WÜRZBURG

Gesucht: Kollateralgewinner

Die ehrenamtliche Arbeit bei der Telefonseelsorge ist fordernd, aber weitet den Blick aufs Leben. Interessenten lernen nicht zuletzt viel über sich selbst.
Artikel drucken Artikel einbetten
Dr. Ruth Belzner und Joachim Schroeter arbeiten hauptamtlich bei der Telefonseelsorge. Sie kümmern sich nicht nur um Anrufer, sondern vor allem um rund 90 ehrenamtliche Mitarbeiter. Foto: Foto: Ralf Dieter

Mehr als eineinhalb Millionen Gespräche finden deutschlandweit pro Jahr statt. In Würzburg sind es rund 15000. Die Telefonseelsorge erfüllt seit fast 50 Jahren einen wichtigen und vielfach nachgefragten Dienst am Menschen. Jetzt werden wieder neue ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht.

Frage: Warum sollte man sich bei der Telefonseelsorge engagieren?

Ruth Belzner (hauptamtliche Leiterin seit Oktober 1996): Man lernt sehr viel über sich selbst. Für mich waren das prägende Erfahrungen, als ich mit 23 Jahren hier angefangen habe. Nach der Ausbildung hat man selbst einen breiteren Blick auf das Leben. Ich spreche gerne von einem Kollateralgewinn. (lacht)

Angela Müller (ehrenamtliche Telefonseelsorgerin seit zehn Jahren, Name geändert): Ich kann Menschen in Not helfen. Und es kommt viel zurück. Die meisten bedanken sich nach einem Gespräch. Nach einer Schicht habe ich eigentlich immer das Gefühl, dass es mir sehr gut geht. Im Vergleich zu den Anrufern ist das ja auch so.

Warum rufen die Menschen bei Ihnen an?

Angela Müller: Da ist alles dabei. Vor allem melden sich aber einsame Menschen.

Ruth Belzner: Das betrifft etwa 60 Prozent unserer Anrufer. Sie leben alleine, haben kein soziales Gefüge, das sie auffängt. Sie brauchen förmlich eine Dosis Gesprächskontakt pro Tag.

Das heißt: Sie haben viele Stammgäste?

Ruth Belzner: Manche unserer Klienten kennen wir tatsächlich sehr gut, ohne Namen und Gesicht, aber mit einer längeren Begleitung ihrer Lebensgeschichte. Die einen rufen früh an, um gut in den Tag zu starten, andere abends, weil sie sich da am einsamsten fühlen.

Wie lange dauert ein Gespräch in der Regel?

Joachim Schroeter (leitet zusammen mit Ruth Belzner die Einrichtung): Ganz unterschiedlich, aber nach 45 Minuten ist es normalerweise Zeit, das Gespräch zu beenden. Manchmal braucht es länger, um zum Kernanliegen durchzudringen.

Das Telefon ist rund um die Uhr besetzt, an 365 Tagen im Jahr. Wie schaffen Sie das?

Ruth Belzner: Wir haben 90 ehrenamtliche Mitarbeiter, die die insgesamt fünf Schichten übernehmen.

Aber in der Nachtschicht geht es doch hoffentlich ruhiger zu?

Ruth Belzner: Längere Pausen sind auch nachts selten. Etwa 30 Prozent unserer Anrufer haben eine psychische Erkrankung, der normale Tag- Nacht-Rhythmus funktioniert für viele nicht. Zwischen drei und fünf Uhr in der Früh wird es in der Regel ein bisschen ruhiger. Aber auch nicht immer.

Ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter müssen also ausgeschlafen sein. Welche Fähigkeiten sollten sie noch mitbringen?

Joachim Schroeter: Einfühlungsvermögen und Toleranz sind wichtig. Aber auch eine gewisse Belastbarkeit.

Weil die Gespräche nicht immer einfach sind?

Joachim Schroeter: Einfach sind sie selten. Eines von vier Gesprächen beschäftigt einen in der Regel intensiv, geht einem länger nach. Solche Gespräche beginnen zum Beispiel mit einer Frage wie: „Was kann ich tun, wenn ich nicht mehr da sein will, aber mich nicht umbringen darf?“

Kann man sich auf so etwas vorbereiten?

Ruth Belzner: Natürlich, deshalb geht unsere Ausbildung ja fast ein ganzes Jahr, umfasst drei Wochenenden und 34 Ausbildungsabende. Danach hospitieren die Interessenten in zehn Schichten und werden dann ausgewildert.

Ausgewildert?

Ruth Belzner: Naja, so nennen wir es, wenn die erste Schicht eigenverantwortlich übernommen wird.

Angela Müller: Ohne diese intensive Ausbildung wäre ich auf jeden Fall nicht klar gekommen. Außerdem gibt es regelmäßig Supervisionen und Fortbildungsangebote, die ebenfalls helfen.

Was für Menschen arbeiten bei der Telefonseelsorge?

Ruth Belzner: Das Spektrum ist groß, reicht von Handwerkern über Selbstständige hin zu Ärzten und Professoren. Jeder bringt seine eigene Erfahrung mit und das ist auch gut so.

Und nach der Ausbildung sind sie alle Experten in der Telefonseelsorge.

Joachim Schroeter: Wir bilden keine Fachleute zu bestimmten Themenbereichen aus. Aber Experten im Wahrnehmen und im Erfragen, was die Anrufer gerade umtreibt.

Stumpft man nach ein paar Jahren in der Telefonseelsorge nicht automatisch ab?

Angela Müller: Die Gefahr ist da, aber nach zehn Jahren staune ich immer noch über die Bandbreite an Schicksalen und Themen, mit denen wir konfrontiert werden.

Joachim Schroeter: Die echte und ehrliche Auseinandersetzung mit einem Anrufer ist essenziell. Man darf ein Anliegen niemals bagatellisieren und sollte auch nach vielen Jahren Erfahrung nicht abgebrüht sein.

Was rät man einem Menschen, der sich umbringen will?

Ruth Belzner: Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Wichtig ist auch hier das Zuhören. Die Anrufer müssen erzählen können, ihre Geschichte loswerden können, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Und beim Erzählen sortiert sich oftmals was im Kopf.

Und wenn Gefahr in Verzug ist?

Ruth Belzner: Ich kann nur dann jemanden hinschicken, die Rettungskräfte oder die Polizei, wenn ich Anhaltspunkte vom Anrufer bekomme. Wenn mir jemand seine Identität und Adresse preisgibt, dann werte ich das als Zeichen, dass er Hilfe annehmen will.

Telefonseelsorge

Geschichte: Die Telefonseelsorge wurde deutschlandweit 1956 in Berlin gegründet. Anlass: hohe Suizid-Zahlen im Nachkriegsberlin. Mittlerweile gibt es 105 Standorte in Deutschland.

In Würzburg gibt es die Telefonseelsorge seit Juni 1972. Zwei hauptamtliche und 90 ehrenamtliche Menschen sind dort beschäftigt.

Träger sind die Caritas, die Diakonie und die Diözese. Die Würzburger Telefonseelsorge war die erste ökumenische Einrichtung dieser Art in Bayern.

Chat: Mittlerweile bietet die Telefonseelsorge auch einen Chat an. Zu erreichen unter www.telefonseelsorge.de

Der nächste Ausbildungskurs für ehrenamtliche Helfer beginnt im September dieses Jahres. Nach der Ausbildung leisten die Mitarbeiter rund zwölf Stunden Telefondienst im Monat. Die Mitarbeiter werden durch regelmäßige Supervision und Fortbildungsangebote begleitet.

Weitere Informationen gibt es unter Tel. 0931/4605807, E-Mail: info@telefonseelsorge-wuerzburg.de.

Bewerbungsschluss ist am Dienstag, 25. Juni. Ein Informationsabend findet am Montag, 1. Juli, statt.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren