WÜRZBURG/LANDKREIS KT

Schmerzhafte Erkenntnisse

Sie staunen. Und sie fragen. Schließlich geht es um ihre Zukunft. Wie die ausschauen kann, wird im Zentrum für angewandte Energieforschung (ZAE) am Würzburger Hubland erforscht. Auf Einladung der Landtagsabgeordneten Barbara Becker (CSU) ließen sich Klassen aus Münsterschwarzach, Wiesentheid und Gerolzhofen durch die Büros und Forschungslabore führen. Bereichsleiter Hans-Peter Ebert erklärte und mahnte.
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Bereichsleiter Hans-Peter Ebert erklärt den Schülergruppen die Versuche mit Photovoltaik auf dem Dach des Zentrums für angewandte Energieforschung in Würzburg. Fotos: Ralf Dieter Foto: Ralf Dieter
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Sie staunen. Und sie fragen. Schließlich geht es um ihre Zukunft. Wie die ausschauen kann, wird im Zentrum für angewandte Energieforschung (ZAE) am Würzburger Hubland erforscht. Auf Einladung der Landtagsabgeordneten Barbara Becker (CSU) ließen sich Klassen aus Münsterschwarzach, Wiesentheid und Gerolzhofen durch die Büros und Forschungslabore führen. Bereichsleiter Hans-Peter Ebert erklärte und mahnte.

Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl ist das Forschungszentrum auf den Weg gebracht worden. Mittlerweile arbeiten 180 Menschen an fünf Standorten an zentralen Fragen unserer Zeit: Wie lässt sich eine möglichst CO2-neutrale Energieversorgung durch den Einsatz von erneuerbaren Energien realisieren? Welche Produkte und Materialien können eine ressourcenschonende Bauweise garantieren? Wie kann ein umweltverträglicher Straßenverkehr in der Zukunft aussehen? 70 Physiker, Architekten, Ingenieure und Materialwissenschaftler widmen sich am Würzburger Hubland diesen Fragen. Die Antworten sind komplex.

Frage: Herr Ebert, es gibt immer noch internationale Politiker, die den Klimawandel leugnen. Was entgegnen Sie diesen Menschen?

Ebert: Die Datenlage ist eindeutig. Unter Wissenschaftlern gibt es da auch keine Zweifel. Die Klimaerwärmung ist zum größten Teil von Menschen verursacht. Die Auswirkungen sehen wir bereits deutlich.

Frage: Woran?

Ebert: Wir haben deutlich mehr Energie in der Atmosphäre und das führt zu Wetterextremen, wie wir sie 2018 weltweit beobachten konnten: Die Ostsee bei Lettland erwärmt sich auf 26 Grad Celsius, in der Nähe von Los Angeles wird eine Lufttemperatur von 48,9 Grad Celsius gemessen, in Japan regnet es innerhalb von 48 Stunden 1000 Liter auf den Quadratmeter. Das alles hat natürlich auch Folgen für uns.

Frage: Nämlich?

Ebert: Wir spüren dies persönlich an den immer häufiger auftretenden sommerlichen Extremhitzeperioden – und schaut man, wie sich weltweit das Klima verändert, werden in manchen Regionen dieser Erde Menschen einfach nicht mehr leben können, der Migrationsdruck wird sich erhöhen. Prognosen gehen dann von einer dreistelligen Millionenzahl an Migranten Mitte dieses Jahrhunderts aus.

Frage: Die Zeit rennt.

Ebert: Sie rennt uns davon.

Im ZAE suchen die Forscher nach Lösungen. Sie experimentieren mit neuen Dämmstoffen und Verglasungen, mit Photovoltaik-Elementen, die in das Gebäude integriert sind oder mit besonders leistungsfähigen elektrischen Speichern. Das Gebäude am Hubland ist besonders energieeffizient.

Frage: Wie kann der menschengemachte Klimawandel aufgehalten werden?

Ebert: Wir müssten bis ins Jahr 2050 rund 80 bis 95 Prozent unserer CO2-Emissionen einsparen. Das gilt so prinzipiell auch für die Welt.

Frage: Das größte Sorgenkind?

Ebert: In Deutschland ist es der Verkehr. Er ist für etwa 40 Prozent der Energie verantwortlich, die wir insgesamt benötigen. Eine aktuelle Studie berichtet, dass SUV für den zweitgrößten Beitrag zum Anstieg der weltweiten CO2-Emissionen seit 2010 verantwortlich sind. Nur der Energiesektor hat eine noch größere Zuwachsrate, verursacht durch den Bau von Kraftwerken, die mit Kohle, Öl oder Gas betrieben werden. Aber auch bei der energetischen Sanierung unserer Häuser müsste es schneller vorangehen. Rund 30 Prozent am Gesamtenergiebedarf benötigen wir für Heizung und Warmwasser.

Frage: Das Energiekonzept der Bundesregierung sieht vor, dass sich der Anteil der Erneuerbaren Energiequellen bis ins Jahr 2050 verdreifacht hat. Der CO2-Ausstoß soll sich bis dahin um 80 bis 95 Prozent reduzieren. Sind diese Ziele realistisch?

Ebert: Ich denke ja. Aber wir müssen jetzt handeln und zwar entschlossen. Man hat ja zwei Entwicklungen, die aufeinander zulaufen. Wir müssen effizienter mit der Energie umgehen – das heißt, sparsamer und intelligenter. Zum Beispiel Abwärme besser nutzen, Verluste vermeiden. Den Rest an Energie, den wir benötigen, müssen wir mit Erneuerbaren Energien abdecken. Beides muss zusammengehen: mehr Energieeffizienz und Ausbau der Erneuerbaren Energien.

Frage: Bringen Elektroautos die Wende?

Ebert: Derzeit sind die Chancen gut, dass der Umstieg auf E-Autos im privaten Personenverkehr gelingen wird. Bei LKW und Bussen sind aus Gewichtgründen flüssige synthetische Kraftstoffe geeigneter. Diese können zum Beispiel aus Wasserstoff hergestellt werden, der natürlich mit Erneuerbarem Strom hergestellt werden muss.

Hans Peter Ebert führt die Schüler durch die Räume, zeigt ihnen das lichtdurchlässige Membrandach, die zweilagigen textilen Kissen im Dachbereich, die pneumatisch in Form gehalten werden. Beim Bau des Gebäudes ist nicht nur auf die Lichtdurchlässigkeit und eine effiziente Energieversorgung geachtet worden. Bei der Wahl der Materialien stand immer auch die Frage im Raum, wie viel Eigengewicht sie haben und wie viel Energie für deren Herstellung verwendet worden ist.

Im ZAE wurden neuartige Dämmstoffe entwickelt, die eine deutlich geringere Wärmeleitfähigkeit entwickeln als herkömmliche Materialien. Auch bei der Steuerung und Regelung geht man hier neue Wege. Man nutzt beispielsweise Prognosen des Deutschen Wetterdienstes, um vorausschauend Räume mit wenig Energie zu kühlen oder zu heizen. „Das alles ist ein sehr langwieriges und ernstes Thema“, betont der Bereichsleiter. „Leider wird es noch immer viel zu oft verdrängt.“

Was die jungen Leute, die staunend durch die Räume gehen, denn tun könnten, um ihre Zukunft umweltschonend zu gestalten, will Barbara Becker zum Abschluss des Besuches wissen. Die Antwort von Hans Peter Ebert betrifft auch die Vertreter aller anderen Generationen: „Alle Lebensgewohnheiten anschauen und überprüfen, beispielsweise bewusster einkaufen. Am besten regional“, rät er. Hinter jeder Google-Abfrage stecke ein riesiges Rechenzentrum, das Energie benötigt. Bei der Produktion von Fleisch werde zum Beispiel deutlich mehr Wasser verbraucht als bei der Produktion von Gemüse und Salaten. „Einige Entscheidungen für eine bessere Welt sind vielleicht auch persönlich schmerzhaft“, gibt Ebert den Schülern mit auf den Weg. „Denn sie bedeuten letztendlich Verzicht.“

Forschungsinstitut

Was? Das Bayerische Zentrum für Angewandte Energieforschung e.V., kurz ZAE Bayern, ist ein außeruniversitäres Forschungsinstitut mit ca. 180 Mitarbeitern, das vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie institutionell gefördert wird.

Wo? Hauptstandorte sind Garching bei München und Würzburg. Dazu kommen drei Außenstellen in Hof, Arzberg und Nürnberg.

Ziel: Im Dezember 1991 haben sich die Gründungsmitglieder zum Ziel gesetzt, die Energieforschung zu fördern sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung, Beratung, Information und Dokumentation auf allen Gebieten zu betreiben, die für die Energietechnik sowie die sich mit ihr befassenden Wissenschaften bedeutsam sind. Es soll eine möglichst CO2-neutrale Energieversorgung realisiert werden, durch den synergetischen Einsatz von erneuerbaren Energien und Energieeffizienztechnologien. Das Institut führt dazu eine große Zahl von Forschungsprojekten mit der Industrie sowie mit universitären und außeruniversitären Forschungspartnern durch. Hierbei steht die praktische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse im Zentrum.

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