armenien war er als Mechaniker tätig.

Die Referentin für Integration im Kitzinger Stadtrat, Astrid Glos, kann die Abschiebepraxis in Deutschland nicht nachvollziehen. „Wo bleibt der Mensch?“, fragt sie. „Ich verstehe die absolute Not, die jemand hat, wenn er zurück muss. Gerade, wenn er Kinder hat.“ Nach ihrer Erfahrung treffe es gerade diejenigen Menschen oft, die sich von Anfang an ernsthaft um eine Integration bemühen, die die Sprache lernen und arbeiten wollen. Ihr Wunsch: Die Abschiebungen werden so lange ausgesetzt, bis man klarer sehen kann, ob die Wahrscheinlichkeit für ein friedvolles Leben im Herkunftsland gegeben sind. Bis dahin sollte jeder Fall einzeln und intensiv geprüft werden.

Aram Dilanyan muss laut seiner Frau bis zum 30. August in Haft bleiben. Er befindet sich aktuell in Abschiebehaft. Für seine Frau wird das Leben damit auch nicht leichter. In etwa vier Wochen ist ihr Geburtstermin. „Wohin kann ich dann meinen Kinder bringen?“, fragt sie.

Zahlen und Daten

Abschiebungen: Im Jahr 2017 wurden von der Zentralen Ausländerbehörde Unterfranken insgesamt 132 Personen abgeschoben. Im Jahr 2016 waren es 113 Personen.

Asylbewerber: In Unterfranken gibt es derzeit 42 Gemeinschaftsunterkünfte in der Zuständigkeit der Regierung sowie 185 dezentrale Unterkünfte, für die die jeweiligen Landratsämter zuständig sind. Insgesamt leben dort 5.068 Asylbewerber.

Nach Unterfranken zugewiesene Asylbewerber: 2014: 3.769; 2015: 8.580; 2016: 5.480; 2017: 1.551; 2018: 1.103; 2019 (bis einschließlich Mai) 217.

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