KITZINGEN

Stellung beziehen, Werte vermitteln

Sexueller Missbrauch und häusliche Gewalt sind immer noch Teil unserer Gesellschaft. Dabei kann jeder präventiv tätig sein. Vor allem Männer.
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Elisabeth Kirchner hält den Vortrag beim 33. Schwanberger Jugendforum am 17. Oktober. Thema: Hilferufe spüren – und jetzt? Foto: Foto: Ralf Dieter
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Landkreis Kt/Wü. Die Zahl der Opfer wird nicht weniger. Und damit auch nicht die Zahl der Täter. Sexueller Missbrauch, Erniedrigung und häusliche Gewalt sind auch im 21. Jahrhundert ein gesellschaftliches Problem und ein drängendes Thema, das der Kreisjugendring beim 33. Schwanberger Jugendforum aufgreift. Elisabeth Kirchner von Wildwasser Würzburg e.V. wird in ihrem Vortrag unter anderem erläutern, wie die beste Prävention aussieht.

Ihren Verein gibt es seit 30 Jahren. Wie haben sich die Fallzahlen seither entwickelt?

Kirchner: Anfang der 90er Jahre stiegen die Zahlen das erste Mal an, 2010 und 2017 erneut.

Warum?

Kirchner: Vor mehr als 30 Jahren wurde das Thema erstmals in der Öffentlichkeit besprochen. Davor wurde vieles verschwiegen und verdrängt. In den 90er Jahren änderte sich das. Später kamen dann die Missbrauchsfälle in der Kirche hinzu. Die Mee-too-Debatte vor zwei Jahren hat Frauen erneut ermutigt, sich zu melden.

Wozu immer noch eine große Portion Mut gehört?

Kirchner: Sicher. Die Betroffenen müssen eine hohe innere Hürde überwinden. Viele Frauen schämen sich, fühlen sich beschmutzt. Manchmal kommen auch Schuldgefühle hinzu.

Schuldgefühle?

Kirchner: Ja. Nach dem Motto: Vielleicht habe ich dem Täter die falschen Signale übermittelt. Mitunter fürchten jugendliche Mädchen entsprechende Vorwürfe ihrer Eltern.

Was den Schritt hin zu einer professionellen Hilfe nicht leichter macht.

Kirchner: Genau. Dabei ist es ganz wichtig, über diese Erfahrungen zu reden. Am besten innerhalb der Familie. Aber leider passieren viele Fälle im familiären Umfeld. Dann braucht es eine Vertrauensperson im weiteren Umfeld.

Wie können Sie und Ihre Kolleginnen diesen Opfern helfen?

Kirchner: Zunächst mal, in dem man sie ernst nimmt und ihnen Trost spendet. Und dann einen gemeinsamen Weg sucht für Schutz und um das Geschehene zu verarbeiten.

Warum sind sexueller Missbrauch und häusliche Gewalt immer noch ein Teil unserer Gesellschaft?

Kirchner: Das hat etwas mit der Sozialisation zu tun. Die Gesellschaft suggeriert nach wie vor, dass Männer stark sein müssen. Die Macht über jemand anderen zu haben – das spielt bei diesen Fällen eine große Rolle. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen, einen „Kick“ zu bekommen durch die Macht, die ich gegenüber einem anderen Menschen ausüben kann.

Und diesen „Kick“ suchen die Täter regelrecht?

Kirchner: Wird die Grenze zum ersten Mal überschritten, folgen in der Regel weitere Übergriffe. Deswegen ist es ja so wichtig, genau hinzuschauen, um Übergriffe zu verhindern.

Sind die Täter denn tatsächlich starke Persönlichkeiten?

Kirchner: Im Gegenteil. Sie sind in der Regel sehr unsicher. Oft waren sie selbst Opfer oder haben als Buben häusliche Gewalt erlebt. Wenn der Vater die Mutter schlägt, ist das für Jungen sehr schwer, mitzuerleben.

Das kann aber doch keine Entschuldigung sein?

Kirchner: Natürlich nicht. Aber das zeigt, wie wichtig die Prävention ist.

Wie kann eine gelungene Aufklärung aussehen?

Kirchner: Es geht immer ums Zuhören und Reden. Es gibt Programme, die in Schulen oder in Vereinen angeboten werden können. Bei der Täter-Prävention sind vor allem die Männer gefragt.

Wieso?

Kirchner: Weil sie Werte vermitteln. Und weil sie für Jugendliche Ansprechpartner sein können. Sie sollten Interesse zeigen an der Entwicklung ihrer Kinder, beobachten, welche Einstellung sie Mädchen und Frauen gegenüber haben. Die beste Prävention besteht darin, dass Jugendliche nicht zu Tätern werden.

Täter sind auch in Sportvereinen oder in Jugendgruppen zu finden, engagieren sich als Trainer oder Jugendleiter. Gibt es Alarmsignale, die Eltern aufschrecken sollten?

Kirchner: Man sieht es einem Menschen nicht an, dass er zu einem Täter werden kann. Aber grundsätzlich gilt: Gut hinhören, was die Kinder zu berichten haben. Bei Veränderungen wachsam sein. Bekommt das Kind zum Beispiel plötzlich wertvolle Geschenke vom Trainer, sollte man zumindest nachfragen, wie es dazu kommt.

Kinder können sich kaum wehren.

Kirchner: Nein. Aber sie können und sollten Bescheid wissen, welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen. An ihre intimen Körperteile darf niemand anderes ran, als sie selber. Wenn sie da jemand anfasst, dürfen sie es weitersagen und sich Hilfe holen. Kinder müssen wissen, dass sie Rechte haben. Zum Glück sind die Kinderrechte in den letzten Jahren gestärkt worden.

Das Internet scheint allerdings ein rechtsfreier Raum zu sein.

Kirchner: Es gibt Gesetze, aber die lassen sich leicht umgehen. Tatsächlich bekommen Kinder und Jugendliche leider sehr häufig Bilder von Geschlechtsteilen oder gleich Pornos geschickt. Über Chats wird Kontakt zu Kindern aufgenommen und ihre natürliche Neugier ausgenutzt. Die Täter sind miteinander vernetzt.

Während die Eltern davon nichts mitbekommen.

Kirchner: Auch da gilt wieder: sich einmischen, interessieren, darüber reden. Was ist an solchen Fotos oder Filmen menschenverachtend? Warum sollte ich so etwas nicht weiter verschicken? Mit wem hast du im Netzt Kontakt? Worauf solltest du achten? Es geht darum, Stellung zu beziehen und Werte zu vermitteln.

Fakten und Daten

Das Schwanberger Jugendforum findet am Donnerstag, 17. Oktober, um 19.30 Uhr auf Schloss Schwanberg statt. Thema: Hilferufe spüren – und jetzt? Mögliche Rahmenbedingungen und Signale, die es Kindern und Jugendlichen erleichtern, Hilfe bei sexueller Gewalt in Anspruch zu nehmen. Vortrag von Elisabeth Kirchner von Wildwasser e.V. Anmeldung erforderlich: Tel. 09321/9285703, Email: kjr-kitzingen.de

Wildwasser e.V. ist eine Fachberatungsstelle gegen sexuelle und körperliche Gewalt. Der Name steht zum einen für das Aufgewühlt-Sein nach erlebter sexueller Gewalt. Zum anderen symbolisiert er die Kraft, die die betroffenen Mädchen und Frauen zum Überleben brauchen und für ihren Heilungsweg nutzen.

Zahlen: 2018 gingen 434 Erstanfragen zu den Themen Krisenintervention, Verdachtsabklärung, Therapie und Selbsthilfe, rechtliche und allgemeine Informationen sowie Prävention und Öffentlichkeitsarbeit ein. In 360 Fällen fanden Beratungen statt (inclusive 72 Weiterführungen von 2017). Diese betrafen in 226 Fällen Mädchen und Frauen unter 27 Jahren (davon 111 unter 18 Jahren), in 134 Fällen wurden Beratungen zu Frauen über 27 Jahren durchgeführt. Bei den Gewaltformen wurde in etwa der Hälfte der Fälle sexueller Missbrauch thematisiert. In weiteren Beratungen geht es um erfahrene Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Stalking sowie seelische und körperliche Gewalt.

Kontakt: Tel. 0931/13287; Email: info@wildwasserwuerzburg.de

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