WÜRZBURG/KIRCHSCHÖNBACH

Mehr Chancen als Risiken

Die Oberzeller Franziskanerinnen werden weniger. Für die Generaloberin kein Problem
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Es wird auch weiterhin genug Orte geben, an denen die Oberzeller Schwestern tätig werden können. Orte, an denen sie gebraucht werden. Davon ist Generaloberin Katharina Ganz überzeugt. Die Kraft für ihre Arbeit schöpfen die Schwestern aus ihrem Glauben. Foto: ArchivFoto: POW
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Schrecken? Nein! Schrecken können die Zahlen und die aktuelle Entwicklung Schwester Katharina Ganz nicht. Warum auch? Es geht ihr nicht um Masse, sondern um Ehrlichkeit, um Überzeugung. Wer bei den Oberzeller Franziskanerinnen eintritt, soll das mit ganzem Herzen tun. Und nicht aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus.

Die „Dienerinnen der heiligen Kindheit Jesu OSF“, wie die Kongregation offiziell heißt, hat eine lange Tradition. Vor über 160 Jahren ist sie von Antonia Werr in Oberzell gegründet worden. Dort leben rund 90 Schwestern. In der gesamten Gemeinschaft sind es etwa 150. Die Franziskanerinnen haben im Lauf der Jahrzehnte Außenstellen in New Jersey (USA), in Südafrika und in sieben deutschen Diözesen aufgebaut. Die meisten Niederlassungen mussten wieder geschlossen werden. Die Zahl der Schwestern sinkt weiter, während der Altersdurchschnitt steigt. Wie überall. Alle 18 Monate gibt es durchschnittlich gesehen einen Neueintritt. Viel zu wenig, zumal lediglich die Hälfte der Novizinnen bleibt, die andere Hälfte entscheidet sich um, verlässt das Kloster wieder. Ist diese Entwicklung nicht doch ein wenig erschreckend? „Wir haben in unserer Gesellschaft die Möglichkeit, unsere Lebensform frei zu wählen“, sagt Schwester Katharina Ganz. „Gott sei Dank ist das so.“

„Wer zu uns kommt, der kommt aus vollem Herzen.“
Katharina Ganz, Generaloberin

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sah das ganz anders aus. Die Industrialisierung veränderte die Gesellschaft – und forderte ihre Opfer. Gerade junge Frauen von kinderreichen Familien liefen Gefahr, auf der Straße zu enden. Keine Ausbildung, keine Perspektiven, keine Zukunft. Dieser Not wirkten die Schwestern entgegen. Bis zu 1200 „Dienerinnen der heiligen Kindheit Jesu“ lebten und arbeiteten in den 1960er Jahren in der Ordensgemeinschaft, die Antonia Werr zusammen mit Freiherr Maximilian von Pelkhoven und dem Franziskaner-Minorit Pater Franz Ehrenburg 1855 ins Leben gerufen hatte. Mit dem Ordenseintritt waren gesellschaftliches Ansehen und vielfältige berufliche Entfaltungsmöglichkeiten verbunden. Heute sieht das anders aus.

„Wer zu uns kommt, der kommt aus vollem Herzen“, sagt die Generaloberin. Die meisten Interessentinnen stehen mitten im Leben, haben studiert, Lebens- und Berufserfahrungen gesammelt, Schicksalsschläge gemeistert und fragen sich nun: Was ist eigentlich der Rahmen, der mich hält? Wer oder was trägt mich durchs Leben?

Die Antwort finden sie in der Gottesbeziehung, im Gebet, in der Stille, in der Gemeinschaft und in der Arbeit, deren Zielrichtung sich seit den Anfangsjahren nicht verändert hat. „Wir wollen Menschen ohne Lobby helfen“, erklärt Katharina Ganz. Auch in Zukunft wird es genug Orte geben, an denen die Schwestern tätig werden können. Orte, an denen sie gebraucht werden, zum Beispiel an sozialen Brennpunkten, in Krankenhäusern oder in Flüchtlingsheimen, nach wie vor aber auch in den Einrichtungen der Gemeinschaft.

Trotz zurückgehender Mitgliederzahlen seien kleine Neuaufbrüche möglich. Aufbrüche, die sich lohnen. Katharina Ganz sieht in der aktuellen Entwicklung mehr Chancen denn Risiken. Klar: Werden die bestehenden Häuser aufgelöst – wie es für das Areal der Schwestern in Kirchschönbach seit ein paar Jahren diskutiert wird – dann geht eine lange und segensreiche Geschichte zu Ende. Einerseits. Andererseits wird auch die Last geringer, wie sie sagt. Die Schwestern können sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Auf ihren Auftrag. Und den sieht sie in der Tradition Antonia Werrs darin, Mädchen und Frauen in sozialer Not beizustehen. „Das ist und bleibt unser Kerngeschäft.“ Und das wird auch in Zukunft der Schwerpunkt sein.

Längst übersteigt die Zahl der Angestellten die Zahl der Schwestern bei den Dienerinnen der heiligen Kindheit Jesu OSF. Rund 300 Mitarbeitende sind im Kloster Oberzell, in der Antonia-Werr-Zentrum GmbH St. Ludwig, im Fachbereich Frauen in Würzburg und in Südafrika beschäftigt. 150 Schwestern sind im Orden verblieben. In 20 Jahren wird sich das Verhältnis weiter verschoben haben. Umso wichtiger ist es, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Geiste der Gemeinschaft zu schulen. „Da bedarf es gerade bei den Neueinstellungen einer systematischen Einführung“, sagt Katharina Ganz. Das Leitbild, der soziale Auftrag, die christlichen Werte müssen kommuniziert und weiter gegeben werden. Weil sie in der Zukunft so wichtig sein werden wie in der Vergangenheit.

Ein Leben ohne Ordensgemeinschaften kann sich Katharina Ganz nicht vorstellen. Rund 1700 Jahre währt diese Tradition. Einem Wandel war das Ordensleben schon immer unterworfen. Aber die Grundprinzipien blieben immer von Bedeutung. Und werden es nach ihrer Überzeugung auch weiterhin tun: Ein Leben in Gemeinschaft, das Teilen von Besitz, ein Einstehen für Menschen, die nicht blutsverwandt sind.

Möglich, dass es neue Formen des Zusammenlebens geben wird, dass sich Orden zusammenschließen oder Gemeinschaften von Grund auf neu fusionieren – und dabei auch eine neue Ordensregel aufstellen. Schon jetzt gibt es diese Lebensgemeinschaften von Mitgliedern verschiedener Orden. Auch Brüder und Schwestern leben gemeinsam unter einem Dach. „Das wird wohl zunehmen“, prophezeit Katharina Ganz.

Gleichzeitig beobachtet sie zaghaft ein steigendes Interesse junger Frauen am Ordensleben. „Das ist sicher keine Kehrtwende“, sagt sie. Aber in Zeiten, in denen die religiöse Bindung Stück für Stück verloren geht, entsteht in der Regel auch eine Gegenbewegung.

„Wir können uns rückbesinnen, wofür wir eigentlich da sind. Wofür wir eintreten wollen.
Schwester Katharina Ganz, Oberzeller Franziskanerinnen

Die Rückbildung der Orden hält die Generaloberin nach den Zeiten eines außergewöhnlichen Booms für ganz normal. Mehr noch. Sie sieht darin eine Chance: „Wir können uns rückbesinnen, wofür wir eigentlich da sind. Wofür wir eintreten wollen.“

Wieder verstärkt vor Ort sein, in den sozialen Brennpunkten mit anpacken, vielleicht sogar selbst ganz neue Kooperationen eingehen. Ihre Kongregation führt längst regelmäßig Gespräche mit anderen Glaubensgemeinschaften vor Ort. Wo früher Abgrenzungen waren, da sind heute Gemeinsamkeiten. Erschreckend ist das nicht. Im Gegenteil.

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