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Studium ist nicht alles

Frank Ackermann beklagt zu viele fehlgeleitete Schulabsolventen.
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Valentin Ewald hat nach dem Abitur eine Schreinerlehre begonnen. Jetzt schraubt er bei der Firma Ackermann unter anderem große Theken für Kunden in Übersee zusammen. Geschäftsführer Frank Ackermann und Ausbilder Lutz Schmieder freuen sich über zwei bis sechs Auszubildende pro Jahrgang. In anderen Branchen schaut es deutlich schlechter aus. Foto: Ralf Dieter
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Der Deckel muss auf den Topf passen. Das wissen nicht nur Köche, sondern auch Unternehmer, Ausbilder und Auszubildende. Viel zu oft passen Deckel und Topf aber nicht zusammen. Frank Ackermann appelliert deshalb an alle jungen Menschen – und ihre Eltern –, gut zu überlegen, was nach der Schulzeit kommen soll. Und nicht automatisch an ein Studium zu denken, sondern auch eine Ausbildung im Handwerk ins Kalkül zu nehmen.

„Das Prestigedenken ist bei vielen jungen Menschen total übertrieben.“
Frank Ackermann, Innungs-Obermeister

Besuch in Wiesenbronn: Der Schreinermeister Frank Ackermann hat dort ein mittelständisches Unternehmen aufgebaut. 115 Mitarbeiter, volle Auftragsbücher, Einsätze im In- und Ausland. Ackermann ist grundsätzlich zufrieden. Nur eines ärgert ihn: Ein gesellschaftliches Phänomen, das er gerne verändert wüsste. „Das Prestigedenken ist bei manchen jungen Menschen total übertrieben“, sagt er. Viel zu oft würden Abiturienten ein Studium beginnen und wieder abbrechen. Viel zu selten würden sie stattdessen eine handwerkliche Ausbildung machen. Am schlimmsten findet er, wenn die Eltern entsprechend Druck aufbauen. Nach dem Motto: Ohne Studium kann ein Mensch nicht glücklich werden. „Es gibt ganz allgemein zu viele fehlgeleitete Schulabsolventen“, beklagt er. Junge Menschen, die beispielsweise dem Handwerk fehlen. Immer wieder versuchen auch Studienabbrecher ihr Glück als Schreiner. Manchmal geht es gut. „Aber die beste Zeit, um neue Tätigkeiten anzufangen, ist mit Mitte 20 schon vorbei“, sagt Ackermann.

Der Sprecher der Agentur für Arbeit in Würzburg, Wolfgang Albert, bestätigt diese These. Seit etwa zehn Jahren beobachtet seine Behörde einen Trend: Immer mehr Schüler streben einen möglichst hochwertigen Schulabschluss an. Mittel- und Realschüler gehen auf die FOS, um das Abitur nachzuholen. „Am Horizont sehen sie das Studium“, sagt Albert. In etlichen Fälle wären diese Schüler aber mit einer Ausbildung besser beraten gewesen. Nach den Zwischenzeugnissen an der FOS kommen immer häufiger Abbrecher in die Agentur, um sich beraten zu lassen. Ein halbes Jahr sind sie dann in der Warteschleife. Nicht unbedingt schlecht, wie Albert meint. „Wenn sie diese Zeit intensiv für die Berufsorientierung nutzen und verschiedene Dinge ausprobieren.“

Valentin Ewald hat das Abitur in Würzburg gemacht. Danach stand auch für ihn die Frage an: Ausbildung oder Studium? „Ich wollte Praxiserfahrung sammeln“, erinnert er sich. Der Schreinerberuf reizte ihn. Vielleicht auch deshalb, weil sein Vater einst die gleiche Ausbildung absolviert hat. Ewald startete ein Berufsgrundschuljahr (BGJ) in Kitzingen, ist mittlerweile im zweiten Ausbildungsjahr bei der Firma Ackermann. Bereut hat er die Entscheidung nie. „Viele Kumpels haben ihr Studium schon wieder abgebrochen“, berichtet er. Valentin Ewald wird seinen Lehrlingsabschluss bald in der Tasche haben. Die Welt steht ihm dann immer noch offen. „Und ich habe eine gute Grundlage.“

Zwischen zwei und sechs junge Menschen bildet die Wiesenbronner Schreinerei aus – Jahr für Jahr. Vom Förderschüler bis zum Einser-Abiturienten hat Ausbilder Lutz Schmiedel schon alle möglichen Schulabsolventen erlebt. „Die Herkunft ist bei uns nicht entscheidend“, sagt er. „Alle fangen quasi von vorne an, haben die gleichen Voraussetzungen.“ Valentin Ewald nickt bei diesen Worten mit dem Kopf. Im BGJ fängt alles bei Null an – zumindest was die praktischen Tätigkeiten anbelangt. Die hat er sich erst einmal aneignen müssen. Dieses BGJ-Jahr war für ihn – und seine Mitschüler – sehr hilfreich. „Das ist ein sanfter Übergang in die Praxis“, sagt er.

„Die Schüler sollen eine realistische Selbsteinschätzung bekommen.“
Wolfgang Albert, Pressesprecher Agentur für Arbeit

30 bis 35 junge Menschen absolvieren bei Frank Ackermann pro Jahr ein Praktikum. Das Interesse an einer Schreinerausbildung ist relativ groß. „Seit vier Jahren steigen die Ausbildungszahlen wieder“, freut er sich. Letztendlich seien die Schreiner diesbezüglich privilegiert. Andere Innungen hätten keineswegs eine so große Auswahl. Das könnte sich durch eine neue Initiative der Agentur für Arbeit ändern. „Wir werden die Berufsorientierung an Schulen ab diesem Jahr verstärkt betreiben“, kündigt Wolfgang Albert an. Das Ziel lautet: viele Berufswege aufzeigen, für mehr Klarheit bei den Schülern sorgen. „Die Schüler sollen eine realistische Selbsteinschätzung bekommen“, erklärt er. Dazu zählt auch die Frage, ob sie einem Studium tatsächlich gewachsen sind. Letztendlich müsse jeder Schüler für sich die beste Lösung finden. Das geht nur durch eine möglichst breit gefächerte und intensive Information. „Und dabei bringt es gar nichts, Studium und Ausbildung gegeneinander auszuspielen“, betont Albert.

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