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Kitzingen

Gelüste auf Würste

Fest am Fasten: Einige Mitglieder der Fastenredaktion geraten an ihre Grenzen. Noch ist aber niemand ausgestiegen.
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Julia Volkamer nutzt die Fernseh-freie Zeit für sportliche Erkundigungen. Mit dem Rad zum Einkaufen fahren hat schon mal prima geklappt. Foto: Foto: Volkamer
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Kitzingen

Vier Wochen haben wir geschafft. Kein Wunder, dass sich bei der einen oder anderen Fasterin – natürlich nieeeeemals bei einem Faster! – die ersten Ermüdungserscheinungen zeigen. Zumal die Corona-Krise den Alltag nicht gerade erleichtert. Von ausgedehnten Spaziergängen, Einkaufsfahrten mit dem Fahrrad und den Verführungen im Home-Office.

Julia Volkamer

(Fernsehfasten): Ich sag?s gleich vorneweg: Es kann in dieser Woche keinen anderen Gewinner geben als mich. Obwohl ich zwei Mal den Fernseher eingeschaltet habe: einmal für Angela Merkel und einmal für Markus Söder. Hinschauen musste man ja nicht, Zuhören hat gereicht, um mitzukriegen, dass die Lage ernst ist. Nach der Ansprache des Ministerpräsidenten hab' ich freiwillig wieder abgeschaltet.

Jedenfalls haben sich mir, dank der Kombination von Fernseh- und Ausgehverbot, ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Zum Beispiel der Sport. Fitnessstudio ist ja nicht und das Handballfeld ist gesperrt. Also mussten Alternativen her. Yoga und Kinder schließen sich gegenseitig aus – zumindest meine Kinder und Yoga. Also raus an die Luft. Joggen kommt für die lädierten Knie nicht in Frage. Gelenkschonender ist da schon Radfahren, aber doch auch ein bisschen eintönig? Nach gut einer Woche Sportentzug war mir am Samstagmittag alles egal: Fünf Grad und Nieselregen, keine wasserdichte Hose und ein leerer Kühlschrank, dessen neue Füllung ich im Rucksack würde heimtransportieren müssen. „Geht schon“, brummte ich, als ich auf des Mannes Riesen-Mountainbike stieg und mir überlegte, durch welche Dörfer ich so strampeln musste, um aus drei Kilometern zum nächsten Einkaufsmarkt möglichst 30 zu machen. Ich sag mal so: Es war wirklich kalt, es war wirklich anstrengend – und der Schmerz beim Wiederaufstieg wirklich groß – aber es war auch wirklich gut.

Und weil ich so entspannt war, kam mir gleich die nächste Spitzenidee zur Vermeidung des drohenden Fastenbruchs: Kartenspielen am Abend! Ich hatte fast vergessen, wie abendfüllend so eine Partie „Skipbo“ sein kann – und welch schlechter Verlierer meine bessere Hälfte ist.

Wie auch immer, ich habe in dieser Woche definitiv das Beste aus der ernsten Lage gemacht. Das würden sicher auch Merkel, Söder und Co. bestätigen.

Daniela Röllinger

(Fleisch und Überflüssiges): 14 Schritte sind zu wenig. Stopp! Bevor Sie jetzt denken, ich würde derzeit nur so wenige Schritte machen, während Kollegin Fu. sich auf ihrem Arbeits-Laufband abstrampelt und ihre Endlos-Schleifen rund um ihren Heimatort dreht, muss ich das klarstellen: Natürlich bin auch ich deutlich mehr unterwegs. Auf ein paar tausend Schritte komme ich problemlos, trotz Ausgangsbeschränkung. Schließlich muss unser Labrador Sam regelmäßig raus. Die Schritte von der Tiefgarage zum Auto und durch die Stadt zum Termin fallen allerdings derzeit weg. Aufgrund von Corona arbeite ich im Homeoffice und sitze meinen Gesprächspartnern nicht gegenüber, wenn ich sie mit meinen Fragen löchere, sondern erledige das am Telefon.

Das sind denkbar ungünstige Voraussetzungen für den von mir angestrebten Verzicht auf Fleisch. Beim Kochen macht mir das nichts aus und auch beim gemeinsamen Essen am Sonntag nicht. Schäufele gab?s, mit knackiger Kruste. Ich habe nicht mal einen neidischen Blick auf die Teller meiner Männer geworfen, die Beilagen waren auch lecker. Mein Problem ist ein anderes: Beim Homeoffice ist der Weg zum Kühlschrank so kurz. Statt mehrerer Kilometer liegen jetzt nur 14 Schritte zwischen mir und der Wurstdose mit den Wienerle meines Lieblingsmetzgers.

Ach, so ein Wienerle täte meiner Stimmung jetzt gut, bei all den Entbehrungen. Und bestimmt würde es helfen, den Lagerkoller zu vermeiden, der womöglich bald droht. So langsam sehne ich Ostern herbei....

Ralf Dieter

(Viel Sport und keine Süßigkeiten) Ich bin zufrieden. Es könnte viel schlimmer sein. Ich esse nichts Süßes und bin trotzdem nicht sauer. Und ich nähere mich immer mehr meinem ganz privaten sportlichen Großereignis. Am Wochenende habe ich schon das Schuhregal im Keller inspiziert und voller Freude festgestellt, dass dort zwei Paar Turnschuhe nur darauf warten, in Beschlag genommen zu werden. Ich habe mich einstweilen doch für die Wanderschuhe entschieden und bin ein paar Stunden über Felder und Wiesen und durch Wälder gewandert. Dort stärkte ich beim Bärlauch-Pflücken meine Rücken- und Rumpfmuskulatur und trainierte später in der heimischen Küche beim Zerkleinern des Blätterwerks meine Feinmotorik. Alles in allem eine sportlich zufriedenstellende Woche, die womöglich kurz vor Ostern noch einmal gesteigert wird. Ich habe den Plan, joggen zu gehen, noch nicht vollends aufgegeben!

Diana Fuchs

(15.000 Schritte täglich und Lügenfasten): Hört, hört: Den Plan hat der Herr Kollege noch nicht vollends aufgegeben... Na, das hören wir Frauen aber gern, die wir seit vier Wochen nicht nur Pläne machen, sondern nach harten Kämpfen gegen innere Schweinehunde täglich Taten sprechen lassen. Beziehungsweise den Schrittzähler. Meiner hat – Rekord – stolze 22.010 Beinbewegungen registriert, allerdings war das am Sonntag, also einem Tag, an dem genügend Zeit zum ausgiebigen Rumlaufen ist. Aber auch unter der Woche schaffe ich die 15.000 für gewöhnlich; das Gros nach der Arbeit. Mein Sofa hat mich echt schon länger nicht gesehen.

Nachdem Freunde mich ja wegen Corona nicht mehr begleiten dürfen und die Familie meist keine Lust dazu hat, habe ich mir einen neuen „Mitläufer“ gesucht: Bobby, den Hund einer netten Dame, die nicht gut zu Fuß ist und sich freut, wenn der Vierbeiner rauskommt. Ob Kälte, Sonne, Regen oder Wind: Bobby und ich drehen unsere Runden – und freuen uns, dass es jeden Tag ein klitzekleines bisschen länger hell bleibt. Manch spektakulären Sonnenuntergang haben wir schon von einsamen Feld- und Waldrändern aus ungestört beobachtet. Ungelogen: Ich fange langsam an, die tägliche Herausforderung nicht als Last zu sehen, sondern mich drauf zu freuen. Auch, wenn die Beine wehtun.

Nina Grötsch

(Autofasten): Aufs Auto zu verzichten ist gerade vermutlich so einfach wie nie zuvor. Die Ausgangsbeschränkung verlangt, das Haus nur in dringenden Fällen zu verlassen. Kindergarten, Logopädiestunden, Musikschule, Vorsorgetermine beim Arzt – all das ist abgesagt. Dazu habe ich den großen Vorteil, im Homeoffice arbeiten zu dürfen. Vor dem drohenden Lagerkoller fliehe ich aktuell nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß. So viele Spaziergänge wie derzeit habe ich – außer im Urlaub – noch nie gemacht.

Mein Sohn hat das Radfahren gelernt und meine Tochter den halben Wald eingesammelt, um mit den Materialien zuhause zu basteln. Einzig zum Supermarkt ist aktuell ein Transportmittel gefragt. An der Stelle gebe ich zu, dass ich in den letzten Wochen meine großen Einkäufe gerne als Mitfahrer im Auto meiner Schwester oder Mutter erledigt habe. Das geht nun nicht mehr, da wir wegen Corona auf engstem Raum nur noch mit den Personen aus dem eigenen Hausstand zusammen sein sollen.

Doch ich schlage mich wacker. Mit einem Rucksack auf dem Rücken und einer XL-Tasche zwischen den Beinen sehe ich auf meinem Roller vielleicht manchmal ein wenig bizarr aus – vor allem gestern, als Baguette und Lauch mal so gar nicht in den Rucksack passen wollten. Aber das Gute: daran ist: Aktuell sieht es ja kaum jemand.

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