MARKTSTEFT

Künstler und Chaot

Marc Kraemer feiert 20 Jahre Schaffen – mit Kunst, Licht und Ukulele-Stammtisch.
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Marc Kraemer vor einem seiner aktuellen Lieblingsbilder. In 20 Jahren Schaffen ist er sich und seinem Stil stets treu geblieben. Foto: Volkamer
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Marc Kraemer ist so. Das ist keine Masche. Der Marktstefter ist Künstler, mit jeder Faser seines drahtigen Körpers. Der steckt noch in einer zerrissenen Jeansbermudas, als die Gäste im heimischen Garten eintrudeln. Wundern tut sich da keiner, so ist er halt. 20 Jahre künstlerisches Schaffen hin oder her, ein besonderes Outfit hat er sich dafür garantiert nicht angeschafft. „Aber fürs Foto zieh' ich mir mal was an“, sagt er und entschwindet im Haus. Dass er dem gerade erst herzlich begrüßten Ehepaar eigentlich noch Gläser für den angebotenen Schoppen bringen wollte, hat er schon wieder vergessen.

Böse sind die beiden ihm nicht, der Marc ist halt so. Dafür hat er ja seine Entourage aus Vater Richard und einigen Kumpels. Jeder hat so seine Aufgaben: Der eine kümmert sich darum, dass die Pizzabrötchen rechtzeitig aus dem Ofen kommen. Der andere schließt sein Handy an, damit ein bisschen Hintergrundmusik läuft. Und der dritte marschiert eben los und holt Weingläser aus der Garage. Gut wäre noch ein Kühlschrank-Beauftragter gewesen. Der kleine, mit Bier-, Wein- und Wasserflaschen vollgestopfte Apparat läuft zwar auf Hochtouren, aber vermutlich erst, seit Marc ihn vor maximal einer Stunde angeschaltet hat.

Aber so ist er halt – und im Vordergrund steht ja auch seine Kunst. Dass just auf den Tag, an dem er seine Feier zum 20-jährigen „Dienstjubiläum“ ausrichtet, auch noch sein Geburtstag fällt, das ist für ihn nicht wichtig. Die Veranstaltung findet nur deswegen an diesem schönen Augustabend statt, weil seine Leute vom Ukulele-Stammtisch in Juni und Juli keine Termine frei hatten.

Musik und Malerei gehören für den als Markus Krämer geborenen Künstler zusammen. Als die Combo aus lokalen Kunstgrößen und zwei Gastspielern mit ihrem Auftritt beginnt, hält er sich zwar noch zurück, schreibt aber ein paar Tage später in einer Mail, dass die Feier zu späterer Stunde noch „in eine gepflegte Jam-Session übergegangen“ ist. Man kann es sich gut vorstellen. Denn Marc Kraemer ist so: Ein Nachtmensch, der erst in der Dunkelheit so richtig auftaut.

Flanieren und Genießen

Bis dahin machen seine Gäste das, was er für sie vorgesehen hatte: Flanieren und Genießen. Denn seine „Ausstellung“ spricht einmal mehr für sich. Bilder aus 20 Jahren Schaffen sind über den ganzen Garten verteilt, stehen im Blumenbeet, vor Maschendrahtzaun und Tuja-Hecke, im Gemüsegarten. Erst in der Dämmerung, als die letzten Sonnenstrahlen auf der Sulzfelder Mainseite verschwinden, wird klar, dass diese Auswahl nicht willkürlich sein kann. Marc Kraemer hat das alles arrangiert. Ein Traum von Laubbäumen in leuchtendem Orange erstrahlt zwischen Studentenblume, Lupinen und gelben Margeriten, das Abendlicht lässt die Farben noch wärmer erscheinen als die dicke Ölfarbe es ohnehin schon tut.

Und mit der Dunkelheit gehen schließlich die Lichter an. Im Gemüsegarten wechselt das Farbspiel zwischen Tomate, Gurke und Paprika von Rot zu Grün und Gelb, und mit ihm die Wirkung des dort platzierten Gemäldes. Es lehnt an einem mindestens ebenso beeindruckenden Apfelbaum wie auf ihm selbst zu sehen ist – das ist kein Zufall.

Wenn es nämlich um die Arrangements geht, die seine Kunstwerke in Szene setzen sollen, hat Marc Kraemer immer eine Idee. Feste Vorgaben, Pläne oder Konventionen kümmern ihn dabei kein bisschen. „Ich mache das vor allem, weil es mir Spaß macht“, erklärt er. Und hat an diesem Abend viele Leute versammelt, die ähnlich idealistisch sind wie der Künstler selbst.

Geld müssen sie trotzdem verdienen, und das gilt natürlich auch für Marc Kraemer. Viele Jahre hat er mit großem Erfolg einen Kalender mit Impressionen aus seiner Heimat herausgebracht, zuletzt vermarktete er ihn mit einem künstlerischen Bremserabend. Der fand dann in der historischen Kirchenburg oder den Marktstefter Gassen statt. Auch das Etikett des alljährlich gebrauten Weihnachtsbieres der Brauerei Kesselring stammt aus seiner Hand, und zum 800-jährigen Stadtjubiläum hat er nicht nur einen Extra-Kalender zusammen-, sondern diesen auch am Festwochenende ausgestellt.

Doch auch bei diesen, eigentlich „kommerziellen“, Veranstaltungen stellte Marc Kraemer immer wieder unter Beweis, welch „Freigeist“ er ist. Da waren Kalender am Ausstellungstag noch nicht aus der Druckerei abgeholt, die Gemälde in der Kirchenburg nach einem Windhauch noch nicht wieder aufgestellt oder der Künstler selbst zur Ausstellungseröffnung noch auf der Suche nach seinem ausgebüxten Hund.

Aber so ist Marc Kraemer eben. So genial er an der Leinwand ist, so verplant erscheint er in seinem Tun außerhalb des Ateliers. Vor allem aber ist sich Marc Kraemer in all den Jahren treu geblieben, hat sich nicht verbiegen oder groß beeinflussen lassen. Viele Kritiker hat er verstummen lassen, viele Anhänger dazugewonnen. Einer von ihnen ist Friedrich von Mackensen, über 80 Jahre und sehr gebildet, aus altem preußischen Adel. Er attestierte dem Künstler Marc Kraemer nicht nur „formales Können“ und „sicheren Takt“, sondern bezeichnete ihn als „berufenen Menschen“. Nach dem Besuch einer Ausstellung schrieb er: „Man scheidet bereichert.“

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