KITZINGEN

Hanf-Dampf in allen Gassen?

Der Organisator des ersten "Global Marijuana March" in Kitzingen kämpft für eine Legalisierung von Cannabis und ruft zum Protestmarsch am 4. Mai auf.
Artikel drucken Artikel einbetten
Vor vier Jahren gingen rund 250 Menschen in Würzburg auf die Straße, um für eine Legalisierung von Cannabis zu demonstrieren. An diesem Samstag findet der erste „Global Marijuana March“ in Kitzingen statt. Organisator Christian Müller hofft auf 50 bis 100 Teilnehmer.. Foto: ArchivFoto: Patty Varasano
+1 Bild

Christian Müller ist überzeugt: Die Legalisierung von Cannabis wird kommen. Früher oder später. Mit einem Protestmarsch will er auf die Thematik hinweisen. Am Samstag, 4. Mai, findet der erste „Marijuana March“ in Kitzingen statt. Motto: „Keine Pflanze ist illegal“.

Andere Länder habe es vorgemacht: Uruguay hat im Dezember 2013 als erste Nation den Anbau von Cannabis legalisiert. Im letzten Jahr zog Kanada nach, in einigen Bundesstaaten der USA ist der Besitz von Marihuana ebenfalls straffrei. Jetzt denkt sogar Luxemburg an eine Legalisierung. „Deutschland ist diesbezüglich ein Entwicklungsland“, bedauert Christian Müller, der zwischen 1998 und 2003 selbst Cannabis eingenommen hat und von einer „stark therapierenden Wirkung“ spricht. Ein leichtes Asperger-Syndrom sei bei ihm diagnostiziert worden. Durch den Cannabis-Konsum habe er das erste Mal einen Zugang zur Realität gefunden.

Gegner einer Legalisierung dürfte das wundern. Sie stören sich gerade an der rauschhaften Wirkung von Cannabis, an dessen Suchtpotenzial. Vor allem junge Menschen sind gefährdet. Und die greifen immer häufiger zu Drogen, wie der Pressesprecher der Polizei in Unterfranken, Michael Zimmer, berichtet. „Wir beobachten die Entwicklung der Rauschgiftkriminalität mit kritischem Blick“, sagt er. „Insbesondere bereitet uns die Steigerung bei den jugendlichen Tatverdächtigen im Alter von 14 bis 18 Jahren Sorge.“ Mit einem Wert von 14,7 Prozent habe sich deren Anteil an den Delinquenten in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Die Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz mit Cannabis haben sich unterfrankenweit in den letzten fünf Jahren beinahe verdoppelt. 2013 waren es 1.788 Fälle, im vergangenen Jahr 3.093. „Rauschgiftkriminalität ist ein Kontrolldelikt“, erklärt Zimmer. Und die Kontrollen haben in den letzten Jahren zugenommen. Zurecht, wie Zimmer findet. Zwei Tote hat es 2017 bei Unfällen gegeben, bei denen Drogen im Spiel waren. Im letzten Jahr zählte die Polizei 61 Verletzte bei Fahrten unter Drogeneinfluss.

Ob diese Zahlen bei einer Legalisierung weiter steigen oder vielleicht sogar sinken, weil der Reiz des Unerlaubten wegfällt? „Wir sind die Exekutive“, erinnert Michael Zimmer. Die Gesetze machen andere.

Kerstin Celina ist Landtagsabgeordnete der Grünen und wird am Samstag in Kitzingen sprechen. Sie war früher gegen die Legalisierung von Cannabis. „Das hat sich aber geändert, nachdem ich mich intensiv mit dem Thema beschäftigt habe“, sagt sie. Jetzt ist sie überzeugt davon, dass eine gute Drogenpolitik anders aussehen muss, als die aktuelle Drogenpolitik in Bayern.

Ausschlaggebend für die Abgeordnete war die Lektüre des Buches von Jugendrichter Andreas Müller und Interviews mit ihm. Müllers These: Auch heute kifft schon jeder, der kiffen will. Und legalisieren heißt nicht verharmlosen. „Das sehe ich genau so“, meint Celina, die eine Zeit lang als Schöffin am Amtsgericht gearbeitet hat. Ihre Erfahrung: zwei Drittel der Fälle dort hatten mit Drogen zu tun. „Das ist eindeutig zu viel“, meint sie. Viele, die dort vor Gericht standen, seien weder Straftäter noch verantwortungslose Menschen gewesen. „Es blockiert unser Justizsystem und bringt nichts.“

Dr. Patricia Finkenberger sieht das anders. Sie ist Richterin und Pressesprecherin am Amtsgericht Kitzingen und hat immer wieder mit Strafverfahren zu tun, in denen Drogenkonsum eine Rolle spielt. Die Arbeitsbelastung sei hoch, aber von einer Blockade der Justiz könne keine Rede sein. Dr. Finkenberger sieht auch keine Alternative zum bestehenden System. Eine Legalisierung hält sie für das falsche Signal. Die Botschaft dahinter würde lauten, dass der Konsum von Cannabis harmlos sei. „Aber das ist ein Irrtum“, warnt Dr. Finkenberger. 90 bis 95 Prozent der Konsumenten kämen mit Cannabis einigermaßen klar. Andere haben dagegen ein massives Problem: „Wer eine Hanfpsychose entwickelt, ist nicht vorhersehbar“, warnt sie. „Sie kann Verfolgungswahn und andere schwerwiegende Symptome auslösen, und zwar ein Leben lang.“

Christian Müller spricht sich dennoch für eine Legalisierung aus und hat eine klare Vorstellung davon, wie die Regelung aussehen könnte: Bis zu einer vorgegebenen Menge dürfen Erwachsene Cannabis straffrei anbauen. Die Abgabe erfolgt über Apotheken – ausschließlich an Erwachsene. Schnell würden sich nach seiner Meinung kleine Genossenschaften gründen, die von staatlicher Seite in Bezug auf die Menge des Anbaus und die Qualität ihrer Produkte kontrolliert werden sollten. Positiver Nebeneffekt: Neue Arbeitsplätze entstünden und der Staat würde über Lizenzen neue Einnahmen generieren. Vor allem würden aber saubere, naturnahe und nicht gestreckte Produkte in Umlauf gebracht werden.

Von einem legalen Hanf-Anbau würden nach Müllers Überzeugung nicht nur die Konsumenten profitieren. Landwirtschaft, Medizin, Umwelt und letztendlich sogar der Staat wären nach seiner Überzeugung Profiteure. Hanf könne die Agrarvielfalt erweitern, sei gut für die Bodenstruktur, als Heil- oder Linderungsmittel helfe es aufgrund seiner entzündungshemmenden Wirkung beispielsweise bei Rheuma, Arthritis oder Multipler Sklerose. Und mit der Einführung einer Anbaulizenz und einer Steuer für Genusshanf könnte der Staat neue Einnahmequellen anzapfen. Ein Markt für Hanfprodukte ist jedenfalls vorhanden.

Laut dem Drogenbericht der Bundesregierung haben etwa 26 Prozent aller Erwachsenen schon einmal eine illegale Droge konsumiert. Die allermeisten davon Cannabis. Der Fachverband Drogen- und Suchthilfe schätzt die Zahl der Konsumenten auf rund 2,5 Millionen. „Die Konsumkultur ist eindeutig da“, sagt Christian Müller. Es sei an der Zeit, dass der Konsum von Cannabis-Produkten endlich sein illegales Schattendasein beende und ein legaler Teil der Gesellschaft werde.

Kerstin Celina sieht das ähnlich. Zwei Dinge sind ihr bei einer Legalisierung von Cannabis wichtig: Der Erwerb müsse außerhalb des Schwarzmarktes auf legalem Weg stattfinden. „Zum einen aus Jugendschutzgründen, zum anderen aus gesundheitlichen Gründen.“ Wer Cannabis auf dem Schwarzmarkt kauft, habe keine Kontrolle darüber, wie hoch der THC Gehalt ist und ob der Stoff sonstige schädliche Inhaltsstoffe hat, gibt Celina zu bedenken. Sie weiß auch: Eine kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene wird den Schwarzmarkt nicht ganz austrocknen können, und es wird weiterhin Menschen geben, die es illegalerweise an jüngere verkaufen. „Aber es wird vielen, die gelegentlich Cannabis konsumieren, die Möglichkeit geben, dies zu tun, ohne ihr Leben durch eine Vorstrafe aufs Spiel zu setzen.“

Termin: Der Global Marijuana March in Kitzingen findet am Samstag, 4. Mai, statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Bahnhof. Ab 15 Uhr wird sich der Marsch durch die Kitzinger Innenstadt bis zum Bleichwasen ziehen. Dort sind ab 18 Uhr die Abschlussplädoyers zu erwarten. Neben Kerstin Celina und Christian Müller wird Lukas Schwarz, Geschäftsführer von Cannameleon in Würzburg, sprechen. Ende ist gegen 19 Uhr.

Kommentare (1)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren