MARKTBREIT

Geschichte "curios" erklärt

Hinschauen, Hinhören, Lesen und Mitmachen: Das Malerwinkelhaus beherbergt mehr als nur einen Schatz.
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Wie sah die Kleidung eines römischen Soldaten aus? Das können sich die Besucher nicht nur anschauen. Bei einem von Museumsleiterin Simone Michel-von Dungern entworfenen Puzzle können sie die Teile zusammensetzen und wer will, darf sogar eine Rüstung anprobieren. Foto: Foto: Daniela Röllinger
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Der Schatz liegt im ersten Stock in einer Glasvitrine. Das Hebammenbuch, in dem die Marktbreiter Hebamme Anna Dorothea Rosen von 1862 bis 1914 Geburten verzeichnet hat, wurde kürzlich als „Heimatschatz“ prämiert. Doch im Museum Malerwinkelhaus gibt es noch viel mehr zu entdecken.

„Ein cooles Museum!“ Der sechsjährige Nico und sein dreijähriger Bruder waren begeistert vom Besuch im Malerwinkelhaus und haben ein dickes Lob im Gästebuch hinterlassen. „Toll“ hat ein paar Seiten vorher die siebenjährige Paula geschrieben. „Profund recherchiert“ steht an anderer Stelle, „detailgetreu erklärt“. Die Wortwahl zeigt, dass die Einträge von Erwachsenen stammen. So unterschiedlich das Alter der Besucher, so unterschiedlich ihre Heimatorte und -länder. Schüler aus Marktbreit und Kitzingen kommen, Besucher aus der Region, aus großen Städten in ganz Deutschland, aber auch aus fernen Ländern wie Venezuela.

Simone Michel-von Dungern freut sich, dass das kleine Museum im historischen Malerwinkelhaus auch bei den jungen Besuchern so gut ankommt. Museumspädagogik ist ihr wichtig. Sie will das Wissen unterhaltsam und teils auch spielerisch vermitteln. Deshalb wird das Römerkabinett, eine der beiden Dauerausstellungen, umgestaltet. Basis wird die momentan laufende Sonderausstellung „Aufgemischt: Römerkabinett 2018“ sein. Schüler des Gymnasiums Marktbreit und Studenten der Museologie aus Würzburg haben daran mitgearbeitet, im Rahmen von Workshops Videoclips und Hörspiele erstellt. Legionär Curiosus erzählt in mehreren etwa eine Minute langen Spots von seiner Zeit, lehrreich im Inhalt, unterhaltsam in der Darstellung. Da wird auf dem Touchscreen ein Lager mit Zahncreme gezeichnet, die Legionsstärke anhand von Smarties verdeutlich. Man kann drücken, schauen, zuhören und staunen. Es gibt Spiele, die ausprobiert werden dürfen, die Besucher dürfen Mehl mahlen und wer sich traut, sogar eine Rüstung anziehen – und die ist übrigens ganz schön schwer.

Interaktiv und spannend

„Mir ist es wichtig, Dinge so zu vermitteln, dass die Besucher sie spannend finden“, sagt Simone Michel-von Dungern. Seit 2010 leitet sie das Museum, war vorher als Wissenschaftlerin und Dozentin tätig, hat unter anderem an der Hanauer Zeichenakademie unterrichtet. Ein profundes Wissen, die Faszination für Altes und die Neugier auf Neues – das sind Dinge, von denen das Museum profitiert. Das Museum sei mehr oder weniger ein „Ein-Frau-Betrieb“, sagt sie, auch wenn sie auf ein Team von Ehrenamtlichen zurückgreifen kann, das mit dem Empfang der Besucher vor allem am der Kasse unterstützt.

Bei der Arbeit der in Teilzeit angestellten Leiterin geht es um weit mehr als um die Recherche für und die Organisation von Ausstellungen. Ob es die Texte sind, die Fotos, die Grafiken, das Layout oder die Druckvorlagen, all das macht Simone Michel-von Dungern selbst. So hat sie auch das Puzzle, das die Ausrüstung der Soldaten erklärt, entworfen. Sie versucht, den finanziellen Aufwand so gering wie möglich zu halten. Technik ist notwendig, aber zu viel darf es nicht sein, findet sie. Wenn ein Museum überall nur teure Bildschirme hängen hat, sage das noch nichts über die Qualität aus. „Nur gekauft und hingestellt, das kommt bei den Besuchern nicht an.“ Die gute Idee ist ihr wichtig, kreative Geschichten. Weil es eben mehr Spaß macht, beim Puzzeln Panzer und Schild des römischen Soldaten richtig zu platzieren, als es nur auf einem Bildschirm oder Foto anzuschauen.

Bis November läuft die Sonderausstellung noch, doch schon jetzt beginnen die Vorbereitungen für die Weihnachtsausstellung, die alljährlich im Malerwinkelhaus in Verbindung mit einem musealen Weihnachtsmarkt stattfindet. In diesem Jahr stehen Tolkiens Briefe an den Weihnachtsmann im Mittelpunkt. Michel-von Dungern will dazu samstags im Sonderausstellungsraum Veranstaltungen anbieten, während das Obergeschoss geschlossen sein wird. Sonntags dagegen umrahmen dort dann die Räume und Inszenierungen der Dauerausstellung den Musealen Weihnachtsmarkt.

„Frauen-Zimmer“ heißt diese Ausstellung und gibt einen Einblick in das Leben von Frauen verschiedener sozialer Schichten und Konfessionen. Über Kindheit, Jugend, Eheleben, Berufsleben und religiöses Leben wird dort informiert, die Entwicklung der Mode dargestellt, das Leben der Dienstmädchen erklärt. In diesem Rahmen sind auch das Hebammenbuch, ein Hebammenkoffer und ein Gebärstuhl ausgestellt. Diese drei Objekte hatte Simone Michel-von Dungern beim Wettwerb der „100 Heimatschätze“ eingereicht, den die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen, der Bayerische Landesverein für Heimatpflege und das Heimatministerium und das Kunstministerium gemeinsam ausgerufen hatten. Zum Zug kam das Buch, es wurde im Juli mit Urkunde und 1000 Euro Preisgeld prämiert.

Kein Heimatmuseum

Sowohl Dauerausstellung als auch Sonderausstellungen haben zwar einen Bezug zu Marktbreit, ein „Heimatmuseum“ ist das Malerwinkelhaus trotzdem nicht. Das Leben der Frauen war in anderen Kleinstädten auch so, wie es in der Dauerausstellung gezeigt wird, die Römer hatten nicht nur in Marktbreit ein Lager. Der Erfinder des Rieslaners kam zwar aus Marktbreit, wirkte aber unter anderem auch in Afrika – die Grundlage für die Afrika-Sonderausstellung im vergangenen Jahr. Das Malerwinkelhaus wurde schon von vielen Künstlern gezeichnet – ein Anlass für die Mail-Art-Ausstellung von 2015. Menschen in China, Nepal, Amerika und vielen anderen Ländern haben sich mit dem ungewöhnlichen Gebäude befasst. Über 400 Arbeiten aus über 30 Ländern waren zu sehen – für Simone Michel-von Dungern bislang die spannendste und faszinierendste Ausstellung.

Eine Lieblings-Ausstellung oder ein Lieblingsstück hat die Museumsleiterin trotzdem nicht. „Mich fasziniert das ganze Haus. Die Geschichte, die Atmosphäre, die vielen Schätze, die es beherbergt und der Blick hinaus auf den Breitbach.“ Ein Satz, wie er auch im Gästebuch stehen könnte.

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