KITZINGEN

Maschenware aus fleißigen Händen

Socken, Schals, Mützen, Pullis, Jacken: Dienstags wird in der Siedlung für den guten Zweck gestrickt.
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Da werden sie angenäht: Elisabeth Schiml-Müller hält die Bommeln, die Marianne Endreß innerhalb weniger Minuten gefertigt hat, an die gestrickte Mütze. Foto: Foto: Daniela Röllinger
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150 Paar Socken im Jahr. 300 einzelne Strümpfe. 300 Mal Bund, Schaft, Ferse, Fersenkäppchen, Zwickel, Fuß, Bandspitze. Das sind mehr als vier Millionen Maschen in zwölf Monaten. Gestrickt von einer einzigen Frau. Gäbe es den Titel der Socken-Strick-Königin im Landkreis, die 86-jährige Betty Priebe hätte ihn sich verdient.

Der Dienstagnachmittag ist fest gebucht und das seit Jahren. Um 13 Uhr treffen sich acht Frauen aus Kitzingen und dem Umland in der Kitzinger Siedlung zum Strickkreis. Sie bringen weit mehr mit als nur ein Knäuel Wolle und fünf Nadeln. Rund um den Tisch im Stadtteilzentrum sitzen Handwerkerinnen mit Leib und Seele. Sie sind voll ausgerüstet: Stricknadeln verschiedener Stärken haben sie dabei, Nadeln zum Vernähen und zum Stopfen, Häkelnadeln, viele Scheren, Sticknadeln, Wolle in verschiedenen Farben und Qualitäten und einiges mehr.

Es geht zack-zack, im Schnelldurchgang wird die Masche angehoben, der Faden durchgezogen und auf die nächste Nadel verfrachtet. Die Blicke wandern munter zwischen den Handarbeitsstücken und den Gesprächspartnerinnen hin und her. Es wird geplaudert. „Wir stricken hier gerne Socken“, sagt Barbara Falkenstein, „da kann man sich gut unterhalten.“ Schließlich trifft man sich nicht nur, um gemeinsam zu handarbeiten. Es geht auch um die Geselligkeit, wie Erika Riedel-Eichner erklärt.

Die beiden Frauen gehören dem Strickkreis am längsten an. Schon seit 2012 treffen sie sich, haben verschiedene Umzüge des Treffs miterlebt und kommen nun seit etwa zwei Jahren wie ihre Kolleginnen jede Woche am Dienstag in das Stadtteilzentrum in der Siedlung. Was die Damen dort herstellen, ist fast nie für sie selbst bestimmt. Viele Socken, Stulpen, Jacken, Pullis, Handschuhe und mehr bekommen Familie und Nachbarn. Das meiste aber ist für den so genannten guten Zweck. Menschen in Rumänien konnten sich schon darüber freuen, Waisenkinder in der Ukraine, Neugeborene in der Klinik Kitzinger Land, krebskranke Kinder, die in Würzburg behandelt werden. Alleine für die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ hat Betty Priebe heuer 54 Paar Socken gestrickt. Mit 86 Jahren. Sie kauft sämtliche Wolle selbst. Die Hände arbeiten flott, die Augen sind flink. Die Albertshöferin ist die einzige am Tisch, die keine Brille hat. Sie lacht, als das Gespräch darauf kommt.

„17, 18, 19,....“ Nur wer genau hinhört, bemerkt in der lockeren Unterhaltung, dass ab und zu doch ganz leise Maschen gezählt werden. Das ist wichtig, bei aller Routine. Schließlich sollen die Socken auch passen. Auftrennen will keiner gern. Aber es gehört doch dazu. Wie bei der Mütze, die Helga Gruner kürzlich gestrickt hat. „Der Rand rollt sich so arg nach oben. Das gefällt mir gar nicht.“ Und was ihr selbst nicht gefällt, das mag sie auch nicht verschenken.

Als Kinder haben die Frauen einst das Stricken gelernt. In der schlechten Zeit, wie Erika Riedel-Eichner sagt, da hat die kinderreiche Familie Bezugsscheine für Wolle bekommen. Schon mit neun Jahren hat sie Jäckchen für ihre jüngeren Schwestern gestrickt. Betty Priebe war 14, als sie mit dem Stricken anfing. Gezeigt hat es ihr die Nachbarin, eine Gastwirtin. Auch Elisabeth Schiml-Müller, die Organisatorin der Gruppe, hat mit neun angefangen und kann sich das Leben ohne Handarbeiten seitdem nicht mehr vorstellen. „Sie strickt Tag und Nacht“, sagen die Kolleginnen. „Sogar beim Autofahren“, bestätigt sie selbst. 28 Pullis hat Elisabeth Schiml-Müller mal in einem Jahr für eine Boutique gefertigt. Dazu kommen allerlei andere Handarbeiten wie Häkeln und Sticken.

„Ich muss das Daumenloch machen. Wie ging das nochmal?“, fragt Marianne Endreß zwischendurch. Sie strickt gerade Stulpen. Seit etwas mehr als einem Jahr ist sie im Strickkreis dabei, holt sich ab und an noch den Rat ihrer Kolleginnen. „Drei Maschen stricken, sechs abnehmen und in der nächsten Reihe nimmst du es wieder zu“, sagt Elisabeth Schiml-Müller, ohne dass sie groß darüber nachdenken müsste.

Strickmaschinen, so geht das Gespräch sofort weiter, haben sie alle mal gehabt. „Meine konnte sogar Patent und Halbpatent“, erzählt Barbara Falkenstein. Socken hat sie auch darauf gestrickt, es ging nicht nur gerade hin und her. Einfach war das Stricken trotzdem nicht. Die Maschen abzuheben brauchte weit mehr Aufmerksamkeit als beim Stricken mit der Hand. Und fürs Fernsehen, da sind sich alle einig, war das auch nichts: viel zu laut.

Dass Gestricktes wieder „in“ ist, kommt bei den Damen natürlich gut an. „Man trägt wieder Raglan“, stellt Helga Gruner zufrieden fest. „Und Norwegerpullis sind im Kommen“, fügt Elisabeth Schiml-Müller hinzu. Sie lächelt: „Da freu' ich mich drauf.“

Marianne Endreß macht derweil zwei Bommeln für die blaue Mütze, die Elisabeth Schiml-Müller gestrickt hat. „Sie braucht fünf Minuten dafür“, sagen die anderen. „Wir haben die Zeit gestoppt.“ Alle lachen. Es ist ein unterhaltsamer Kreis, der sich da dienstags trifft. Ein Kreis, in dem jeder jedem hilft. Und ein Kreis, der sich über Wollspenden ebenso freut wie über neue Strickerinnen. Jeden Dienstag, von 13 bis 17 Uhr im Stadtteilzentrum in der Siedlung.

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