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Kitzingen

Respekt – und ein leiser Vorwurf

Fest am Fasten: Zeit für eine Bilanz. Die eine spricht von einer fahrenden Folter, die andere freut sich über eine schöne Beinmuskulatur. Und alle sind froh, dass es vorbei ist.
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Jetzt immer griffbereit im Fahrradkorb: Nina Grötsch hat Taschentücher im Kampf gegen die Pollen im Fahrtwind dabei. Foto: Foto: Nele Grötsch
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Kitzingen

Fünf ganz unterschiedliche Menschen, fünf ganz unterschiedliche Herausforderungen. Leicht ist es nicht, nach über 40 Tagen „Fest am Fasten“ zu entscheiden, wer von uns fünf Redakteuren die Aufgabe am besten gelöst beziehungsweise sein Fastengelübde am besten und ehrlichsten in die Tat umgesetzt hat. Am besten, Sie entscheiden selbst…..

Nina Grötsch

(Autofasterin): Ich kann es kaum abwarten, endlich wieder diesen kleinen schwarzen Knopf zu drücken. Und daraufhin das Aufheulen des Motors zu hören. Jaja, ich weiß, so beeindruckend wie manch' anderes klingt mein Auto jetzt vielleicht nicht, aber ich bin überzeugt, es wird heulen vor Glück! Die letzten Tage ziehen sich wie Kaugummi. Und es bewahrheitet sich, was die Kritiker von Anfang an prophezeit haben: Die Leidtragenden meines Fastenmottos sind neben mir vor allem meine Taxifahrer – und deren Zahl hat sich seit der Ausgangssperre dummerweise auf eins reduziert... Mein persönlicher Chauffeur hat so langsam die Nase voll von seinem neu auferlegten Hobby „Einkaufen“ und sehnt darüber hinaus die Kontrolle über sein Autoradio zurück. In seinen Augen gab es schon immer bessere Beifahrer als mich (aber wie sag‘ ich immer: lieber einmal zu viel gesagt „Achtung, da vorne bremst einer“ als einmal zu wenig). Wie schön es sein wird, wieder alleine Auto zu fahren! Die ganze Kontrolle in meinen sicheren Händen, zurücklehnen, mal durchschnaufen, bisschen Radio hören und gemütlich sinnieren, was der Tag noch so bringt. Beim Radfahren kann ich das nicht. Das ist mir viel zu aktiv und darüber hinaus bin ich ständig nur am Überlegen, welchen Weg ich am besten als nächstes einschlage. Dazu kommt, dass sich jetzt auch noch meine Pollenallergie bemerkbar macht... Fahrende Folter nenn ich diese Fastenzeit!

Daniela Röllinger

(Fleisch und Überflüssiges): Strahlender Sonnenschein – das Wetter hat diese Woche direkt danach geschrien, den Grill anzuheizen. Was meinen Vorsatz, auf Fleisch zu verzichten, mächtig ins Wanken gebracht hat. Aber ich habe mir mein Resümee nicht versaut und kann daher verkünden: Bis auf zwei Sonntage mit kleinen Stückchen Fleisch (und das wäre ja sogar jeden Sonntag erlaubt gewesen) bin ich tapfer geblieben. Dafür freu ich mich jetzt wie ein Schnitzel auf ein Steak zu Ostern. Während ich das genieße, werde ich mir überlegen, ob ich nächstes Jahr wieder so einen Fleisch-Verzicht-Vorsatz fasse oder ob er vielleicht überflüssig ist...

Apropos: Die Zahl der überflüssigen Sachen in meiner Umgebung hat sich in den letzten Wochen tatsächlich verringert. Die alten Klamotten sind weg, die alten Blocks im Schreibtisch und die leeren Kulis in der Arbeitstasche auch. Im Keller ist ein wenig mehr Ordnung eingekehrt, das Unkraut ist gejätet, der Dreck von den Fensterscheiben gewaschen. Sogar die überflüssigen Pfunde sind ein bisschen geschrumpft. Ich hab? so manchen Satz nur in Gedanken ausgesprochen, ein paar Vorwürfe runtergeschluckt, die mir sonst vielleicht über die Lippen gekommen wären und so manche provokante Aussage einfach so stehen lassen. Und deshalb sag? ich zur Leistung der angeblichen Fasten-Königs-Kollegen gar nix.

Julia Volkamer

(Fernsehfasten): Was wollte ich nicht alles ausprobieren! Ich hatte mir für jede Woche ein neues Buch besorgt, um abends zu lesen, war dann aber nach zehn Minuten so müde, dass ich mich schlafen gelegt habe. Ich war kurz davor, mir ein Probe-Abo der „Guido“ zuzulegen, habe es aber lieber doch gelassen. Ich hätte garantiert vergessen, die Probieraktion zu kündigen und Ärger mit meinem Mann bekommen. Ich war wild entschlossen, dem Rat der Kollegin Fu. zu folgen und mich mit Podcasts abzulenken. Dazu müsste ich aber erstmal wissen, wie ich an so was rankomme. Ich habe doch gar keinen I-Pod?!

Leichter wäre es gewesen, andere Vorhaben in die Tat umzusetzen: Meine morgendlichen Sporteinheiten auf den Abend legen. Statt Hausfrauen-TV zum Kaffee meine Beirats- und Vorstandssitzungen vorbereiten - und nicht wie sonst kurz vor knapp. Und vor allem, mich wieder öfter mit Freundinnen zum Quatschen treffen.

Doch dann kam Corona, und meine Herausforderung drohte mich zu überrollen wie Covid19 den ganzen Erdball. Als positiver Effekt auf das Fernsehfasten erwies sich dabei zwar die Tatsache, dass der Fernseher bis auf eine mittägliche Ausnahme grundsätzlich schwarz bleibt, wenn die Kinder im Haus sind. Aber: Die Kinder waren ja IMMERZU im Haus. Das wiederum hatte einen negativen Effekt auf mein Nervenkostüm, und die TV-Berieselung als Entspannungsquelle ging mir von Tag zu Tag mehr ab. Ich war kurz davor, das Fasten zu brechen.

Mit Hilfe einer (nicht immer ganz) gesunden Dosis Rotwein, dem ein oder anderen Schreikrampf und mehreren Einkaufstouren auf zwei Rädern habe ich aber doch durchgehalten. Und jetzt? Kann ich ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich auf Ostersonntag freue. Auch wenn wir diesmal nur in Minimalbesetzung auf dem Sofa sitzen werden: „Die Zehn Gebote“ gehören einfach dazu. Jetzt erst recht!

Diana Fuchs

(Lügenfasten und 15.000 Schritte täglich): Es ist schon irre. Bauarbeiter, Gärtner und viele andere, die täglich draußen unterwegs sind, lachen über 15.000 Schritte – die sind ein Klacks für sie. Für Leute wie mich, die viel Zeit im Büro verbringen, ist dieser Schritteberg dagegen so hoch wie die Rocky Mountains. An „normalen“ Tagen reichte es vor der Fastenzeit gerade mal zu 3000 bis 4000 Fußstapfen… Deshalb bin ich dankbar für den „Walkolution“, den Schreibtisch mit integriertem Laufband (Frank Ackermann aus Wiesenbronn hat mir das Wunderding während der Fastenzeit geliehen). Ohne ihn hätte ich abends daheim noch viel mehr Runden „um den Block“ drehen müssen. Zu Anfang war das Sträflingsarbeit: Dunkelheit, Regen, Wind und Kälte trieben die Laune im Februar in den Keller. Jetzt, im Frühling, wo es abends länger hell ist, macht das Laufen allerdings richtig Spaß. Noch nie habe ich den Wandel der Jahreszeiten, die Farben, Geräusche und Gerüche des Frühjahrs, so intensiv erlebt wie heuer. Noch nie hatte ich so schöne Beinmuskeln. Noch nie so viel Zeit zum Nachdenken und Durchatmen. Und noch nie habe ich so viele Sonnenuntergänge (und auch ein paar -aufgänge) in so kurzer Zeit live gesehen. Kurz und gut: Ich werde bestimmt weiterhin laufen – wenn auch nicht so akribisch auf eine tägliche Schrittzahl festgelegt.

Noch kurz zum Lügenfasten: Entgegen aller Befürchtungen ist das wirklich nicht schwer. Ich habe mir angewöhnt, einfach nichts zu sagen, bevor ich lügen würde. Funktioniert!

Und weil ich gerade schon bei der Wahrheit bin: Ich habe echt Respekt vor den Leistungen der Kolleginnen. Fernsehfasterin Julia hat sicher eine harte Zeit hinter sich, insbesondere, weil die ganze Familie gerade immerzu daheim ist und TV-Ablenkung praktisch wäre. Für Kollegin Nina war Corona hilfreicher: Die ganzen Kindertaxi-Fahrten sind virusbedingt ohnehin entfallen. Trotzdem: Hut ab! Dass Du aufs Rad umgestiegen bist, ist topp, Nini! Auch für Dani gibt?s ein großes Lob: Alles Unnötige zu beseitigen, nötigt Halb-Messis wie mir ungeheuren Respekt ab.

Tja, und zu meinem Kollegen Ralf kann ich sagen: Er ist ein unglaublich netter Kerl, ich mag ihn wirklich. Ob er in den gut 40 Tagen allerdings mehr als fünfmal aktiv Sport betrieben hat? Ich muss da leider Zweifel anmelden…

Ralf Dieter

(Sport und keine Süßigkeiten). In dubio pro reo, wie wir Lateiner sagen. Oder auf deutsch: Im Zweifel zugunsten des Angeklagten. Warum Kollegin Fu. sich dauernd an meiner Fasten-Leistung orientiert ist mir ein Rätsel. Man muss auch gönnen können, möchte ich ihr aus der Ferne zurufen. Denn aus der räumlichen Distanz einiger Kilometer empfange ich hier im Büro die Fasten–Bilanzen meiner Kolleginnen, die im Home-Office arbeiten. Die Corona-Krise hat diese Fastenaktion zusätzlich erschwert – und beinahe beendet. Nach längerer Diskussion haben wir uns Mitte März dazu entschieden, trotz – oder wegen – der Ernsthaftigkeit der Nachrichtenlage weiter zu machen. Wir wollten Ihnen, liebe Leser, zumindest einmal in der Woche ein wenig Abwechslung von den trübsinnigen Schlagzeilen bieten – und bestenfalls auch ein wenig Vergnügen. Sollte uns das gelungen sein, war die Fastenaktion 2020 ein Erfolg – völlig unabhängig von den tatsächlichen oder erfundenen Leistungen aller Teilnehmer. (Ich jedenfalls war mit mir wieder mal sehr zufrieden und gehe gestärkt in die Osterfeiertage).

Bleiben Sie alle gesund - und munter!

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