Kitzingen/Ochsenfurt

Altersarmut in Franken: Zu zweit 400 Euro im Monat

Rentner Josef K. wünscht sich, dass Politiker mal von seiner Rente leben müssten - „Fridays gegen Altersarmut“ fordert eine gerechtere Altersvorsorge für alle
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Taschen leer: So mancher Landkreisbürger hat im Alter finanzielle Sorgen. Foto: Foto: Diana Fuchs
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Das Telefon klingelt. Ich hebe ab. Es meldet sich Josef K. aus Kitzingen. Ob er bei mir richtig sei, wenn er die Zeitung abbestellen wolle, fragt er höflich. Ich verneine, möchte aber gleichzeitig gerne wissen, was ihn denn an der Zeitung so geärgert habe, dass er sie nicht mehr lesen will. „Nein, ich habe mich nicht geärgert“, sagt Josef K. und fügt nach einem verlegenen Räuspern leise hinzu: „Es hat andere Gründe.“ Das Gespräch, das so beginnt, dauert lange. Es geht mir die nächsten Tage nicht aus dem Sinn. Altersarmut – das ist nichts Fernes. Die zu kleine Rente macht auch im beschaulichen Kitzingen Menschen das Leben schwer.

Altersarmut: 33 Jahre lang vorgesorgt

Josef K. (Name von der Redaktion geändert) war als junger Mann zunächst bei der Bundeswehr, dann machte er sich mit einem Gebrauchtwagenhandel selbstständig. „Ich habe 33 Jahre lang für meinen Ruhestand vorgesorgt. So richtig viel habe ich allerdings nicht zurücklegen können. Wir hatten ja auch drei Kinder zu versorgen und wollten ein Eigenheim haben.“ Seine Frau, 71 Jahre alt und gelernte Friseuse, hat nach der Elternzeit wieder in ihrem Beruf gearbeitet; sie hat 15 Jahre lang in die staatliche Rentenkasse einbezahlt.

„Von dem, was wir beide heute an Rente bekommen – ich 300 Euro, meine Frau 280 Euro – könnten wir nicht leben“, sagt Josef K. ernüchtert. Zehn beziehungsweise zwei Jahre lang hat das Paar Josefs Mutter und Vater gepflegt. „Alle zwei hatten eine niedrige Pflegestufe. Da wurde uns nichts angerechnet.“

Heute ist Josef K. dankbar dafür, dass er selbst keine Miete zahlen muss, sondern im Gegenteil sogar noch ein bisschen Miete einnimmt – 250 Euro im Monat. Dieses Geld sowie Zuwendungen der Kinder erhöhen das Budget des Rentnerpaares. „Nach Abzug fixer Kosten bleiben meiner Frau und mir 400 Euro pro Monat zum Leben.“

Wie weit kommt man mit 400 Euro? „Es geht schon, wir kommen zurecht“, sagt der 73-Jährige. Aber wenn zum Beispiel Heizöl gekauft werden müsse, dann seien triste Monate die Folge. „Eine neue Heizung ohne Öl wäre aber noch viel teurer“, sinniert der Kitzinger.

Ihn schmerzt, dass es von Amts wegen niemanden gebe, der einem helfe – zum Beispiel rechtzeitig berate, wie man seine Rente aufstocken könnte. In dieser Hinsicht ist er desillusioniert: „Die wollen nur jahrzehntelang deine Gewerbesteuer haben, aber danach kümmert sich keiner um einen.“

Wenn Josef K. einen Wunsch frei hätte, dann wäre es dieser: „Alle Politiker, die so ahnungslos über die Grundrente diskutiert haben, müssten mal eine Weile lang von Hartz-IV leben. Dann wüssten sie mal, wie die Realität aussieht.“

Fridays gegen Altersarmut

Die Realität hat viele Gesichter. Und viele schauen verschämt zur Seite. „Ich sehe immer wieder alte Menschen im Müll nach Essbarem wühlen oder Flaschen sammeln, weil ihre Rente nicht reicht“, stellt Karsten Sprenger fest. Der 52-jährige Lokführer gehört zu den Organisatoren einer „Fridays gegen Altersarmut“-Mahnwache, die am 24. Januar vor dem Ochsenfurter Rathaus stattfinden soll. „Friday gegen Altersarmut“ – der Name ist nicht von ungefähr angelehnt an die erfolgreiche „Fridays for Future“-Bewegung – heißt eine Facebook-Gruppe, die im September 2019 gegründet wurde. Seitdem wächst sie stetig, hat inzwischen rund 300.000 Mitglieder. „Ich bin im Dezember 2019 auf die Gruppe aufmerksam geworden und konnte mich mit den Zielen und der Sache direkt identifizieren“, sagt Karsten Sprenger. „Ich wollte an einer Mahnwache teilnehmen, doch leider fand sich in Ochsenfurt und Umgebung nichts dergleichen. Da mir das Thema allerdings sehr, sehr wichtig ist – zumal es jeden von uns irgendwann betreffen wird – habe ich mich kurzerhand entschlossen, selbst eine Mahnwache in Ochsenfurt zu organisieren. Es wird ein stiller Protest ohne Megaphone oder ähnliches technisches Gerät. Nur wir Menschen mit Kerzen und unseren Transparenten.“

„Ohne dumpfe Parolen“

Sprenger sagt: „Wer alt ist, soll nicht automatisch arm sein. Wir wollen so viele Menschen wie möglich für unsere Bewegung gewinnen, um gemeinsam gegen Altersarmut zu kämpfen – ohne dumpfe Parolen, sondern mit Sachargumenten.“ Man sei keine Rentner-Protestbewegung, sondern vereine alle Generationen. „Denn alle verbindet die Angst vor der Altersarmut.“

Die von der Großen Koalition als Erfolg bezeichnete Einigung über die Grundrente sei „reine Augenwischerei“, meint Sprenger. Auf diese Weise sei Altersarmut nicht zu stoppen. Der einzig richtige Weg sei ein „solidarisches Rentensystem, in das ausnahmslos alle einzahlen“ – also nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch Beamte, Politiker, Selbstständige, Angehörige der Freien Berufe sowie Vorstandsmitglieder von Banken und Aktiengesellschaften. „Beamte erhalten eine deutlich höhere Altersvorsorge im Vergleich zu Angestellten. Ist das gerecht?“ Der Ochsenfurter gibt gleich selbst die Antwort: „Nein!“ Er plädiert dafür, dass die gesetzliche Rente zu einer Art Erwerbstätigenversicherung ausgebaut wird, in die auch die Steuer für Aufsichtsratsvergütungen, Nebeneinkünfte von Landtags- und Bundestagsabgeordneten sowie anderer bezahlter Mandate einfließt. „Somit wären alle gleich gesichert und erhielten eine soziale, gerechte Grundsicherung, sprich Rente, die langfristig finanziert werden kann.“ Ausgezahlte Rentenbeiträge sollten steuerbefreit sein.

Sprenger spinnt den Faden weiter: „Wenn alle in die gesetzliche Rente einzahlen, könnte das Renten-Niveau sich erstmals seit langem wieder erhöhen und der Anstieg der Beiträge könnte gebremst werden.“

„Genau das ist dringend nötig“, sagt auch Angela Beuerlein, Mitglied der Gruppe „Fridays gegen Altersarmut“. Sie setzt auf die Macht der Masse, die sich in friedlichen Protesten äußert: „In der DDR hat es auch mal so angefangen. Ohne den Mut der Menschen und ihre Bereitschaft, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, hätten wir vielleicht heute noch keine deutsche Einheit.“

Die 57-jährige Wiesentheiderin arbeitet seit ihrem 17. Lebensjahr und hat stets in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt, nur unterbrochen von der Elternzeit, während ihre Kinder klein waren. „Aber jedes Mal, wenn ein neuer Rentenbescheid kommt, könnte ich trübsinnig werden.“

Angela Beuerlein ist es, ebenso wie Karsten Sprenger, wichtig zu betonten: „Wir sind weder rechts noch links. Wir sind in keine Richtung politisch und lassen uns auch nicht politisch instrumentalisieren! Uns geht es nur um die Sache, sprich: um ein einheitliches, solidarisches und gerechtes Rentensystem.“

Beide verbitten sich ausdrücklich, dass ihre Mahnwache von Parteien, Gruppierungen oder Aktivisten in irgendeiner Art benutzt wird. Es sei schon versucht worden, die „Fridays gegen Altersarmut“-Bewegung in die rechte Ecke zu drängen. „Das ist widerwärtig“, sagt Karsten Sprenger, „und schadet in erster Linie den Menschen, um die es uns geht und für die wir eintreten, nämlich für jeden Bürger dieses Landes, der entweder schon von Altersarmut betroffen ist oder dies künftig sein wird – wenn wir nichts dagegen unternehmen.“

Der Kitzinger Rentner Josef K. kann die Initiative für ein gerechtes Rentensystem nur begrüßen und hoffen, dass sie rechtzeitig Früchte trägt.

Mahnwache

Ochsenfurter Mahnwache: Das offene Bündnis „Fridays gegen Altersarmut“ lädt am Freitag, 24. Januar, von 16 bis 19 Uhr zu einer friedlichen Mahnwache vor dem Alten Rathaus am Ochsenfurter Marktplatz ein. Wer möchte, kann eine Kerze oder auch Plakate mitbringen. „Es soll ein stiller Protest sein, ohne Megaphone und dumpfe Parolen“, sagt Organisator Karsten Sprenger. Bundesweite Bewegung: Insgesamt sollen am 24. Januar bundesweit über 200 Mahnwachen stattfinden. In Franken treffen sich die Menschen nicht nur in Ochsenfurt, sondern auch in Ansbach, Aschaffenburg, Bamberg, Burgkunstadt, Forchheim, Roth, Schweinfurt (16-18 Uhr Marktplatz), Trennfurt, Würzburg (14-18 Uhr Eichhornstraße) und Zirndorf.

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