WIESENTHEID.

Eine Nacht voller Spiele und Bücher

Der landesweite Vorlesewettbewerb wurde für die 6b der Steigerwaldschule Wiesentheid zum Abenteuer. Mit Schlaf- und Rucksack zog die gesamte Klasse in die Turnhalle ein.
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Siegerehrung nach einer langen Nacht: Jutta Köhler, Josef Braun, Philipp Sehne, Emilia Palotz, Pauline Nickel, Achim Höfle und Harald Godron. Foto: Foto: Elmar Halbritter
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„Viele Kollegen machen das während des Deutschunterrichtes“, erklärte Harald Godron vom Steigerwald-Landschulheim. Er dagegen bot seinen Schülern wie jedes Jahr ein wenig mehr: Mit Schlaf- und Rucksack zog die gesamte Klasse in die Turnhalle ein.

Hier wurde gemeinsam gegessen, gespielt, zwischendurch, damit das Sitzfleisch nicht überstrapaziert wurde, eine „Veneziade“ aus Bewegungsspielen bestritten und ganz nebenbei der Vorlesewettbewerb ausgetragen. Sogar eine Fackelwanderung war geplant, die allerdings dem regnerischen Wetter zum Opfer fiel. Kalt und nass und dunkel, wie es draußen war, blieben alle gerne drinnen und lauschten lieber länger den Geschichten.

Der Lesewettbewerb geriet zum gemütlichen abendlichen Vorlesen aller für alle. Das Publikum lauschte aufmerksam, in Decken und Kissen gekuschelt, im Rudel auf dicksten Turnmatten ruhend. Und es durfte auch voten: Jeder erhielt fünf Karten mit den Punktewertungen von eins bis fünf. Je eine davon durfte er hochhalten für jeden Vorleser. Lehrer Godron zählte die Punkte zusammen, errechnete den Mittelwert und sprach ihn abschließend in der Erwachsenen-Jury durch, die aus seiner Kollegin Veronika Finkel und der Autorin dieses Artikels bestand. Immer wieder stellten die Jury dabei fest, wie sachlich und sicher die Schüler werteten: Ihre Einschätzung stimmte Runde um Runde mit derjenigen der Jury überein. Die gut gemeinte pädagogische Ermahnung, für die besten Leser zu stimmen, nicht für die besten Freunde, erwies sich als überflüssig; das junge Publikum war fachkundig.

Gelesen wurde in Dreier- und Vierergruppen, so dass die Zuhörer jeweils nach wenigen Lesenden abstimmen dürfen. Die Gruppen selbst sind gelost worden. „Wir wollten auch da nicht eingreifen“, erklärt Godron, „etwa die starken Leser auf die Gruppen verteilen. Wir haben es dem Losglück und den Schülern überlassen.“

Die haben etwas sehr Gutes daraus gemacht. Sie blieben etwas länger als drei Stunden ganz Ohr jedes Mal, wenn einer der ihren vorging zu dem liebevoll geschmückten Pult, um dort seinen Auftritt zu absolvieren. Die Decken-Beleuchtung war ausgeschaltet, so mancher lag lang und hatte die Augen geschlossen, die Hände um das eigene Lieblingsbuch gelegt, mit dem er selbst bald antreten würde.

Im schummrigen Licht der kleinen Leselampe gewannen die Texte noch an Magie. Die Auswahl war groß und bunt: Die – nur vier – Jungs der Klasse hatten sich mehrheitlich für „Crime und Action“ entschieden. Auch Aliens spielten eine Rolle. Und der Humor. Der kam auch bei den 14 Mädchen nicht zu knapp. Alle wählten sie für ihren wenige Minuten dauernden Vortrag Passagen voller Pointen oder Spannung aus. Da kämpften Halbgötter mit Zyklopen, wurden Elmsfeuer-Flammen zu lebendigen Wesen, entdeckten Ritter auf mitternächtlicher Queste ermordete Boten im Gebüsch oder beschworen Zauberer seltsam sachliche Zauberwesen herauf. Andere lasen von Kindern, die ihre Nachbarn ausspionierten, von denen sie befürchteten, sie könnten ein Verbrechen begangen haben. Man hörte von gefährlichen Kaninchen, gewitzten Schildkröten und von Teufeln, die für das Böse unbegabt sind.

Letzterer ist ein Held des Jugendbuchautors Jochen Till, der in der Vorwoche an der Schule zu Gast war und bei „Wein und Kerzenschein“ auf vor den Erwachsenen auftrat. Offenbar hatte er in den Klassen Fans gefunden. Sein Buch „Luzifer junior- zu gut für die Hölle“ hatte er gewidmet und als Preis für den Sieger des Wettbewerbs dagelassen.

Jeder Vorleser begann mit einer kurzen Vorstellung des Buches, aus dem er lesen wollte : Titel, Autor, Inhalt und eine Beschreibung der Stelle, an der er in die Handlung einstieg. Manche gingen dabei ganz professionell vor, hielten einen perfekten kleinen Vortrag und sorgten gekonnt dafür, dass man gespannt sein durfte. Nicht wenige sagten die magischen Worte: „Ich möchte euch aus meinem Lieblingsbuch vorlesen.“

Denn es gibt sie noch, die Lieblingsbücher, auch in Zeiten von sozialen Medien und Internet. Und es gibt Kinder, die sich mitten im Getümmel in ihre Fantasie-Welt vertieften – während andere tobten. Und auch als die Erwachsenen, zu später Stunde ihrerseits aus ihren Lieblingsbüchern vortrugen, lauschten sie, müder und ruhiger geworden, teils mit schlafroten Wangen. „Wollt ihr noch ein Kapitel hören?“ Sie wollten.

Am nächsten Morgen erst traten die fünf Gruppensieger gegeneinander an. Und die Siegerin der 6b, Emilia Palotz, setzte sich auch im Finale durch, vor einer um den stellvertretenden Schulleiter Achim Höfle erweiterten Jury. Sie siegte so deutlich, wie sie sich schon am Vorabend in der Gruppe durchgesetzt hatte und wird jetzt im Kreisentscheid des Landkreises Kitzingen antreten.

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