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KITZINGEN

„Gemischter Konvent auf Zeit“

Derzeit ist das Recollectio-Haus wegen Corona geschlossen. Nach der Wiedereröffnung sollen auch Kurse für Menschen stattfinden, die nicht in der Kirche arbeiten.
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„Unser Anliegen ist es, unseren Gästen einen Zugang zu ihren psychischen und spirituellen Quellen zu ermöglichen.“ Corinna Paeth, Leiterin des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach. Foto: Foto: Julia Martin
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Münsterschwarzach Mitte Oktober hat sie die Leitung übernommen. Als erste Frau in der 29-jährigen Geschichte des Recollectio-Hauses. Zusammen mit zwei weiteren psychologischen Psychotherapeutinnen und sieben geistlichen Begleitern, darunter einer Ordensfrau, bietet Dr. Corinna Paeth nicht nur kirchlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen eine Auszeit an. Das Recollectio-Haus hat sich auch für weltliche Interessenten geöffnet.

Worin besteht die wichtigste Aufgabe des Recollectio-Hauses?

Paeth: Unsere Gäste haben bei uns durch verschiedene Angebote die Möglichkeit, sich psychisch und geistlich-spirituell zu stärken, um so wieder einen Zugang zu sich selbst zu finden. Unser Konzept beinhaltet eine psychologisch-psychotherapeutische und geistliche Begleitung. Somit richtet sich unser Haus an alle kirchlichen Angestellten sowie an spirituell Interessierte.

Warum braucht es das?

Paeth: In geistlichen Berufen sowie bei kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern spielt die spirituelle Komponente im Beruf eine entscheidende Rolle. Sie haben auch ein ganz anderes Verständnis ihres Berufes und der daraus folgenden Verfügbarkeit. Nach Feierabend ist der Priester immer noch Priester. Dies kann zur Belastung werden, wenn es keinen regelmäßigen Ausgleich gibt.

Wie können Sie helfen?

Paeth: Wir bieten unterschiedlich lange Auszeiten und Kurse an, in denen unsere Gäste zu sich kommen und neue Kraft schöpfen können. Auch Einzelgespräche und ambulante Begleitung sind möglich. Die Erfahrung mit unserem Langzeitkurs von neun Wochen zeigt aber, dass bei vielen die Erschöpfung sehr groß ist.

Woher kommt diese tiefe Erschöpfung?

Paeth: Unsere Gäste sind meistens beruflich überlastet, wie etwa Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Priester in den neuen Großpfarreien. Zudem geht es immer wieder um Konflikte am Arbeitsplatz oder in der klösterlichen Gemeinschaft.

Im Recollectio-Haus können auch junge Menschen, die Priester oder Ordensfrau werden wollen, eine Einschätzung erfahren, ob die angestrebte Lebensform die richtige für sie ist. Wie können Sie das herausfinden?

Paeth: Eine finale Entscheidung können auch wir nicht treffen. Durch intensive Gespräche lernen wir die Kandidaten und Kandidatinnen kennen. Auf diese Weise können wir ihnen und ihren Verantwortlichen für die Ausbildung im Kloster oder Priesterseminar Empfehlungen aussprechen, damit der Übergang in die neue Lebensform gelingen kann. Anstelle eines Gutachtens führen wir gemeinsam mit dem Kandidaten beziehungsweise der Kandidatin und dem Vorgesetzten ein sogenanntes Abschlussgespräch, sodass die Möglichkeit eines direkten Austausches zwischen den unterschiedlichen Beteiligten besteht.

Wie groß ist Ihr Einzugsgebiet?

Paeth: Die meisten Gäste kommen aus Bayern, letztendlich aber aus ganz Deutschland. Es kommt immer wieder vor, dass wir Gäste aus anderen europäischen Ländern aufnehmen. Diese Gäste sollten über ausreichende deutsche Sprachkenntnisse verfügen.

Entsprechend steigen die Belegungszahlen?

Paeth: Die Nachfrage ist relativ konstant. Es gibt Kurse, die stärker nachgefragt sind, als andere. Unsere 16 Zimmer sind, über das ganze Jahr hinweg gesehen, gut belegt.

Psychotherapeutische Hilfe anzunehmen, ist kein Tabu mehr?

Paeth: So würde ich das nicht bestätigen. Die Bereitschaft, sich in psychischen Krisenzeiten psychotherapeutische Unterstützung zu suchen und diese anzunehmen, steigt in unserer Gesellschaft langsam an.

Warum haben Sie Ihre Kurse für Menschen geöffnet, die nicht in der Kirche arbeiten?

Paeth: Wir bekommen immer wieder Anfragen von Menschen, die psychologische Hilfe brauchen, aber den spirituellen Bezug nicht vernachlässigen wollen. Der Glaube spielt in ihrem Leben eine wichtige Rolle, weshalb ihnen unser ganzheitliches Konzept eher zusagt, als zum Beispiel eine klassische Reha-Maßnahme.

Beantworten Sie jede Anfrage positiv?

Paeth: Wir nehmen keine sucht- oder suizidgefährdeten Menschen an, auch keine Patienten mit einer schweren Depression oder einer sexuellen Präferenzstörung. Dies können wir in unserem Haus nicht leisten. In diesen Fällen empfehlen wir immer wieder einen Klinikaufenthalt oder spezifisch auf die Problematik zugeschnittene Hilfsangebote.

Wie helfen Sie Ihren Gästen?

Paeth: Unser Anliegen ist es, unseren Gästen einen Zugang zu ihren psychischen und spirituellen Quellen zu ermöglichen. Hierzu dienen die psychologische und geistliche Begleitung – sei es in Form von Einzelgesprächen oder Gruppenangeboten –, die Anbindung an das Kloster, aber vor allem das Leben und Erleben in der Gruppe. Wir nennen unsere Kurse manchmal einen „gemischten Konvent auf Zeit“.

Bis Pfingsten wollen die Verantwortlichen des Recollectio-Hauses die Situation rund um Corona beobachten. Sollte ein Kursbeginn verantwortbar sein, wird der Kursplan für dieses Jahr etwas verändert. „Wir tragen Verantwortung für das gesundheitliche Wohlergehen unserer Gäste und beabsichtigen, dass eine Teilnahme an einem Recollectio-Kurs zu Ihren Gunsten verlaufen kann“, schreibt Corinna Paeth auf der Homempage www.recollection.abtei-muensterschwarzach.de

Recollectio-Haus

Das Recollectio-Haus ist eine Einrichtung der Abtei Münsterschwarzach. Es will Priestern, Ordensleuten, Mitarbeiter/innen in der Seelsorge sowie spirituelle Interessierten die Möglichkeit geben, sich körperlich, psychisch und geistlich-spirituell zu sammeln.

Das Recollectio-Haus wird finanziell mitgetragen von den Diözesen Fulda, Freiburg, Limburg, Mainz, München-Freising, Paderborn, Rottenburg-Stuttgart und Würzburg.