KITZINGEN

Mehr Leben rund ums Amt

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Mit Spaß am Werk: Rudolf Sattes, Maria Lutz, Amtsleiter Gerd Düll, Nikolai Kendzia und Jessica Schwittek bereiten Schilfrohr und Stockrosenstängel als Nistmaterial für Hummeln, Wildbienen, Schlupf-, Falten-, Grab- und Wegwespen, Florfliegen und Ohrwürmer vor. Das „Luxushotel für Insekten“ ist nur ein Teil des umfangreichen Artenvielfaltsprojekts am Kitzinger Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. FotoS: DIANA FUCHS Foto: Diana Fuchs
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Was ist da los? Rund ums Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen (AELF) sieht es aus, als hätte ein Riese gewütet. Tatsächlich waren Bulldog und Bagger am Werk. Die Rabatten rund um die Amtsgebäude sollen zu dauerhaften Blühflächen umgebaut werden. Auf 2800 Quadratmetern sollen sich viele kleine Lebewesen wohl fühlen. Im Bau ist auch ein „Luxushotel“ für Insekten – inklusive Dachbegrünung.

„Man kann nicht immer nur von Artenschutz reden, sondern muss auch selber etwas dafür tun“, findet Behördenleiter Gerd Düll. „Biodiversität geht alle etwas an. Jeder Beitrag zählt.“ Aus seinen Worten spricht die Hoffnung, dass viele Menschen – Landwirte, Privatleute, Unternehmer – sich im Lauf des Jahres in der Mainbernheimer Straße 103 umschauen (neben der B8 in der Kitzinger Siedlung) und dann auf ihrem eigenen Grund und Boden ebenfalls Artenschutz betreiben.

Im Umfeld des Amtes zählen schon seit 2013 die ökologischen Gesichtspunkte mehr als vermeintliche Schönheit. Nikolai Kendzia, Abteilungsleiter Gartenbau, betont: „Die Flächen, die wir ungestört gelassen haben, haben im Sommer nur so gesummt.“ Das Summen soll jetzt noch vielstimmiger werden. Zum Themenjahr „Biodiversität“ der Landwirtschaftsverwaltung und zum zehnten Geburtstag der „Biodiversitätsstrategie“ des bayerischen Umweltministeriums startet das AELF Kitzingen eine Umgestaltungskampagne.

„Das ist keine Chefsache!“ Gerd Düll legt Wert darauf, dass hier keine Vorgaben der Amtsleitung umgesetzt werden, sondern dass die Mitarbeiter selbst Ideen entwickeln. Dazu gab es im August 2018 eine Umfrage unter den AELF-lern. Ergebnis: Viele wünschten sich Blühstreifen, trockenheitsresistente und standortangepasste Pflanzen, gern schön farbig, mit Frühblühern, Kletterpflanzen, passenden Bäumen. Als Gestaltungselemente stellten sich die Mitarbeiter Totholz, einen Steingarten und Nistkästen vor.

„Die Mitarbeiter hätten es gerne schön gepflegt, aber eben auch artenreich. Das klingt gut, kann sich aber unter Umständen beißen“, fasst Nikolai Kendzia zusammen. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, das Beste aus allen Vorgaben herauszuholen und Verständnis dafür zu wecken, dass Kleintiere sich halt eher in 'Unordnung' wohlfühlen. Dort finden sie Futter und Nistplätze.“

„Den Saustall wegmachen“

Rudolf Sattes, langjähriger AELF-Mitarbeiter und engagierter Ortsverschönerer aus Hohenfeld, gibt dazu ein Beispiel. „Im Herbst lasse ich das Laub in meinem Garten liegen und die Blütenstände stehen, damit Insekten überwintern können. Aber das verstehen nicht alle. Ein Bürger hat mal zu mir gesagt: 'Willst du deinen Saustall nicht endlich wegmachen?'“

Maria Lutz, am Amt zuständig für Fragen zur Förderung der Artenvielfalt, hat Verständnis für solche Menschen: „Viele Leute wissen halt einfach noch nicht genügend Bescheid.“ Mit dem anschaulichen Projekt rund ums Amt, das bisher 3000 Euro gekostet hat, soll sich das ändern. „Hier kann man sich angucken, wie verschiedene Blühmischungen im Jahreslauf ausschauen und welche Lebewesen sie anlocken“, sagt Gerd Düll.

Auf einer Rabatte werden Ende Februar Samen einer Versuchsmischung der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (Veitshöchheim) ausgebracht. Dieser Mix, der zum Keimen einen Frostreiz braucht, heißt „kleine Prärie“ – „passend zur heißesten Stadt des Landes“, spielt Nikolai Kendzia auf den Kitzinger Temperaturrekord an. Eine weitere Saatmischung für mehrjährige Blumen wie Schafgarbe, Königskerze, Färberkamille, Glockenblume und Leguminosen soll Bienen und Hummeln Pollen und Nektar bescheren.

„Die Wiese zwischen den Gebäuden soll auch neu gestaltet werden, allerdings wird das ein länger währender Prozess“, schaut Kendzia in die Zukunft. „Da sind viele Gräser drin.“ An jener Wiese könne man gut sehen, dass „die richtige Pflege biodiverser Flächen ganz wichtig ist, vor allem bei Neuanlagen“, stellt Maria Lutz fest. „Oft befinden sich im Boden unerwünschte Wildkräuter und Grassamen, die andere Arten, wie Margeriten und Lichtnelken, unterdrücken, wenn man diesen anfangs nicht beim Durchkommen hilft.“

Dabei spielt neben dem Auszupfen von „Unkräutern“ der Zeitpunkt der Mahd eine wichtige Rolle. „Viele verpassen den richtigen Moment Anfang Juni. Genau dann, wenn die Wiese noch schön blüht, muss man das erste Mal mähen“, betont Nikolai Kendzia, „sonst beschatten große Gräser die Blühpflanzen – und die verschwinden dann wegen des Lichtmangels.“ Kendzia sagt auch: Sobald das Mähgut trocken ist und ausgesamt hat, soll man es wegräumen, damit es nicht auf den Boden fällt und diesen übermäßig düngt. „Nach vier bis sechs Wochen gibt es eine zweite Blüte.“

Einiges falsch machen kann der Laie auch bei der Pflanzenauswahl. Es sei sinnvoll, den Klimawandel im Blick zu haben und temperaturtolerante Pflanzen auszusuchen, meint Amtsleiter Gerd Düll. „Schon jetzt ist es im Kreis Kitzingen 1,7 bis 1,8 Grad Celsius wärmer als vor wenigen Jahrzehnten.“ Düll verweist auf profunde Ansprechpartner: Gartenbaubetriebe, die örtlichen Gartenbauvereine und die Gartenakademie Veitshöchheim.

„Immer gut ist es, ein bisschen Totholz herumliegen zu lassen. Das dient vielen Arten als Futter und Unterschlupf“, stellt Maria Lutz fest. Auf dem Amtsgelände erfüllt ein vom Sturm „Fabienne“ gefällter Birnbaum diesen Zweck. Die Biodiversitätsbeauftragte freut sich auf „viele neue Mitbewohner, von Eidechsen über Schmetterlinge bis hin zu Vögeln“ und wünscht sich, dass spätestens im Juni, wenn es schön blüht, „Besucher und Mitarbeiter positiv überrascht sind“. Und auch Nikolai Kendzia hat einen Wunsch: „Ganz viele Nachahmer!“

INFO: Wer im eigenen Garten etwas für die Biodiversität tun will, findet Anregungen künftig nicht nur auf dem Gelände des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kitzingen, Mainbernheimer Straße 103. Rat und Hilfe gibt es auch bei der Gartenakademie der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim, www.lwg.de Mail: bay.gartenakademie@lwg.bayern.de

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