MARTINSHEIM

Schluss mit dem guten Leben

Er will aufhören. Nach mehr als 35 Jahren in seinem Traumberuf. Wolfgang Lechner hat genug. Und er ist nicht der Einzige. Einen Strukturwandel ungeahnten Ausmaßes prophezeit sein Kollege Helmut Schmidt. Die Landwirtschaft steht am Scheideweg – und mit ihr die Verbraucher.
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Klare Ansage: Wolfgang Lechner (Mitte) hat genug von den Entwicklungen der letzten Monate. Er will seinen Betrieb im nächsten Jahr schließen. Seine Kollegen Michael Nagler und Helmut Schmidt blicken noch ein wenig hoffnungsvoller in die Zukunft. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Er will aufhören. Nach mehr als 35 Jahren in seinem Traumberuf. Wolfgang Lechner hat genug. Und er ist nicht der Einzige. Einen Strukturwandel ungeahnten Ausmaßes prophezeit sein Kollege Helmut Schmidt. Die Landwirtschaft steht am Scheideweg – und mit ihr die Verbraucher.

Seit beinahe 40 Jahren ist Wolfgang Lechner als Ferkelerzeuger tätig. Kein schlechter Job. „Da kann man gut von leben“, sagt er. Greifen die Veränderungen, die jetzt von Seiten der Bundesregierung angedacht sind, ist allerdings Schluss mit einem guten Leben. „Nicht nur für uns Landwirte“, betont Lechner. „Auch für die Tiere.“

„Nur wenn es unseren Tieren gut geht, können wir damit auch gutes

Geld verdienen.“

Wolfgang Lechner, Ferkelerzeuger

Der Martinsheimer hat seine Ställe mehrfach umgebaut. Das Tierwohl hatte er dabei immer im Blick, wie er versichert. „Ist doch klar“, sagt er. „Nur wenn es unseren Tieren gut geht, können wir damit auch gutes Geld verdienen.“

Also hat er eine Unterflurlüftung eingebaut, Beschäftigungsmaterial in Form von frei schwebenden Hölzern angebracht, an denen sich die Tiere reiben können und seinen Schweinen mehr Platz zugewiesen, als gesetzlich vorgeschrieben war. „Dafür hatte ich dann jede Menge Ärger mit dem Rechnungshof“, sagt er und schüttelt den Kopf. 2,2 Quadratmeter werden vom Gesetzgeber für jede Zuchtsau gefordert. Bei Wolfgang Lechner betrug das Verhältnis 2,7 Quadratmeter pro Schwein. Für den Umbau des Stalles im Jahr 2000 erhielt er eine staatliche Förderung. „Weil ich nicht für 2,2, sondern für 2,7 Quadratmeter gebaut habe, gab es eine Anzeige vom Rechnungshof“, erinnert er sich. Der Vorwurf: Er habe einen Luxus-Stall für Schweine gebaut. Als er in den 70er-Jahren mit der Ferkelerzeugung anfing, lebten viele Schweine noch auf Stroh. „Für viele Verbraucher klingt das wie die ideale Haltungsform im Stall“, weiß Helmut Schmidt, Schweinemäster aus Martinsheim.

Die romantische Vorstellung: Im Stroh fühlen sich die Tiere sauwohl. „Das Gegenteil ist der Fall“, betont er. Die Staubbelastung sei viel zu hoch. Außerdem bindet das Stroh Kot und Urin der Tiere. Die Folge: Erhöhte Ammoniak-Emissionen sind sowohl für die Tiere, als auch für die Menschen und die Umwelt schädlich. In manchen Jahren regne es auch bei der Ernte. Gesundheitsschädliche Pilze können so über das Stroh in den Stall eingeführt werden. „Das wichtigste bei der Schweinemast und Ferkelerzeugung ist es, den Kot der Tiere möglichst schnell wegzubringen“, betont Lechner.

Deshalb habe sich die strohlose Haltung auf dem Vollspaltenboden als sauberste und hygienischste Variante etabliert. Eine Tierhaltung im Freien, wie sie den natürlichen Lebensgewohnheiten am ehesten entspräche? „Das ist bei unseren klimatischen Bedingungen doch gar nicht möglich.“

Richtig ungehalten wird Wolfgang Lechner beim Thema Ferkelkastration. Der einzige sinnvolle Weg ist nach seinen jahrzehntelangen Erfahrungen eine Lokalanästhesie. „So machen es die Kollegen in Dänemark und Holland“, sagt er. Von dort – und aus anderen Ländern – werden pro Jahr 13 bis 15 Millionen Ferkel importiert. „Tendenz steigend“, sagt Schmidt. Warum das Bundeslandwirtschaftsministerium die Methode mit der Lokalanästhesie ablehnt, ist ihm schleierhaft. Angeblich sei die Prozedur für die Tiere nicht schmerzfrei. „Aber wie wollen Sie Schmerzen effektiv messen?“, fragt Lechner.

Die anderen Möglichkeiten seien erst Recht keine Alternative: Die Verabreichung von Improvac, einer chemischen Substanz, die die Hoden der Tiere auf Erbsengröße schrumpfen lässt, hat nach seinem Dafürhalten „großes Skandal-Potenzial.“

Eine Vollnarkose mit Gas, wie sie in der Schweiz Usus ist, nehme auch nicht die Schmerzen, sondern betäube lediglich das Bewusstsein der Tiere während der Kastration.

„Das gleicht einem

Zwangsumstieg auf

biologische

Bewirtschaftung. “

Helmut Schmidt, über die neuen FFH-Richtlinien

Außerdem sei die Nachschlafphase bei Vollnarkose viel länger. Die Ferkel könnten nicht gleich wieder zum Säugen zur Muttersau gebracht werden. „Das bedeutet für Mutter und Ferkel unnötig Stress“, sagt Lechner. Die Kosten für Gasmasken sind ein weiteres Argument gegen diese Methode. Er rechnet mit 12000 bis 14000 Euro Investitionskosten pro Gerät. „Von Wartungs- und Betriebskosten gar nicht zu sprechen.“

Als wäre das nicht genug des Ärgers und der Unsicherheit, steht eine weitere Veränderung an, die Landwirten wie Wolfgang Lechner ans Aufhören denken lässt. 85 Prozent seiner Ackerfläche liegt im FFH-Gebiet. Vor etwa zwölf Jahren sind deutschlandweit diese Flora-Fauna-Habitat-Flächen ausgewiesen und nach Brüssel gemeldet worden – um ein europaweites Schutzgebiet für Pflanzen und Tiere auszuweisen. „Wir Landwirte hätten keine Nachteile zu befürchten, hieß es damals“, erinnert sich Lechner und schnaubt hörbar durch die Nase. Jetzt soll die Anwendung von Herbiziden und Insektiziden auf diesen Flächen verboten werden. „Das gleicht einem Zwangsumstieg auf biologische Bewirtschaftung“, sagt Helmut Schmidt. Und da will sein Kollege Lechner nicht mitmachen.

„Ich habe überhaupt nichts gegen Bio-Betriebe“, betont er. „Aber so eine Umstellung für den Schweinebereich würde mich ein paar hunderttausend Euro kosten.“ Geld, das er mit seinen 58 Jahren nicht mehr investieren kann und will. „Außerdem ist der Markt für Bio-Schweinefleisch gar nicht da“, gibt er zu bedenken. Im Moment liege der Marktanteil bei rund einem Prozent. „Wer soll das ganze Fleisch denn kaufen?“. Für Wolfgang Lechner steht fest: Mit der Ferkelerzeugung ist im nächsten Jahr Schluss. „Ich werde mir wohl einen neuen Job suchen müssen“, sagt er.

Michael Nagler hat den bereits. Der gelernte Landwirt ist 24 Jahre jung und arbeitet drei Tage in der Woche in einem der Landwirtschaft nachgelagerten Bereich. Die andere Zeit arbeitet er auf dem elterlichen Hof mit 50 Milchkühen und Ackerland. Fünf bis sechs Jahre könne man so auf jeden Fall weiterwirtschaften. Aber dann stünde eine Entscheidung fürs Leben an. Wie die ausfällt könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Derzeit fehle ihm jegliche Planungssicherheit. „Und deshalb muss die Jugend jetzt auch auf die Straße und demonstrieren“, betont Helmut Schmidt. Wolfgang Lechner nickt. Für ihn kommt die Gegenwehr zu spät.

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