KITZINGEN

Spezieller Blick auf Kitzingen

Klaus Christof über seine Stadtratskollegen, die Entwicklung der Stadt und eine Identität, die sich nach und nach auflöse. Ausstellung seiner Collagen ab 25. Oktober.
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Renate Haass und Klaus Christof von der Kitzinger Künstlergemeinschaft PAM laden zur Ausstellung in der Rathaushalle ein. Zu sehen sind ab dem 25. Oktober Collagen von Klaus Christof. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Kitzingen Kaum einer kennt die Stadt so gut wie er. Kaum einer hat eine so besondere Sichtweise auf Kitzingen und seine Bewohner. Klaus Christof ist im Kitzinger Luitpoldbau geboren worden, der damals noch ein Krankenhaus beherbergte. 70 Jahre ist das her. Er ist seit 25 Jahren streitbares Mitglied im Stadtrat und ein viel beachteter Künstler. Ein Gespräch über Heimat, Zufriedenheit und die Friday-for-Future-Bewegung.

In der Einladung zu Ihrer neuesten Ausstellung „Geklebte Illusion“ ist der Satz zu lesen, dass Sie Ihrer Heimatstadt tief verbunden seien. Ist das so?

Christof: Eine gewisse Affinität ist sicher da, aber keine unkritische Verbundenheit. Ich kenne Kitzingen sehr gut. Das ist in gewisser Weise auch ein Problem.

Warum?

Christof: Ich bin in der Thomas-Ehemann-Straße aufgewachsen, ich habe zum Beispiel noch den riesigen Gaskessel der LKW in der Wörthstraße vor Augen, der sich immer – je nach Füllungsgrad – auf- und ab bewegt hat. Beeindruckend war das. Der Kessel ist längst verschwunden. Wie so vieles. Hat die Stadt deshalb gewonnen oder verloren?

Sagen Sie es mir.

Christof: Eine Stadt lebt auch von ihrer Identität. Die aber löst sich in Kitzingen nach und nach auf. Dabei ist diese Identität wichtig, sie gibt den Menschen Halt und ein Gefühl von Heimat.

Ihre Lösung lautet: Alte Gebäude und Straßenzüge erhalten?

Christof: So einfach ist das natürlich nicht. Aber in Kitzingen werden Impulse von außen einfach unreflektiert umgesetzt – ob sie nun passen oder nicht.

Ein Beispiel?

Christof: Ich gebe Ihnen zwei. Das Marktcafe, und die neue Deusterhalle. Bei Ersterem sind die Proportionen der Fassadengestaltung nicht stimmig und der Baukörper passt sich in seiner Dimension nicht in die Umgebung ein. Die Blechfassade der Turnhalle hat den unsäglichen Charme einer Industriehalle: Kalt und abstoßend.

Woran liegt es?

Christof: Weil nur kopiert und adaptiert wird. Und die Ergebnisse gehen in schöner Regelmäßigkeit daneben.

Was werfen Sie den Planern vor?

Christof: Dass sie sich im Vorfeld zu wenig Gedanken machen. Dass ihnen das notwendige Gespür für Proportionen und Dimensionen fehlt. Und natürlich ein Gefühl für die Stadt, ihre Tradition und deren Entwicklung.

Früher war alles besser?

Christof: Diese Aussage ist viel zu pauschal. Aber bezüglich der Architektur war früher der Mensch noch der Maßstab. Jetzt geht es vor allem um die Wirtschaftlichkeit. Und so entstehen genormte, langweilige Einheiten.

Sie sind seit 25 Jahren Stadtrat, waren sechs Jahre lang Bürgermeister. Sie hätten diese Entwicklung doch aufhalten können.

Christof (schmunzelt). Mit einer Mehrheit im Rücken schon. Aber die Stadträte in Kitzingen wollen nicht über solche Sachen reden. Sie sind eher ambitionslos und nehmen sich nicht die Zeit für grundsätzliche Fragen. Letztendlich fehlt ihnen der Ehrgeiz, sich zu überprüfen, sich in Frage zu stellen.

Tun Sie das?

Christof: Ständig. Schon allein durch meine Arbeit. Seit mehr als 20 Jahren mache ich zum Beispiel Collagen. Das heißt: Ich setze mich intensiv mit gestalterischen Aufgaben auseinander. Ständig frage ich mich dabei, was ich optimieren kann. Nur so gewinne ich immer wieder einen neuen Blick auf meine Arbeiten.

Sind Sie irgendwann zufrieden mit einem Bild?

Christof: Ich bin mir selbst gegenüber sehr kritisch. Und ich probiere gerne aus, schiebe ausgeschnittene Bildmotive hin und her, stelle immer wieder andere Bezüge her, verändere Größenverhältnisse oder Hintergründe. In dem Moment, in dem ich eine Collage beendet habe, bin ich zufrieden. Schaue ich sie mir aber später noch mal an, könnte ich immer wieder etwas verändern oder verbessern.

Sie sind mit 17 Jahren das erste Mal aus Kitzingen weggezogen, haben seit den 90er-Jahren bis 2006 etliche Jahre lang in Dubai gearbeitet, sind immer wieder für längere Zeit ins Ausland gereist. Aber immer sind Sie nach Kitzingen zurückgekehrt.

Christof: Mein Koffer ist quasi immer in Kitzingen geblieben. Als Künstler braucht man bestimmte Rahmenbedingungen, ich kann nicht mit meinen ganzen Materialien umziehen. Insofern bin ich Kitzingen verhaftet.

Und haben die Entwicklung der Stadt stets intensiv verfolgt. Irgendetwas, das Ihnen gefallen hat?

Christof: Nicht wirklich. Kitzingen ist träge in seiner Entwicklung. Die verantwortlichen Planer der letzten Jahre kamen alle von außen, haben statt sich in Kitzingen umzusehen nur auf ihre Pläne geschaut und mehr oder weniger spontane Eingebungen umgesetzt. Als Mensch, der in Kitzingen geboren wurde, fehlt mir da das Bemühen, das Optimale für die Stadt erreichen zu wollen.

Das Optimale heißt?

Christof: Den Menschen und seine Bedürfnisse wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Und nicht die Wirtschaftlichkeit. Die urbane Umgebung wird inzwischen willkürlich gestaltet, die Menschen sind mittlerweile ja schon mit einfallslosen Blechfassaden zufrieden. Denken Sie an das Profilblech an der Deuster-Turnhalle. Das ist aus Verzweiflung entstanden, weil die billigste Lösung her musste.

Nicht schön, aber doch auch kein Beinbruch.

Christof: Wir Menschen nehmen unsere Umgebung zumindest unterbewusst wahr. Natürlich verändert es etwas mit uns, wenn wir merken, dass zum Beispiel öffentliches Grün zu einer bloßen Verfügungsmasse wird. Deswegen müssen wir unsere Umwelt als etwas Wertvolles erkennen und erhalten.

Irgendetwas, dass Ihnen Hoffnung macht? Die Jugend begehrt auf.

Christof: Sie meinen Fridays-for-Future?

Ja.

Christof: Ein verzweifeltes Angehen gegen die fatale Entwicklung. Während sich die Demonstranten abstrampeln, beschließt das Parlament Alibi-Lösungen. Dieser begrüßenswerte Aufbruch wird leider nicht von großer Dauer sein.

Warum?

Christof: Alle Bewegungen werden seitens der Politik und der Wirtschaft gezielt ermüdet und verlieren die Lust, ständig erfolglos gegen Windmühlen zu kämpfen. Ich sehe drei Möglichkeiten: Entweder es findet eine Radikalisierung statt, die dann vom Staat mit allen Mitteln bekämpft werden wird. Oder die Demonstranten von heute ziehen sich nach und nach in ihre Privatheit zurück, nach dem gängigen Motto: Ich kann ja doch nichts bewirken. Oder es entsteht – was zu hoffen ist – eine neue, junge, politische Bewegung, die mit viel Elan neue Akzente setzt.

Ausstellung

Titel: Geklebte Illusion – Collagen von K.D. Christof.

Die Eröffnung findet am Freitag, 25.Oktober in der Kitzinger Historischen Rathaushalle durch Bürgermeister Stefan Güntner um 19 Uhr statt. Zur Eröffnung spricht Dr. Thomas End aus Schweinfurt.

Dauer der Ausstellung: 25. Oktober bis 24. November; täglich von 10 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt.

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