KITZINGEN

Im Kitzinger "Ghetto" ist noch viel zu tun

Wegweiser-Team und Sozialpädagoginnen sind sich einig: Vertrauenspersonen für Notwohner könnten einiges zum Guten wenden
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Nicole Girreser und Manuela Link haben im „Wegweiser“ ein leckeres Mittwochs-Buffet aufgebaut. Dutzende Notwohner freuen sich über die Hilfe und den Einsatz der Ehrenamtlichen. DIANA FUCHS Foto: Foto:
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Manuela Link ist zuverlässig. Immer wieder kommt sie ins Kitzinger Notwohngebiet. Im Wechsel mit ihren neun ebenso zuverlässigen Ehrenamts-Kollegen schließt sie mittwochs die Begegnungsstätte „Wegweiser“ auf, kocht für die Bewohner Tee und Kaffee, schmiert Brote, hilft bei kleinen alltäglichen Problemen und hört sich die großen Sorgen der Menschen an. Sie ist ein freundlicher, geduldiger, ruhiger Mensch. Doch sie und das ganze Wegweiser-Team fragen sich: Wann beginnt im „Ghetto“, in dem derzeit 105 Menschen (darunter neun Kinder) leben, endlich wirklich ein Umbruch?

Schimmel, keine Duschen, kein Warmwasser – die desolaten Zustände in den Notwohnblocks der Egerländer Straße 22, 24 und 26 sowie nebenan in der Tannenbergstraße 37 waren nicht nur in Kitzingen viele Jahre lang ein Streitthema, sondern sorgten 2018 auch in der überregionalen Presse für Negativschlagzeilen. Die „Schlichtwohnungen“ stammen aus den 60er Jahren und haben teilweise bis heute keine Bäder.

Biebl: „Herkulesaufgabe“

Die Stadt reagierte mit „Sofortmaßnahmen“. Unter anderem leitete sie ein auf zwei Jahre angesetztes ökumenisches Projekt in die Wege: Die „soziale Beratung Notwohngebiet Kitzingen“ finanzieren Stadt und Landkreis gemeinsam unter Trägerschaft von Diakonie und Caritas; dadurch konnten ein hauptberuflicher Hausmeister und zwei Sozialarbeiterinnen eingestellt werden.

Hausmeister Gunther Dürner sorgt nun seit August 2018 für Ordnung in Haus und Hof. Im Herbst startete zudem Sozialpädagogin Christina Flurschütz mit einer Kollegin die „Sozialberatung“ in der Egerländer Straße (-> Interview „Mittendrin“-Seite) . Doch die hygienischen Verhältnisse sind nach wie vor prekär. Alle alten Wohnungen mit einer Dusche auszurüsten – oder zumindest eine frei stehende Wohnung pro Block in eine Gemeinschaftsdusche umzubauen – ist wegen der baulichen Mängel nicht möglich. Kleine Boiler sollen nun die größte Not lindern; bis zum nächsten Winter soll es laut Stadtverwaltung in jeder Wohnung zumindest ein bisschen Warmwasser geben.

„Ich möchte nicht jammern und meckern“, sagt Manuela Link. „Aber wir betreiben jetzt schon drei Jahre lang ehrenamtlich die Begegnungsstätte Wegweiser und noch immer können die Bewohner nirgends duschen außer in unserer Nasszelle hier im Wegweiser.“ Das sei sehr frustrierend. „Wer geht schon gern ungewaschen irgendwo hin? Selbst aufs Amt möchte man doch nicht stinkend gehen.“ Und auch, wenn jemand schon einen Boiler besitze, könne er sich in den kleinen Waschbecken nicht richtig säubern. „Zum Haare waschen kriegt man den Kopf in den Mini-Becken schon gleich gar nicht unter den Hahn.“

Während der Öffnungszeiten des Wegweisers sei die Dusche quasi dauerbesetzt. Eine Nasszelle reiche einfach nicht für die vielen Menschen.

„Wir können sehr gut nachvollziehen, dass es den eifrigen und fleißigen Helfern im Wegweiser zu langsam geht“, sagt Claudia Biebl, die Pressesprecherin der Stadt Kitzingen. Die „Herkulesaufgabe“, einen sozialen Brennpunkt zu befrieden, brauche jedoch Zeit. Das Büro, das mit der Neukonzeption für das Notwohngebiet beauftragt ist, soll sein Konzept „im Sommer“ präsentieren.

„Die Boiler, die als Baustein der Sofortmaßnahmen Stück für Stück installiert werden, sind nur eine Übergangslösung“, betont Biebl. Wie es weiter gehen wird, soll das in Arbeit befindliche Konzept zeigen. Über das „ökumenische Projekt 'Soziale Beratung Notwohngebiet Kitzingen'“ äußert sich Biebl im Namen der Stadtverwaltung positiv: „Wir sind sehr zufrieden mit der Arbeit der Sozialberaterinnen und dem Projekt insgesamt und freuen uns über die gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten.“

Der ehrenamtlichen Helferin Manuela Link geht das jedoch nicht weit genug: „Das zweite Riesenpro-blem ist, dass es in Kitzingen keine Wohnungen für Geringverdiener gibt.“ Zahlreiche Notwohner, die einer geregelten Arbeit nachgehen, könnten sich mit ihrem kleinen Verdienst schlichtweg keine andere Wohnung leisten, „also arrangieren sie sich irgendwie hier unten“.

Kleine Gemeinschaft entstanden

Was das für Leute sind? Manuela Link kennt sie gut. Da ist die Frau Anfang 50, die täglich putzen geht, alte Schulden ihres gestorbenen Ex-Mannes abzuzahlen hat und manchmal versucht, ihre Sorgen in billigem Alkohol zu ertränken. Da ist die rumänische Familie, die mit fünf Leuten auf 50 Quadratmetern lebt, ohne Dusche, „aber total fleißig und sauber ist“. Da ist die Frau mittleren Alters, die kein Selbstbewusstsein hat und mit Sicherheit keine Wohnungsverhandlung führen könnte. Da sind aber ab und zu auch Mut machende Beispiele: „Ein junges Paar war einige Monate hier und hat es jetzt geschafft rauszukommen. Auch ein Mann mit einer kleinen Rente konnte nach mehreren Jahren sein Zimmer ohne Dusche gegen eine gemütliche Ein-Zimmer-Wohnung mit Bad eintauschen.“ Durch die Begegnungsstätte „Wegweiser“ sei es gelungen, dass die Bewohner untereinander in Kontakt gekommen und eine kleine Gemeinschaft geworden sind. „Sie passen aufeinander auf und erledigen auch mal einen Einkauf für andere.“

Manuela Link weiß: Dass das Notwohngebiet ein sozialer Brennpunkt ist, liegt vor allem daran, dass hier Langzeitmieter, die nicht viel Geld fürs Wohnen ausgeben können, auf sozial Gestrandete und psychisch Belastete, Alkoholkranke, Drogenabhängige und Dealer treffen. „Diese Mischung ist ein Problem.“Laut Andrea Schmidt, parteilose Stadträtin, könnten sich 50 bis 60 Prozent der Notwohner problemlos in „normalen“ Wohnsiedlungen integrieren – wenn sie genug Startgeld hätten. Schmidt und Link wünschen sich deshalb, dass Menschen, die sich nach Kräften bemühen, eine eigene Existenz außerhalb des Notwohngebietes aufzubauen, bei der Vergabe städtischer Wohnungen bevorzugt behandelt werden. Manuela Link hat noch etwas auf dem Herzen: „Dass noch mehr Kitzinger Bürger einfach mal so im 'Wegweiser' vorbeikommen, sich für ihre Mitmenschen interessieren und vielleicht zu Vertrauenspersonen für sie werden – das ist mein allergrößter Wunsch.“ Es sei wie in der Flüchtlingsarbeit: Jeder, der ein gewisses Maß an Verständnis aufbringt, könne den Menschen helfen. „Wenn jeder unserer Bewohner eine Vertrauensperson, also eine Art Sozialpaten, hätte, würden die meisten ihr Leben geregelt bekommen. Viele schaffen es einfach nicht allein, ihnen fehlen Kraft und Selbstbewusstsein.“

Inwieweit die beiden Sozialpädagoginnen in dieser Hinsicht positiven Einfluss nehmen können, erklären sie im Interview.

-> Lokales Seite Mittendrin

Wegweiser: Neben einer Dusche gibt es im „Wegweiser“ direkt zwischen den vier Notwohn-Blocks jeden Montag von 17 bis 18.30 Uhr und jeden Mittwoch von 14 bis zirka 17 Uhr auch Kaffee, Brötchen, Kuchen und die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Hilfe: Während die beiden Sozialarbeiterinnen von der Kommune angestellt sind, betreibt ein Team von Ehrenamtlichen den Treffpunkt „Wegweiser“ unentgeltlich. „Ohne Spenden könnten wir die Begegnungsstätte nicht betreiben“, stellt Manuela Link fest.

Info: Nähere Informationen über den Wegweiser und Möglichkeiten, sich dort einzubringen, gibt es über die Facebook-Seite „Wegweiser“ oder per Tel.: 0176/ 65 489 089.

Info

Für die 2018 vom Stadtrat beschlossene „Soforthilfe“ – befristet auf zunächst zwei Jahre – sind 207.000 Euro veranschlagt. Die Stadt Kitzingen trägt davon 120.000 Euro, der Landkreis 60.000 Euro. Den Rest teilen sich Caritas und Diakonie.
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