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Schuss ohne Vorwarnung

Lehrerverband und Gewerkschaft reagieren bestürzt auf die Ankündigungen aus dem Kultusministerium. Aufruf zur Demo am Samstag in Würzburg.
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Demo für mehr Lehrer
Neun Jahre alt ist dieses Bild. Im April 2011 haben diese beiden Kinder an einer Demonstration in München teilgenommen. Motto damals: „Bildung 21 - Demo für mehr Lehrer und gegen Bildungsabbau”. Die Teilnehmer demonstrierten gegen zu große Klassen, eine hohe Anzahl von Stundenausfällen durch Krankheit sowie zu viele Überstunden der Lehrer. Geändert hat sich nicht viel seitdem. An diesem Samstag gehen die Lehrer in Würzburg auf die Straße. Foto: Foto: Andreas Gebert/dpa

Das Fass war längst voll. Und jetzt hat das Kultusministerium einen weiteren Eimer an Anforderungen hineingeworfen. „Kein Wunder, dass es überläuft“, sagt Jörg Nellen von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW). An diesem Samstag sind alle Lehrer – und Eltern – zur Demo in Würzburg aufgerufen. „Innerhalb von drei Tagen haben sich 150 Lehrer angemeldet“, informiert Nellen. Die große Resonanz freut ihn.

Kultusminister Michael Piazolo hat mit einem Schreiben an alle Schulen das Fass zum Überlaufen gebracht. Eine Unterrichtsstunde pro Woche mehr kündigt er dort für alle Grundschullehrer an. Bei Antrag auf Teilzeit steigt die Mindestzahl auf 24 Wochenstunden an. Ein vorzeitiger Ruhestand ist erst ab 65 Jahren möglich – und ein „Sabbatjahr“ wird ganz gestrichen. Piazolo will mit diesen Maßnahmen die drohende Lücke in der Lehrerversorgung an Grund-, Mittel- und Förderschulen schließen. Nach Berechnungen des Kultusministeriums werden ab Herbst bayernweit rund 1400 frei werdende Vollzeitstellen an den drei Schularten nicht besetzt werden können. Für Gewerkschafter Nellen eine Misere mit Ansage. „Seit sechs Jahren warnen wir das Ministerium vor dieser Entwicklung“, sagt er. „Aber wir haben nie Gehör gefunden.“

„Die Motivation

sinkt stetig.“

Schulleiterin aus Unterfranken

Jetzt müssen die Lehrkräfte die Untätigkeit ausbaden. Lehrkräfte, die eh schon am Limit arbeiten. „Der Unterricht selbst ist doch nur ein Bruchteil dessen, was wirklich geleistet wird“, sagt Nellen und erinnert an die Herausforderungen durch Digitalisierung und Inklusion. „Die müssen ohne passende Fortbildungen geleistet werden.“ Hinzu kommen gewachsene Ansprüche der Eltern und eine „wahnsinnige Erziehungsarbeit“.

Immer wieder seien in den letzten Jahren neue Aufgaben auf die Lehrer zugekommen, ohne dafür Ausgleichsmaßnahmen zu genehmigen. 50 Arbeitsstunden rechnet Nellen alleine für die Erstellung der Zwischenzeugnis-Gutachten. „Da sind die Weihnachtsferien so gut wie verplant.“

Eine Schulleiterin aus Unterfranken, die anonym bleiben möchte – „Loyalität mit dem Dienstherrn ist die oberste Forderung an Schulleiter“ – bestätigt die gestiegenen Anforderungen. „Lehrkräfte werden bedrängt, belastet und mit den zusätzlichen Erschwernissen der täglichen Arbeit überfordert“, sagt sie. Immer mehr Erziehungsthemen müssten von Grundschullehrern übernommen werden. Der Rahmen reicht von sonderpädagogischem Förderbedarf bis hin zu Hochbegabten, von „verwahrlosten“ Kindern bis hin zu Helikoptereltern. Ständig kämen Kinder mit keinerlei Deutschkenntnissen in die Schulen. Förderstunden dafür gebe es nicht. Stattdessen werden immer neue Zusatzjobs für die Lehrkräfte entwickelt: Sie sind Multiplikatoren für Depression und Erste-Hilfe, sollen die Digitalisierung und das Projekt „Schule fürs Leben“ vorantreiben. Gleichzeitig wird eine Zusammenarbeit mit der Mittagsbetreuung, dem Hort, dem Jugendamt, der Erziehungsberatung, mit Schulpsychologen und Förderschulen erwartet. „Um all das mit den Kollegen umzusetzen, fehlt die Zeit und die Kraft“, erklärt die Schulleiterin und ergänzt frustriert: „Die Motivation sinkt stetig.“

Eine Rückmeldung, die auch Sabine Huppmann, Vorsitzende des BLLV im Kreis Kitzingen, immer wieder erhält. „Viele Kollegen sind ausgebrannt“, sagt sie und warnt, dass die neuen Anforderungen des Kultusministeriums kontraproduktiv sind. Vor allem die Streichung des Sabbatjahres und der Möglichkeit, frühzeitig in Rente zu gehen, würde den Mitgliedern zusetzen. „Viele sind an ihrem Limit angekommen“, weiß Huppmann. Der Arbeitgeber verlange immer mehr und komme den Lehrern immer weniger entgegen. „Der Schuss wird nach hinten losgehen“, prophezeit Huppmann. „Aufgrund der neuen Regelungen geraten immer mehr Kollegen an ihre Belastungsgrenze und werden krank."

Genau wie Erzieherinnen würden auch Grundschullehrer diese Gesellschaft tragen, betont Gewerkschafter Nellen. „Sie leisten Grundlagenarbeit.“ Warum sie schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen im Gymnasium ist ihm seit vielen Jahren ein Rätsel. Das Finanzministerium habe nach seiner Einschätzung genug Spielraum, um die Besoldung von A12 auf A13 anzuheben. „Statt Lehrämter gleich zu besolden, wird denen, die am wenigsten verdienen, die Arbeitszeit erhöht“, ärgert sich auch die Schulleiterin und spricht von einer fehlenden Wertschätzung. „Besonders von unserem Arbeitgeber, dem Kultusministerium.“ Auf den ist auch Sabine Huppmann schlecht zu sprechen. Nichts habe auf die Anweisungen von Michael Piazolo hingewiesen, dabei stünden die Verbände und das Kultusministerium im ständigen Austausch. „Das war ein Schuss ohne Vorwarnung“, ärgert sie sich. Immerhin: Das Verständnis in der Bevölkerung scheint vorhanden zu sein. Nellen berichtet von vielen unterstützenden Kommentaren und Posts vieler Eltern in den sozialen Medien. „Sie sehen die Arbeit, die von den Lehrern geleistet wird“, sagt er und freut sich. „Der Respekt der Elternschaft ist da. Was uns fehlt, ist der Respekt unseres Arbeitgebers.“

Die Gewerkschaft GEW und der Lehrerverband BLLV rufen gemeinsam zu einer Kundgebung am Samstag, 18. Januar, von 15 bis 16 Uhr, am Unteren Markt in Würzburg auf.

Stimmen Betroffener

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat ihre Mitglieder befragt, wie sie das Schreiben von Kultusminister Piazolo bewerten. Einige Stimmen von Lehrern und Schulleitern aus Unterfranken:

L, Grundschulreferendarin: Ich bin empört und kann verstehen, dass kaum jemand an meiner Schulart (Grundschule) unterrichten möchte. Ich werde nach dem Referendariat wahrscheinlich nicht weiter im Schuldienst arbeiten und fühle mich jetzt schon überfordert und dass, obwohl ich weit unter den 29 Stunden arbeite. Die ungleiche Bezahlung an verschiedenen Schularten ist in keiner Weise haltbar. Für die Wirtschaft werden Unsummen ausgegeben, für Schulen und Lehrer dagegen nicht genug. A13 muss endlich für alle Schularten kommen, sonst werden weiterhin Lehrkräfte abspringen.

G., Förderlehrerin: Für mich persönlich ist die Streichung des Antragsruhestands ein Schlag ins Gesicht. Ich bin 60 Jahre alt und möchte mit 64 aussteigen. Schon jetzt fällt es mir schwer, mein tägliches Arbeitspensum zu erfüllen. Die Zahl meiner Krankheitstage war während meiner gesamten beruflichen Tätigkeit minimal. Dass ich damit auch Raubbau an meiner Gesundheit betrieben habe, merke ich jetzt im Alter. Noch vier Jahre arbeiten ist für mich das äußerst Mögliche.

L., Personalrat: Hier ist für mich zum ersten Mal in über 25 Jahren eine rote Linie derart überschritten worden, dass ich vor Wut ... .

A., Grundschullehrerin: Ich unterrichte derzeit 21 Unterrichtsstunden+1 Unterrichtsstunde Anrechnung für Schulleitung (familienpolitische Teilzeit). Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich voll ausgelastet und habe nicht vor, mein Deputat zu erhöhen. Statt dessen werde ich die Gehaltseinbuße in Kauf nehmen und die Arbeitszeiterhöhung um diese Stunde reduzieren.

Th., Grundschullehrerin: Ich arbeite schon jetzt Teilzeit (24 Stunden), da ich neben meinem Beruf auch noch leben will. Da ich schon 60 Jahre bin, betrifft mich die Stundenerhöhung anscheinend nicht mehr. Aber vom Streichen des vorzeitigen Ruhestandes ab 64 mit Abschlägen wäre ich betroffen. Wenn ich das Schreiben vom Kultusminister richtig interpretiere, sind vom Arbeitszeitkonto nur die Grundschullehrkräfte betroffen. Da frage ich mich, ob wir die Deppen vom Dienst sind.

L., Grundschullehrerin: Die Motivation, diesen Beruf auszuüben und mehr zu tun, wird immer geringer. Inklusion, Sparmaßnahmen, keine Anerkennung der Klassleitung, hinten und vorne nicht genug Förderstunden – blöd, wer sich das freiwillig antut. Ich würde nicht noch einmal Grundschul-Lehramt studieren.

U., Grundschullehrerin: Es ist ungeheuerlich, wie der Freistaat Bayern mit Menschen umgeht! Ich habe kürzlich eine Urkunde für 40 Jahre Lehrer-Sein bekommen. In den letzten Jahren hat mich nur die Aussicht auf mein Sabbatjahr und den anschließenden Ruhestand über Wasser gehalten. So bin ich auch öfter krank in die Schule gegangen. Gerade weil ich an einer kleinen Schule war, mussten dann eben wenige Kollegen alles auffangen. Das erspart man diesen ja, soweit irgend möglich. Ich kenne niemanden in meinem Alter, dem es anders ginge als mir, jeder schleppt sich dahin.

G., Grundschullehrerin: Es gibt andere, nicht ganz ausgeschöpfte Möglichkeiten, um den Lehrermangel erträglicher zu gestalten: Evaluierung aussetzen (das bedeutet eine zeitliche Mehrbelastung – Konferenzen/Besuche – der Lehrer der zu evaluierenden Schule und Bindung von Lehrkräften – Evaluationsteam –, die dringend für den Unterrichtsalltag benötigt werden; Junglehrer nicht verprellen (Junglehrer, die nicht nach Oberbayern versetzt werden wollen, wandern nach Hessen und Baden Württemberg aus – dort ist auch die Bezahlung besser); Sozialpädagogen in die Schulen holen (Sozialpädagogen, die verhaltensauffällige Schüler betreuen, Klassenprojekte zur sozialen Kompetenz leiten und so die Klassenlehrer entlasten); Gute Bezahlung motiviert (A13 für alle Grundschullehrer); Lehrer aus dem Ruhestand anschreiben und für Krisenzeiten (z.B Krankheitswelle) spontan einstellen – und diese dann aber stundenweise gut bezahlen.

A., Grundschullehrerin: Ich habe im letzten Jahr einen Teilzeitantrag gestellt, damit ich irgendwie meine Arbeit noch in einem zufriedenstellenden Maß erfüllen kann. Ergebnis: viele Vertretungsstunden zusätzlich, weil ich durch die Teilzeit verfügbar geworden bin. Und jetzt muss ich wieder aufstocken. Ich bin 56 Jahre alt, wer weiß wie lange ich mich unter diesen Bedingungen noch gesund halten kann.

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