REHWEILER.

Fünf Dörfer und ein Bodyguard

Die Kaffeetafel im Zinzendorf-Haus ist voll besetzt. Der ehemalige Casteller Hans Gernert hat die Pfarrstelle neu angetreten und einen „Geselligen Nachmittag“ organisiert, den ersten an seiner neuen Wirkungsstätte. Berthold von Crailsheim ist eingeladen, einen Vortrag zu halten über „Der Fränkische Adel und Luther“, zum Ausklang des Lutherjahres und aus Anlass des nahen Reformationstages.
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Berthold von Crailsheim: „Als Kind erschien mit der Reformator streng und autoritär.“ Foto: Foto: Tessy Korber
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Die Kaffeetafel im Zinzendorf-Haus ist voll besetzt. Der ehemalige Casteller Hans Gernert hat die Pfarrstelle neu angetreten und einen „Geselligen Nachmittag“ organisiert, den ersten an seiner neuen Wirkungsstätte. Berthold von Crailsheim ist eingeladen, einen Vortrag zu halten über „Der Fränkische Adel und Luther“, zum Ausklang des Lutherjahres und aus Anlass des nahen Reformationstages.

Die Verbindung des in Altenschönbach ansässigen Freiherrn zu Rehweiler ist nicht neu; in der nahegelegenen Matthäus-Kirche hängen seit vielen Jahren zwei Bilder seiner Frau, deren Blau dem flüchtigen Betrachter schon durch die Fenster entgegen leuchtet.

Auch religiöse Themen stehen ihm nicht fern. Er ist gerade in diesen Wochen unter anderem damit beschäftigt, an einer Außenwand des Altenschönbacher Schlosses einen Schutzengel zu malen. Mit Luther hat er sich nicht nur in diesem Jahr intensiv auseinandergesetzt. Denn die Beziehung seiner Familie zu dem Reformator ist eng. Das war nicht von Anfang an so.

„Als Kind habe ich mir immer das Lutherbild bei uns in der Kirche betrachtet“, gesteht er. „Da erschien mir der Reformator streng und autoritär. Mein Verhältnis zu Luther wandelte sich erst später, als ich die Szene im „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist las. „Das hat mich tief berührt.“ In Rehweiler stellt von Crailsheim den Reformator lieber mittels einer Büste vor, die seiner Ansicht nach die Lebenskraft, Energie, Ehrlichkeit und Kernigkeit des Menschen Luthers gut zum Ausdruck bringt. Man merkt ihm die Begeisterung für sein Thema an.

Der Bezug seiner Familie zu dem Reformator war eng. 1521 reiste Luther zum Reichstag in Worms. Der Kaiser regelte dort wichtige Fragen, wie das Verhalten gegenüber der türkischen Bedrohung und die Teilung des Hauses Habsburg in eine spanische und eine österreichische Linie. Und die Frage des Verhältnisses zu dem Reformator. Es ging für Luther nicht gut aus. Er wurde geächtet, was hieß, jeder, der ihn antraf, durfte ihn straffrei töten. Wilhelm von Crailsheim war unter der Schar der später als „verkappte Ritter“ bekannt gewordenen Adligen, die Luther in dieser gefährlichen Situation zu Hilfe kamen. Sie verkleideten sich als Wegelagerer, entführten den heimreisenden Reformator scheinbar und brachten ihn in Sicherheit auf die Wartburg.

Ein anderer Vorfahr, Wolf von Crailsheim, leistete einen weniger abenteuerlichen, aber nicht minder bedeutenden Beitrag, als er die fünf von ihm in den 1520er Jahren erworbenen Dörfer Sommersdorf, Rügland, Walsdorf, Fröhstockheim und Großbirkach protestantisch machte und die Zugehörigkeit auch zäh gegenüber den Eingriffen der Bamberger und Würzburger Bischöfe verteidigte. Das war angesichts der damals zersplitterten Herrschaftsverhältnisse keine kleine politische Leistung. So waren am Ende manche Bauern Protestanten, hatten aber im Kriegsfall etwa dem Würzburger Bischof militärische Dienste zu leisten.

„Früher erschien mir dieser Wechsel der Religion als etwas Gewaltsames“, so von Crailsheim. Es war ja keine Kleinigkeit, ihnen den angestammten Glauben zu nehmen, die vertraute Messe, die Marienverehrung, dazu noch, die Autorität der allein selig machenden Kirche und des Papstes infrage zu stellen. Aber intensive Studien in den Chroniken hätten ihm gezeigt, dass sein Vorfahr mit den Menschen geredet hätte, um seine Untertanen von den Vorzügen der Lutherschen Ansichten zu überzeugen.

Von Crailsheim erzählt schlicht, unterstützt von Bildern und mitgebrachten Exponaten, die er zum Fühlen und Betrachten herumreicht. Es geht ihm darum, bei historischen Laien Verständnis für die Andersartigkeit von Alltag, Sehen und Denken im Mittelalter zu wecken. Manchmal, auch wenn er versehentlich in das vertrauliche Du der Ansprache gleitet, merkt man ihm den ehemaligen Lehrer an, den Kunsterzieher, als der er langjährig an der Steigerwaldschule in Wiesentheid tätig war.

Sein Publikum ist interessiert und ganz bei der Sache. Und es zeigt sich, dass manche selbst die Chroniken ihres Heimatdorfes und der Crailsheimer studiert haben. So kann etwa Heinz Eberlein anmerken, dass ein weiterer Crailsheimer im 30-jährigen Krieg beim Tod und der Überführung des schwedischen Königs Gustav Adolf anwesend war, der ja für die lutherische Seite focht. Eine Dame aus Fröhstockheim erinnert sich persönlich an „die Crailsheimer“ in ihrem Heimatort: „Wenn einer starb, läuteten die Läutbuben eine Woche lang jeden Mittag.“

Überhaupt ist die Teilnahme einiger Zuhörer an ihrem heimischen Adel groß. So berichtet Berthold von Crailsheim am Ende einige Episoden aus seiner Kindheit in Fröhstockheim. Am stärksten berührt, was er vom Tod des Bruders berichtet, der während des Krieges als Kind an Diphterie starb, just als die Mutter in Berlin war, um dort den Kriegsverwundeten Vater zu pflegen. Die Mutter erklärte den Kindern den Verlust des Bruders so, dass dieser jetzt als Schutzengel über allen wache. „Das gab mir eine frühe, gute Verbindung zum Himmel“, so von Crailsheim.

Und der Zuhörer ahnt die Verbindung des Schutzengels, den er gerade an die Mauern seines Heimes malt, zu seinem eigenen Leben.

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