KITZINGEN

Berührungen, Abschied und Trauer: Wie kann man Sterbenden helfen? "Letzte Hilfe Kurse" in Franken

Wie können wir Sterbenden beistehen? Antworten gibt es im "Letzte Hilfe Kurs" der Malteser. Es geht um Berührungen, Abschied und Trauer, aber auch um rechtliche Fragen.
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Kitzingen/Ochsenfurt Einen Angehörigen, einen Freund sterben zu sehen, macht uns hilflos. Was können wir noch für ihn tun? Wie können wir uns verabschieden? In „Letzte Hilfe Kursen“ ermutigen die Malteser Würzburg dazu, sich Sterbenden zuzuwenden und erklären, wie man Nahestehenden am Ende des Lebens beistehen kann. Heike Heller hat kürzlich einen solchen Kurs bei der Vhs Ochsenfurt abgehalten. Ein weiterer für nächstes Jahr ist in Planung. Auch in anderen fränkischen Orte werden solche Kurse angeboten - so in Lichtenfels, Nürnberg, Naila oder Selb.

Frage: Einen Erste Hilfe Kurs hat fast jeder schon absolviert. Die Malteser dagegen bieten „Letzte Hilfe Kurse“ an. Warum?

Heike Heller: Das Thema Sterben ist uns mit der Zeit abhanden gekommen. Es geht in unserer Gesellschaft nur noch um Schönes und Gutes, um Freizeitbeschäftigungen und den beruflichen Werdegang. Der Tod wird in Krankenhäuser und Pflegeheime abgeschoben. Die Menschen haben keinen Kontakt mehr damit und können nicht mehr damit umgehen.

War das früher anders?

Heike Heller: Früher sind viele Menschen daheim gestorben. Die Familie ist am Sterbebett zusammengekommen, man hat miteinander gesprochen, gemeinsam gebetet. Doch das gibt es heute nur noch selten. Das liegt vor allem daran, dass die Gesellschaft sich verändert hat. Die Großfamilie von früher gibt es nicht mehr, viele Frauen gehen zur Arbeit.

 

 

Und nicht jeder kann kranke und alte Familienmitglieder zuhause pflegen.

Heike Heller: Manchmal geht das nicht und da muss auch niemand ein schlechtes Gewissen haben. Es gibt gute Einrichtungen, Pflegeheime, Hospize. Der Wunsch, zuhause zu sterben, ist groß. Aber tatsächlich sterben weniger als 25 Prozent derjenigen, die sich das wünschen, wirklich zuhause. Der Sterbende kann trotzdem begleitet werden.

Wie das geht, lernt man in Ihren Kursen?

Heike Heller: Da geht es zunächst mal darum, sich mit dem Thema Sterben zu befassen. Doch wo fängt das Sterben überhaupt an? Schon da gehen die Meinungen auseinander: Für den einen schon bei der Geburt, für den nächsten, wenn jemand sterbenskrank ist, für den Dritten, wenn er schlecht Luft bekommt. Das ist individuell verschieden, und dazu kommt noch der religiöse, spirituelle Hintergrund. Mit all dem befassen wir uns im ersten Teil des Kurses.

Geht es auch um rechtliche Aspekte?

Heike Heller: Der zweite Themenblock betrifft das Entscheiden und Vorsorgen – in diesen Bereich fallen die Vorsorgevollmacht und die Patientenverfügung.

Warum sind diese Dinge wichtig?

Heike Heller: Damit man – soweit es beeinflussbar ist – so sterben kann, wie man möchte. Ganz wichtig ist es dabei, auch aufzuschreiben, was man nicht möchte. Das kann sich mit der Zeit ändern, weshalb die Patientenverfügung regelmäßig überprüft werden sollte. Nehmen wir als Beispiel die Ernährungssonde: Die lehnt man vielleicht ab, solange man noch gesund ist. Wer einen Schlaganfall erlitten hat, sieht das möglicherweise anders: Sie kann einem durch die erste schwere Zeit helfen, bis man wieder ein relativ normales Leben führen kann.

Bei „Letzte Hilfe“ denkt man vor allem daran, was zu tun ist, um dem Sterbenden zu helfen. Geht das überhaupt? Die Situation ist doch eigentlich ausweglos.

Heike Heller: Es gibt vieles, was Angehörige oder Freunde tun können. Da ist beispielsweise die Lagerung oder die Mundpflege. Kann der Mensch nicht mehr trinken, hilft eine Art Lolli gegen den Durst. Wir bringen diese Hilfsmittel im Kurs mit, zeigen sie und stellen sie vor.

Ist es wichtig, den Sterbenden anzufassen?

Heike Heller: Meist beruhigt es, seine Hand zu halten – aber das ist verschieden. Wichtig ist, das zu tun, was dem Sterbenden gut tut. Man merkt, wenn er nicht angefasst werden will. Und bitte auf keinen Fall in Aktionismus verfallen, weil man das Gefühl hat: „Ich muss doch was tun.“ Ruhig zu bleiben, auch mal still dazusitzen, ist von großer Bedeutung. Vor allem, wenn der Sterbende sehr unruhig ist.

Helfen da auch Medikamente?

Heike Heller: Sie helfen gegen die Schmerzen, lindern auch weitere Symptome wie zum Beispiel Unruhe, Angst oder Erbrechen, oder auch Verwirrtheit, die spielt ja heute eine immer größere Rolle.

Abgesehen von Medikamenten: Was wirkt außerdem beruhigend?

Heike Heller: Musik oder Düfte, die der Sterbende mag. Auch Einreibungen, eine Handmassage oder die Füße anzufassen, damit der Mensch Druck an den Füßen verspürt. Das vermittelt das Gefühl, mit den Beinen auf dem Boden zu stehen. Aber wie schon gesagt: Beobachten Sie, ob der Sterbende das mag. Das ist an der Mimik und den Reaktionen in der Regel klar zu erkennen. Was nicht gefällt, sollte auch nicht gemacht werden.

Sprechen Sie auch den biologischen Aspekt an – was passiert, wenn ein Mensch stirbt?

Heike Heller: Wir gehen vor allem auf das Gehör ein: Das stirbt zuletzt. Deshalb ist es wichtig zu wissen, dass man mit den Menschen noch reden kann. Sie können hören, was man sagt. Viele Angehörige erschrecken auch wegen der Geräusche, die in Lunge und Speiseröhre entstehen – wie wenn jemand erstickt. Das ist normal und der Sterbende nimmt das nicht als schlimm wahr – nur derjenige, der neben ihm sitzt.

Der muss Abschied nehmen und seine Trauer bewältigen.

Heike Heller: Auch darüber sprechen wir: Was kann helfen, Abschied zu nehmen? Ist es mir wichtig, den Verstorbenen noch einmal zu berühren? Da taucht in den Kursen immer wieder die Frage auf: Ist der Verstorbene giftig? Nein, das ist er nicht. Man darf ihn berühren, auch küssen, wenn man möchte.

Manchem ist schon das Ansehen zu viel.

Heike Heller: Jeder muss selbst entscheiden, ob er einen Toten nochmal sehen möchte. Mir persönlich ist das wichtig, um Abschied zu nehmen. Aber es gibt Menschen, die den Verstorbenen lieber wie im Leben in Erinnerung behalten wollen. Das ist ganz unterschiedlich, deshalb sollte man im Vorfeld darüber nachdenken. Auf keinen Fall darf jemand zu einem Verstorbenen einfach hingeschoben werden, auch Kinder und Jugendliche müssen selbst entscheiden dürfen.

Nach dem Abschied folgt die Zeit der Trauer.

Heike Heller: Direkt nach dem Tod ist viel zu tun, da merkt man das oft gar nicht so. Die Beerdigung ist zu organisieren, Verträge und Versicherungen müssen gekündigt, Bankgeschäfte erledigt werden. Aber danach sollte man zur Ruhe kommen und nicht weiter in Aktionismus verfallen. Man darf und muss traurig sein, das ist normal und das ist wichtig für die Trauerverarbeitung.

„Letzte Hilfe Kurs“ der Malteser

Die Entstehung: Die Idee der „Letzte Hilfe Kurse“ geht auf den Palliativarzt Georg Bollig zurück. Er bezieht sich dabei auf Henry Dunant, den Begründer der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung, der Sterbenden auf dem Schlachtfeld von Solferino beigestanden hat. Bollig hat das Projekt „Letzte Hilfe“ 2008 beschrieben, 2014 gab es die ersten Kurse in Norwegen. Seit 2015 werden auch in Deutschland „Letzte Hilfe Kurse“ angeboten.

Die Kurse: Im Raum Würzburg bieten die Malteser „Letzte Hilfe Kurse“ an. Heike Heller hat gemeinsam mit der ehrenamtlichen Hospizhelferin Andrea Schumann kürzlich in Ochsenfurt einen Kurs geleitet. Für das kommende Jahr sind Kurse in Ochsenfurt und Würzburg geplant. Es handelt sich jeweils um Ein-Tages-Seminare.

Zur Person: Heike Heller ist gelernte Krankenschwester und war Stationsleiterin in der Chirurgie. Sie hat eine Palliativ-Care-Weiterbildung absolviert und ist später in den Malteser Hospizdienst als Koordinatorin für die ehrenamtlichen Hospizhelferinnen und -helfer gewechselt.

Hospizdienst: Bei den Maltesern Würzburg gibt es derzeit 118 Hospizbegleiterinnen und-begleiter, die im Stadt- und Landkreis Würzburg, in Kitzingen, Ochsenfurt und Aub/Röttingen Sterbenden und Trauernden beistehen. Jedes Jahr werden etwa zwölf weitere Ehrenamtliche in Kursen ausgebildet. Der nächste Vorbereitungskurs für Malteser Hospizhelfer startet am 21. Januar 2020 in Würzburg. Nähere Info: Malteser Hospizdienst Würzburg, Tel. 0931/4505-227,

hospiz-wue@malteser.org

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