WEIGENHEIM

Notlösung wird zur Leidenschaft

Annerose Saueracker ernährt sich vegan und gibt Tipps und Rezepte in Kursen weiter. Trotzdem hält sie nichts davon, anderen ihre Lebensweise überzustülpen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Gesundes aus dem eigenen Garten: Für den Smoothie pflückt Annerose Saueracker allerlei Kräuter, Halme und Blätter. Auch Rosenblüten sowie Brennnesseln kommen in den Trunk. Foto: Fotos: Daniela Röllinger
+10 Bilder

Früher hätte sich Annerose Saueracker nicht vorstellen können, so zu leben. Was soll man essen als Veganer? Da fehlte ihr die Vorstellungskraft. Als sie dann aber vor fünf Jahren aus gesundheitlichen Gründen ihre Ernährung umstellte, hat sie die Vielfalt der veganen Küche entdeckt. „Heute geht es mir viel besser“, sagt die Weigenheimerin.

Es war eine schlimme Allergie, die das Leben von Annerose Saueracker verändert hat. Pollen setzten ihr zu: Von Januar bis September litt sie unter Atemnot und heftigen Schwellungen im Gesicht. Schmerzhaft, beängstigend – und unangenehm, weil sie beruflich viel Kundenkontakt hatte und spürte, dass die Menschen auf Distanz gingen. „Kein Medikament hat geholfen“, sagt sie. Also musste sie sich selber helfen, musste sich Zeit nehmen, sich zu heilen. Sie stellte von heute auf morgen ihr Leben um, ernährte sich vier Wochen nur von Säften und danach ausschließlich vegan. Die Folgen zeigten sich schnell: „Die Allergie hat sich verflacht und im nächsten Jahr war sie ganz verschwunden.“ Gleichzeitig hat sie ein neues Bewusstsein für ihr Leben, die Natur und das Miteinander entwickelt, darüber nachgedacht, welche Folgen ihr eigenes Tun hat.

„Das war aus der Not geboren“, sagt Annerose Saueracker über den Beginn ihres veganen Lebens. Als sie sich intensiv mit dem Thema befasste, stellte sie schnell fest, wie viele Gerichte es gibt. Vegan ist „in“, das Angebot der Lebensmittelindustrie groß. Doch für die Weigenheimerin ist diese Ernährungsweise mehr als ein Modetrend. Sie hält nichts von den Fertigprodukten aus dem Supermarkt. „Das ist auf Dauer nicht gesund“, ist sie überzeugt. Sie will wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen. Sie baut vieles selbst an, sammelt manches in der Natur, kauft anderes im Bioladen. „Ich lege Wert auf gesunde, frische, vollwertige und vor allem selbst gemachte Küche.“

Annerose Saueracker stellt einige Dosen auf die Anrichte. Da sind die Zutaten für ihr Mandelmilch-Frühstücksmüsli drin. Äpfel und Kirschen hat sie gedörrt sowie Physalis und Weinbeeren, hat Chiasamen in Quittensaft eingelegt und getrocknet. „Im Sommer stehe ich oft bis nachts um 11 Uhr in der Küche und arbeite“, sagt sie, dörrt Obst, macht Saft und Aufstriche. Den Lohn genießt sie das ganze folgende Jahr Tag für Tag. Das Frühstück ist gesund und sättigt. „Meist habe ich mittags gar nicht viel Hunger.“ Falls doch, macht sie sich einen Smoothie, holt auch die Zutaten dafür aus ihrem eigenen Garten. Statt eines Rasens wächst dort eine Wiese, kurz gemäht und daher auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden, aber mit lauter gesunden Bestandteilen. Hier und da bückt sich Annerose Saueracker, pflückt ein Blättchen, eine Blüte, zupft etwas von einem Strauch ab. Gänseblümchen und Schafgarbe, Spitzwegerich und Löwenzahn, Rosmarin, Gundermann, Rosenblüten, 5-Fingerkraut, Colakraut, Giersch… Von jedem ein bisschen.

Der Smoothie wird gekaut

Die Kräuter werden kurz abgewaschen, kommen dann in einen Behälter, in dem sie schon eingeweichte Leinsamen und Datteln gemixt hat. Annerose Saueracker greift mit dem Lappen nach einem Stengel Brennessel. „Da bin ich auch heute immer noch empfindlich“, sagt sie lachend und schneidet die kleinen Blätter hinein. Noch Babyspinat hinzu, eine Banane und Wasser, dann wird erneut gemixt. „Jetzt kommt die Überraschung, es schmeckt jedes Mal ein bisschen anders“: Mit diesen Worten übergibt sie ein Glas dicklicher grüner Flüssigkeit. „Nicht trinken!“, sagt sie dazu, „Smoothie muss man kauen.“

Diesen Tipp und viele weitere sowie ihre Rezepte gibt Annerose Saueracker in Kursen und Vorträgen weiter, wie kürzlich bei der Vhs in Wiesentheid. Dort sind die Leute sehr aufgeschlossen für die vegane Lebensweise, hat sie beobachtet, die Kurse sind immer schnell voll, während es in anderen Regionen kaum Nachfrage gibt. Die Teilnehmer seien immer wieder überrascht von der Vielfalt, die sie kennenlernen – und darüber, dass die „Leberwurst“ auf den Schnittchen aus Linsen gemacht ist, was man aber kaum schmeckt. „Viele sind fixiert auf Fleisch, Nudeln und Gemüse als Bestandteile eines Essens.“ Als Alternative fällt ihnen eine Mehlspeise ein, aber die ist mit Ei und Milch gemacht und damit nicht vegan. Doch die Kuhmilch lässt sich ersetzen, durch Sojamilch, Mandel- oder Haselnussmilch. Letztere macht Annerose Saueracker selbst. Und ihr Ersatz für Eier? „Die werden oft gar nicht gebraucht“, sagt sie. Sogar im Kuchen könne man darauf verzichten. Zum Auflockern nutzt sie Mehl, Backpulver und Sprudelwasser. Zum Binden Speisestärke und Sojamilch. Statt Sahne kommt Mandelmus in die Tomatensoße. Nur beim Käse ist sie nicht ganz zufrieden. „Es gibt veganen Käse zu kaufen, aber den mag ich nicht.“ Also überbackt sie mit einer Mischung aus Hefeflocken und Mandelmus. Wie Bergkäse schmeckt das nicht, gibt sie zu, aber sie braucht auch keinen „nachgemachten Geschmack“.

Sie will nicht missionieren

Dass sie ihre alte Ernährung nicht vermisst, merkt sie, wenn sie mal irgendwo isst, wo es nichts Veganes gibt. Es gebe äußere Umstände, in denen sie nicht darauf beharren will, nur vegan zu essen und dann macht sie im Einzelfall eine Ausnahme ins Vegetarische. „Selbst da wundere ich mich darüber, dass mir das mal geschmeckt hat.“ Annerose Saueracker findet ihre Ernährungsweise gut und richtig, gibt ihr Wissen gerne weiter, „aber ich muss es nicht immer demonstrieren“, sagt sie. Und überstülpen will sie schon gar nichts. Ehemann und Sohn essen normal, für sie kocht sie auch Fleisch – „nur abschmecken müssen sie selbst.“ Allerdings haben auch die beiden schon Gefallen an vielen ihrer Gerichte gefunden und so gibt es inzwischen viel seltener Fleisch im Hause Saueracker.

Zum Abendessen kocht sie heute Zucchini-Tomaten-Bratlinge. Sie erhitzt Sojamilch mit Gemüsebrühe, rührt Dinkelgrieß ein, gibt vegane Margarine hinzu. Während alles im geschlossenen Topf quillt, schneidet sie Zucchini und Paprika klein, tupft in Öl eingelegte getrocknete Tomaten ab, würfelt sie. Alles anbraten, abschmecken, das Gemüse mit Semmelbrösel und Basilikum mit dem Grieß vermischen, Küchlein formen, ausbraten. Dazu gibt?s Braune Soße – Rotwein, Zwiebeln, Ahornsirup… geben den Geschmack – und einen bunten Salat. Auf Sonntagskuchen wird auch nicht verzichtet, selbst Maulwurfhügel-Torte oder Schwarzwälder-Kirschtorte kommen an Festtagen auf den Tisch, vegan natürlich. Die Vorurteile gegen die vegane Ernährung bestehen oft nur im Kopf, so die Erfahrung der gebürtigen Herrnsheimerin. „Voreingenommenheit und Bequemlichkeit sind die größten Hindernisse.“ Dabei sei ihre Lebensweise weder aufwändiger noch teurer. Vor allem sei sie gesünder, für den Körper, aber auch für die Psyche und das emotionale Wohlbefinden.

Annerose Saueracker möchte dazu beitragen, dass Vorurteile gegen Veganer abgebaut werden. Dafür gibt sie ihre Kurse, dafür hat sie ihren alten Job verlassen, sich fortgebildet und selbstständig gemacht. Um den Körper, um Energie, den Geist und die Seele geht es heute in ihrem beruflichen Leben, überschrieben mit dem Titel „Zeit zum Heilen“. Genau damit also, mit dem ihr Einstieg ins „vegane Leben“ vor fünf Jahren angefangen hat.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren