Laden...
KREIS KT

Ist der Wald zu retten?

Auf den sandigen Böden im Maintal werden Nadelhölzer kaum überleben. Was geschieht mit unseren Wäldern?
Artikel drucken Artikel einbetten
Was vom Wald übrig ist: Klaus Schömig von der Waldkörperschaft Gerlachshausen hat keinen leichten Job. Er muss den 28 Miteigentümern klar machen, dass man nicht einfach weitermachen kann wie bisher. Fotos: DIANA FUCHS Foto: Diana Fuchs
+1 Bild

Klaus Schömig steht im Wald. Beziehungsweise in dem, was von ihm übrig ist. Richtig zerfressen ist das Areal der Waldkörperschaft Gerlachshausen an vielen Stellen, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Nach drei trockenen Hitzesommern hatte sich der Kiefernprachtkäfer rasant vermehrt und den Kiefern den Garaus gemacht. Und da die Nadelbaumart ein Viertel des gesamten Bestandes umfasste, sind die Lücken nun groß. Im Raum steht die Frage: „Schaffen wir es, wieder aufzuforsten?“

Wer offenen Auges durch die Gegend geht oder fährt, sieht fast überall riesige Berge voller Nadelholz liegen – es ist Schadholz, „Käferholz“. Der Laie mag denken: Okay, Pech gehabt, muss halt wieder aufgeforstet werden. Doch so einfach ist das nicht mehr. Die ohnehin eher trockenen, oft sandigen Böden im warmen Maintal trocknen weiter aus und der Hunger des Rehwildes gefährdet das Aufwachsen der Aufforstungsflächen. Diese Entwicklung stellt nicht nur die Gerlachshäuser Waldkörperschaft vor große Probleme.

Andreas Hiller, Revierleiter und Förster am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und hoheitlich zuständig für die Region Volkach, sagt: „Es geht an manchen Stellen mittlerweile ums Ganze: Darum, ob man es überhaupt schafft, den Wald dauerhaft zu erhalten.“

Klar ist: Die Baumart Kiefer wird aller Voraussicht nach in Folge des Klimawandels fast vollständig aus den Wäldern im Maintal verschwinden. Ihre Bestände müssen daher zeitnah in trockenheitsliebende, klimastabile Mischwälder umgebaut werden. Leonhard Bühl, Forstlicher Sachverständiger, hat für die Gerlachshäuser Waldkörperschaft einen detaillierten Forstwirtschaftsplan für die kommenden zwei Jahrzehnte angefertigt. Er hat die 63 Hektar Wald – laut Forstamtsleiter Klaus Behr ein wertvoller Lebens- und Erholungsraum – genau unter die Lupe genommen. Fazit: Die jährliche zu erntende Holzmenge aus den mittelalten und älteren Beständen soll mit nur 250 Festmetern bewusst gering gehalten werden – wegen des Klimawandels und des deshalb zu erwartenden weiteren Baumsterbens. Die Wiederaufforstung, so Bühl, sei wegen der Sandböden nicht so einfach: Die Auswahl an möglichen Baumarten sei deutlich eingeschränkt.

Klaus Behr wird konkret: „Für den Waldumbau kommen fast ausschließlich Laubhölzer in Betracht. Der Schwerpunkt wird auf den einheimischen Eichenarten, Stiel- und Traubeneiche, sowie auf der Hainbuche liegen müssen.“ Die Altbestände sollen auf natürliche Art verjüngt werden, also durch Aussamung der Altbäume nachwachsen. Je nach Standort könnten zudem Feldahorne, Elsbeeren, Roteichen, Esskastanien, Linden oder einzelne Douglasien beigemischt werden. Diese bisher nicht vorhandenen Bäume müssten gepflanzt und danach geschützt werden, wenn sie eine Chance haben wollen, dem hungrigen Äser der Rehe zu entwachsen, sagt Behr.

Mindestens zehn Jahre dauere es, so Behr, bis die Gefahr gebannt ist, dass der Leittrieb junger Bäume abgefressen wird – egal, ob der Baum von Hand gepflanzt wurde oder aus natürlicher Bestandsverjüngung stammt. So lange kann man Zäune um Aufforstungsflächen ziehen – was sehr teuer und trotzdem nicht hundertprozentig sicher ist. Denn nicht selten durchbrechen Wildschweine die Umzäunung, es fallen Äste darüber oder Pilzsammler lassen die Tore offen stehen und das Rehwild nutzt die Löcher. Deshalb fordert Klaus Schömig einen „radikalen Einschnitt beim Rehwild“.

Der 52-Jährige hat schon als Kind seinem Vater und seinem Großvater bei Waldarbeiten geholfen. Später hat er selbst als Forstwirt gearbeitet. Als Vorstand der Waldkörperschaft Gerlachshausen muss er, wie er sagt, den „Tatsachen ins Auge sehen“. In den vergangenen Jahrzehnten habe es so gut wie keine Naturverjüngung gegeben – „alles wurde abgefressen“. Deshalb appelliert er sowohl an Jäger als auch an Waldbesitzer und Erholungssuchende zugleich: „Wir müssen uns umstellen! Ich weiß, dass viele Leute sich freuen, wenn sie beim Spazierengehen Rehe sehen, aber zu viele von ihnen sind fatal für unsere Aufforstungsflächen.“ Schömig fordert: „Erst müssen wir die Lebensgrundlage schaffen, sprich den Wald hochbringen. Solange brauchen wir niedrige Wildbestände.“

Der zuständige Förster Dieter Rammensee von der Forstbetriebsgemeinschaft Kitzingen sieht das ähnlich: „Der Verbiss ist vielerorts einfach zu hoch.“ Und auch Klaus Behr, Leiter des Bereichs Forsten im AELF, pflichtet Schömig bei. „Gerade die klimatoleranten Baumarten schmecken dem Rehwild besonders gut. Der dringend notwendige Waldumbau wird deshalb nur bei reduzierten Wildbeständen gelingen.“

Diese Forderung relativieren die Jäger der Kreisgruppe Kitzingen im Bayerischen Jagdverband. „Alle müssen sich bewegen, nicht nur die Jäger. Allein über den Rehwildabschuss ist das Problem nicht zu lösen“, sagt Dr. Klaus Damme, Vorsitzender der BJV-Kreisgruppe. Er plädiert für einen „Paradigmenwechsel“ im Waldumbau in vom Klimawandel extrem betroffenen Gebieten. Hier greife das Credo „Wald vor Wild“ einfach zu kurz. Auch die Waldpflege müsse sich ändern, es brauche „Trittsteine“ und „Waldinseln“, wo das Wild Äsung und Deckung finde. „Und dort muss man dann auch zäunen, denn selbst ein geringer Rehwildbestand würde junge Bäume sonst gefährden.“

„Müssen jetzt umdenken“

„In der Waldkörperschaft Gerlachshausen wird das Thema kontrovers diskutiert“, sagt Klaus Schömig. Er verweist auf die Fakten: Nach der Eiche war die Kiefer bislang die zweitstärkste Baumart der Waldkörperschaft. „Sie wird bald verschwinden. Und wir sind durch die sandigen Böden bei der Baumartenwahl eingeschränkt. Wir müssen jetzt umdenken und Verantwortung für die Zukunft des Waldes übernehmen; alle Waldbesitzer und auch alle Jäger.“

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren