KALTENSONDHEIM/ABTSWIND

Hinter Gittern

Ein 61-Jähriger wird bei der illegalen Einfuhr von zehn Vögeln erwischt. Muss er bald selbst ins Gefängnis?
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Polizeihauptkommissar Helmut Pfaff hat schon manche Vögel hinter Gitter gebracht, Stieglitze allerdings nicht. Die zehn kleinen Distelfinken wurden bei einer Routinekontrolle bei Abtswind auf dem Rücksitz eines Autos gefunden. Foto: Ralf Dieter
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Robert Endres freut sich. „Die sind alle gesund“, sagt er und schaut in die geräumige Box. Ursprünglich diente die Box einmal dazu, Hunde zu transportieren. Der Kaltensondheimer hat sie umfunktioniert. Für Notfälle. So wie diesen.

In der Nacht auf Montag kontrollierte eine Streifenbesatzung der Polizeiinspektion Kitzingen auf der A 3 bei Abtswind einen Autofahrer. Dabei bemerkten die Beamten auf dem Rücksitz einen Käfig mit zehn Stieglitzen. Auf Nachfrage gab der Mann an, diese Vögel in Italien von einem Händler erworben zu haben. Da jedoch nur einige der Stieglitze beringt waren beziehungsweise eine unvollständige Verkaufserklärung vorlag, gingen die Beamten davon aus, dass es sich bei den Vögeln um Wildfang handelte.

90 Euro pro Exemplar

Keine Seltenheit, wie Robert Endres versichert. Auf so genannten Leimruten werden die Vögel gerade in südlichen Ländern gefangen. „Sie werden mit Futter angelockt, lassen sich auf der klebrigen Masse nieder und sind gefangen“, erklärt der langjährige Vorsitzende des Landesbundes für Vogelschutz in Kitzingen. Tatsächlich gibt es einen Markt für die hübschen, kleinen Vögel mit ihrem auffälligen Gesang. Etwa 90 Euro kostet ein Exemplar auf dem Schwarzmarkt. Der Inhalt des Käfigs hätte dem 61-Jährigen fast 1000 Euro gebracht. Jetzt pfeifen die Stieglitze putzmunter in Kaltensondheim vor sich hin.

„Wir haben die Tiere sichergestellt und erst mal aufs Revier gebracht“, erzählt Polizeihauptkommissar Helmut Pfaff. Die Nacht in Polizeigewahrsam überlebten die Stieglitze problemlos. „Es war ja genug Futter und auch Wasser da“, erzählt der Beamte, der sich am nächsten Tag mit dem Vogelexperten aus Kaltensondheim in Verbindung setzte. Der nahm die zehn bunt gefiederten Finken unter seine Fittiche. „Das ist aber nur eine Übergangslösung“, sagt er und hebt seinen Zeigefinger eindringlich. Eigentlich wollte er sich längst zurückziehen und kürzer treten, nicht immer verletzte Vögel aufpäppeln. „Aber wenn die Polizei fragt, kann ich ja schlecht nein sagen“, meint er und schmunzelt.

Ein bis zwei Wochen wird Endres die Stieglitze in seinem Garten aufpäppeln. Die große Box hat er extra unter einen Baum ins Freie gestellt. Hier können sich die kleinen Finken an die Natur gewöhnen, hören morgens den Gesang anderer Vögel, sehen Bäume und Hecken. Wenn die Zeit gekommen ist, wird Robert Endres die Box mit auf seine Streuobstwiese nehmen und den Behälter öffnen. „Und dann lasse ich ihnen alle Zeit der Welt, um wegzufliegen und sich eine neue Heimat zu suchen.“

Ermittlungsverfahren eingeleitet

Stieglitze sind so genannte Teilzieher. Je nach Witterung ziehen sie im Herbst und Winter meist entlang der wärmeren Flüsse in Richtung Süden. Im Frühjahr kehren sie zurück, um ihre Nester zu bauen. Fünf bis sieben Junge zieht eine Stieglitz-Mama groß, in der Regel überleben zwei bis drei. Natürliche Feinde gibt es auch hierzulande. Und die Futtersuche ist in einer zersiedelten Landschaft mit extensiver Landwirtschaft auch nicht einfacher geworden. Dennoch ist Robert Endres guter Dinge, dass seine zehn kleinen Schützlinge die baldige Freiheit genießen werden.

Dem 61-jährigen mutmaßlichen Händler dürfte es da ein wenig anders gehen. Gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Verstößen gegen das Tierschutz- beziehungsweise das Bundesnaturschutzgesetz eingeleitet. Und das kann ihm laut Naturschutzbund (NABU) die Freiheit zumindest zeitweise kosten. Wer wild gefangene Vögel oder Vögel ohne entsprechende Zuchtringe verkauft, muss mit einem Strafverfahren und einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren rechnen.

Stieglitze

Schutz: Stieglitze oder Distelfinken sind laut Naturschutzbund (NABU) besonders geschützt. Sie dürfen weder gefangen noch als Wildvögel verkauft werden. Nur in Gefangenschaft geschlüpfte Tiere dürfen von Züchtern verkauft werden.

Verkauf: Legal zum Kauf angebotene Stieglitze erkennt man an Zuchtringen, die verpflichtend nach dem Schlupf angelegt werden müssen.

Verstöße: Immer wieder kommt es allerdings zu Verstößen. In Griechenland etwa werden nach Untersuchungen von BirdLife International die Vögel trotz EU-Verbots weiterhin in großer Zahl für die Käfighaltung gefangen. Auf Malta gibt es hierfür sogar eine offizielle Ausnahmegenehmigung.

Vogelhändler: Selbst in Deutschland werden Vogelschützer immer noch fündig. Das Komitee gegen den Vogelmord hat vor etwa zwei Jahren umfangreiches Beweismaterial gegen eine Gruppe von Vogelhändlern aus dem Ruhrgebiet zusammenzutragen, die sich auf Fang und Verkauf wilder Stieglitze spezialisiert hat. In einem Fall erging eine einjährige Gefängnisstrafe auf Bewährung.

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