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Müll und Frust ohne Ende: Bon-Pflicht nervt fränkische Bäcker

Die neue Bon-Pflicht nervt. Der designierte Obermeister der Bäcker stellt fest: „So eine negative Stimmung unter Bäckern habe ich in 38 Berufsjahren noch nicht erlebt!“
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Schwer ist er nicht, der Zettelberg, aber absolut unnötig – findet jedenfalls Elisa von der Kitzinger Eisdiele am Marktplatz. Ihr Chef, Pedro Martins, sagt, kein einziger Kunde habe bisher seinen Beleg für ein Eis oder einen Kaffee mitgenommen. „Im Sommer, wenn viel los ist, wird die Bon-Pflicht uns alle sicher richtig nerven.” Foto: Foto: DIANA FUCHS
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Das Ziel der Bundesregierung ist ein hehres: Steuerhinterziehung verhindern. Die Belege sollen dem Staat viel Geld einspielen, das sonst in schwarzen Kassen verschwindet. Händler und Restaurantbesitzer, die seit Anfang Januar selbst für Kleinstbeträge einen Zettel ausdrucken müssen, sind jedoch ebenso genervt wie viele Bürger. Alle fragen sich: Wird mit der Bon-Pflicht, die seit Januar gilt, wirklich Kassenbetrug verhindert?

Überall Papier. Egal, wohin man geht: In Bäckereien und sogar in der Eisdiele schlängeln sich dicke weiße Würste aus Papier um die Kassen. Kaum ein Kunde, der gerade ein Hörnchen, einen Leberkäsweck oder ein Schokoladeneis gekauft hat, nimmt seinen Kassenbon mit; er ist auch nicht dazu verpflichtet. Da die Betriebe den Bon seit 1. Januar aber verpflichtend ausdrucken oder in elektronischer Form an die Kunden übermitteln müssen, stapeln sich im Verkaufsraum die Zettelschlangen.

Manche Unternehmen rufen ihre Kunden dazu auf, die Bons beim Finanzamt in den Briefkasten zu werfen. Andere sammeln alle Bons, die die Kunden nicht haben wollen, und zeigen die Massen an Papiermüll in sozialen Netzwerken und in den Medien. Aber nicht nur an der Basis rumort es, auch Handwerksverbände laufen Sturm gegen die Bon-Pflicht.

"Müllwahnsinn" durch neue Bonpflicht

Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks spricht von „Müllwahnsinn“ und berichtet, dass ihm kurze Zeit nach dem Start der neuen Regelungen schon viele abgelehnte Befreiungsanträge von Betrieben vorliegen. Zwar hatte das Bundesfinanzministerium mit dem Kassengesetz 2020 auch Ausnahmen beschlossen, aber die greifen nur in seltenen Fällen. Für Betriebe des Lebensmittelhandwerks führt die Regelung ins Leere. Daniel Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Bäckerverbands, betont dennoch: „Wir werden uns auch weiterhin gegen diese absurden Regelungen einsetzen und in Gesprächen für Erleichterungen im Bäckerhandwerk kämpfen.“ Ganz konkret meint er eine Gruppenausnahme für das gesamte Bäckerhandwerk oder zumindest eine Ausnahme für Rechnungen unter einem Betrag von zehn Euro.

Tilo Brönner, designierter Obermeister der Bäckerinnung Kitzingen, sieht überhaupt keinen Sinn in der „Kontrolle von der Kontrolle von der Kontrolle“. Die gängigen elektronischen Registrierkassen hätten ohnehin einen eingebauten Chip, auf dem alle Vorgänge gespeichert sind. „Dafür haben sich fast alle Betriebe vor Jahren neue Kassensysteme gekauft.“ Jetzt sollen die Kassen auch noch „manipulationssicher“ gemacht werden. „Unser Betrieb kann da noch nachrüsten, aber es gibt auch Kollegen, bei denen das technisch nicht funktioniert. Sollen die sich jetzt ein komplett neues Kassensystem kaufen? Das kostet richtig Geld.“ Brönner spricht von „Frust ohne Ende“.

Bleiben nur Großfilialisten übrig?

Man tue sich ohnehin schon seit Jahren schwer, Personal zu finden, und werde obendrein noch mit allerhand Bürokratie drangsaliert. „So eine negative Stimmung unter Bäckern habe ich in 38 Berufsjahren noch nicht erlebt!“ Viele Mittelständler hätten bereits aufgehört, andere fänden unter den herrschenden Bedingungen keinen Nachfolger. „Wenn es so weitergeht, haben wir bald überall im Land nur noch Großfilialisten!“, warnt der 52-Jährige. „Jedes Land beneidet uns um unsere Back- und Brotkultur – und die Politik zerstört sie mutwillig und dumm.“

Zumal: „Der Bon taugt ja auch nicht als Beweis.“ Fakt ist: Neue Kassensysteme speichern digital jeden Kaufvorgang unter einer Nummer ab, die auch auf dem Bon steht. Bei einer Steuerprüfung können die Belege mit den Daten der Kasse abgeglichen werden. So soll sichergestellt werden, dass alle verkauften Waren lückenlos erfasst und die Daten nicht nachträglich manipuliert werden. Allerdings: Es gibt keine Verpflichtung, die Bons aufzuheben. Es ist also äußerst unwahrscheinlich, dass sich jemals ein Steuerprüfer mit dem Bon für den Kauf einer Kugel Schoko-Eis befassen wird.

„Die Bons sind ja auch nicht nur drei Zentimeter lang, sondern da müssen allerhand Daten drauf sein. Das ist echt ein Müllproblem“, findet Tilo Brönner. Die Belege sind oft aus so genanntem Thermopapier. Das ist auf der Seite, die bedruckt wird, mit chemischen Stoffen beschichtet. Unter Wärme bildet die Schicht einen Farbstoff aus, der dann als Text auf dem Bon lesbar wird. Das Papier muss im Hausmüll entsorgt werden und darf nicht mit normalem Papiermüll recycelt werden. Statt aus Papier könnte der Zahlungsbeleg theoretisch auch online an den Kunden übermittelt werden. Er kann per E-Mail zugeschickt oder als QR-Code mit einer App beim Bezahlen ausgelesen werden. „Dazu muss der Kunde allerdings bereit sein und braucht die entsprechende App auf dem Handy, die es noch gar nicht gibt“, sagt Tilo Brönner. „Alles in allem ist die Bon-Pflicht ein richtiger Murks.“

Infos zur Bon-Pflicht

Belegausgabepflicht: Die Kassensicherungsverordnung, die bereits im Dezember 2016 als neues Kassengesetz erlassen wurde und zum 1. Januar in ganz Deutschland in Kraft trat, bringt neben der Technischen Sicherheitseinrichtung (TSE) und der Kassenmeldepflicht eine weitere Neuerung: die Belegausgabepflicht. Diese Pflicht besagt, dass jeder Unternehmer, der ein elektronisches Kassensystem verwendet – egal ob im Bereich Gastronomie, Dienstleistung, Handwerk oder Einzelhandel – allen Kunden einen Beleg aushändigen muss. Wenn ein Kunde zustimmt, kann auf den Papierausdruck verzichtet werden und der Bon zum Beispiel per Mail zugestellt werden.

Kunde: Der Kunde hat das Recht den Kassenzettel abzulehnen und ist nicht dazu verpflichtet, ihn anzunehmen.

Offene Ladenkasse: Wer eine offene Ladenkasse führt – etwa am „Grünen Markt“ in Kitzingen – , ist von der neuen Regelung nicht betroffen.

Strafe: Gibt ein Händler keine Bons aus und wird erwischt, muss er zwar kein Bußgeld zahlen. Es kann aber sein, dass das Finanzamt bei seiner Steuererklärung ganz genau hinschaut oder seinen Umsatz höher schätzt und so mehr Steuern verlangt.

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