Laden...
KITZINGEN

Eine knifflige Situation

Wegen der Corona:-Krise rücken Familien zwangsweise enger zusammen. Pläne, Gespräche und Rückzugsmöglichkeiten helfen, Konflikte zu vermeiden.
Artikel drucken Artikel einbetten
So manche Familie hat in den letzten Tagen die Würfel aus der hintersten Ecke des Schrankes hervorgeholt, um mit den Kindern zu spielen. Gute Stimmung ohne Streit – das ist derzeit gar nicht so einfach, wenn daheim alle aufeinander sitzen. Um die „knifflige“ Situation zu bewältigen, braucht es Ideen, einen Plan, Gespräche, Rückzugsgebiete und trotz der Ausgangsbeschränkung genügend Bewegung. Foto: Foto: Daniela Röllinger
+1 Bild

Kein Kindergarten, keine Schule, keine Fahrt zur Arbeit, kein Training, kein Treffen mit Freunden: Covid-19 ändert unseren Alltag. Doch wer jegliche Struktur aufgibt, erhöht das Konfliktpotenzial in der Familie, sagt Andreas Laurien. Um Streit zu vermeiden, rät der Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Kitzingen zu einer guten Planung. Und dazu, manche Regel zu überdenken. Die Ausgangsbeschränkung wurde von oben verordnet: Damit die Zahl der Erkrankungen mit dem Coronavirus nicht schlagartig ins Unermessliche steigt, dürfen die Menschen derzeit nur unter bestimmten Voraussetzungen aus dem Haus. Es ist kein Einzelschicksal, daheim zu sitzen, die Regelung betrifft alle. Das macht es den Menschen leichter, die Situation zu akzeptieren, weiß Andreas Laurien aus vielen Gesprächen. „Jeder will seinen Beitrag leisten, das Virus einzudämmen.“ Seit etwas mehr als einer Woche sitzen viele Familien in erster Linie zuhause, oft rund um die Uhr, eng aufeinander. Da ist Streit programmiert. Wer vorbeugen will, sollte dem Tag Struktur geben, auch wenn man nicht pünktlich zum Bus oder ins Büro muss. Das hilft zum einen, Lernzeiten für die Schule oder Arbeitszeit für das Homeoffice besser einzuhalten. Der Diplom-Psychologe rät aber auch dazu, sich zusammenzusetzen und gemeinsam mit den Kindern eine Liste zu erstellen mit den Aufgaben, die darüber hinaus anfallen, zum Beispiel im Haushalt. „Am besten ist es, den Plan auch gleich zu visualisieren, gemeinsam zu gestalten und aufzuhängen.“ Einfach überstülpen sollte man den Kindern die Aufgaben nicht: Sie sollten bei der Verteilung mitreden dürfen. Laurien, selbst Vater, hat diese Aufgaben zuhause zudem mit Belohnungen verbunden. „Das können Aktivitäten sein, die man gemeinsam macht, die Kinder dürfen einen bestimmten Film schauen, bekommen ein Eis oder dürfen ein Spiel aussuchen.“

Gerade jetzt müssten Eltern sich Zeit für ihre Kinder nehmen, was bei Homeoffice oder Arbeit sicherlich nicht immer einfach sei. Lauriens' Vorschläge: Gemeinsam spielen, basteln, kochen, backen, Geschichten schreiben, Briefe schreiben, Bilder malen. Man kann das Fahrrad putzen, Jugendliche können Dinge reparieren, die kaputt sind. „Stellen Sie Ihrem Teenager ruhig mal den Werkzeugkoffer hin.“ Auch ein Blick ins Internet hilft, dort finden sich jetzt viele Beschäftigungstipps und Anleitungen. Zu beachten ist dabei, welche Bedürfnisse die Familienangehörigen haben. Bei Kindern zum Beispiel ist der Bewegungsdrang groß. Also raus, gemeinsam bewegen, Radfahren, balancieren, Spazieren gehen. Und vielleicht auch Regeln, die bislang galten, überdenken und ausnahmsweise doch das Fußballspielen im Garten oder das Turnen im Zimmer erlauben – schließlich lässt sich die Matratze ganz leicht aus dem Bettgestell heben und auf dem Boden platzieren. Auch für Erwachsene ist es wichtig, sich ausreichend zu bewegen.

„Wir wissen nicht, wie sich die Corona-Situation entwickelt”, gibt Andreas Laurien zu bedenken. „In solchen Situationen springt unser Stress-System an.“ Das Hormon Cortisol wird ausgeschüttet. Um es wieder abzubauen, ist körperliche Aktivität nötig. Die Treppen hoch- und runterlaufen sei ein gutes Mittel, oder auch Plank-Übungen: am Boden auf die Unterarme stützen, die Beine strecken, Knie anheben und möglichst lange in dieser Position ausharren. Auch im Fernsehen und Internet gebe es jetzt vermehrt Anleitungen für sportliche Übungen, die sich sehr gut nutzen lassen und so dem Wohlbefinden und der Gesundheit dienen – und dem Stressabbau. Sitzen alle zuhause aufeinander, droht der Lagerkoller. Rückzugsräume sind da von besonderer Bedeutung: Kinder können in ihr Zimmer gehen, der Vater vielleicht in die Werkstatt, die Mutter das bisherige Bügelzimmer oder einen anderen Raum als Rückzugsraum umnutzen und sich dort beschäftigen. Dabei gilt es Regeln zu beachten: „Man platzt zum Beispiel nicht einfach ins Zimmer“, so Laurien, „nicht bei den Erwachsenen, aber auch nicht bei den Kindern.“ Im familiären Miteinander hilft es, zu überlegen, ob man bestimmte Verhaltensweisen auch im Büro, bei den Kollegen, an den Tag legen würde: Ins Zimmer platzen, Forderungen, Vorwürfe, Anschuldigungen, patziger Ton, Geschrei: All ist im Arbeitsleben ganz selbstverständlich tabu – und das sollte es auch zuhause sein. Gerade in Stresssituationen lohnt es sich, erst mal kurz darüber nachzudenken, wie man reagiert.

Überhaupt ist es bedeutsam, sich mit den eigenen Gefühlen und mit denen der Kinder zu beschäftigen. Wut spielt da eine Rolle, aber auch Hilflosigkeit, Unbehagen, vielleicht Angst. „Eltern müssen gesprächsbereit sein und den Kindern Informationen über die derzeitige Situation vermitteln“, rät der Psychologe. Dazu ist es wichtig, sich erst mal selbst zu informieren und dabei nicht alles zu glauben, was im Internet verbreitet wird. Laurien nennt das Beispiel von Viren auf glatten Oberflächen. Zu lesen war, dass sie sich dort lange halten. Was in den meisten Beiträgen verschwiegen wurde, war, dass sich dort zwar Spuren des Virus nachweisen lassen, er aber nicht mehr infektiös ist.

Informieren ja, weil das zur Bekämpfung eines unguten Gefühls und einer womöglich aufsteigenden Angst entscheidend beiträgt. Aber nicht rund um die Uhr. Nach Meinung des Psychologen reicht es, sich die Informationen beim Robert-Koch-Institut anzusehen und einmal am Tag Nachrichten zu schauen. „24/7 tut nicht gut“, sagt er zum Trend, rund um die Uhr erreichbar zu sein – und das gelte auch für die derzeitige Ausnahmesituation.

In einer solchen sind soziale Kontakte von besonderer Bedeutung. Die sind eingeschränkt, sofern sie über die Familien hinausgehen. Aber sie sind nicht unmöglich. „Wir können uns nicht auf engem Raum begegnen, das ist richtig“, so Laurien, „aber wir können in Kontakt bleiben.“ Über das Telefon, über Social-Media, über Nachrichtendienste, über Skype. Moderne Möglichkeiten, die jetzt überaus nützlich sind. Sich jemanden zum Reden zu suchen, ist besonders wichtig, wenn sich die Situation zuspitzt. Bei Alleinerziehenden, denen die Einnahmen fehlen. Bei Kurzarbeit oder möglichem Jobverlust, der für Existenzängste sorgt. Wenn man merkt, dass man mit der Situation nicht zurechtkommt und vielleicht zu oft beim Alkohol Entspannung sucht. Wenn es zu Gewalt in der Familie kommt. „Bei uns sind die Zahlen der häuslichen Gewalt sowieso schon hoch“, weiß Andreas Laurien. In der jetzigen Situation sei nicht auszuschließen, dass die Zahlen noch deutlich steigen – wie es in Italien und China schon der Fall ist. Laurien rät Betroffenen, aber auch allen anderen, die jetzt Unterstützung brauchen oder Gesprächsbedarf haben, unbedingt die vorhandenen Hilfsangebote (siehe Infokasten) zu nutzen. „Suchen Sie das Gespräch!“

Beratungsangebote

Hilfe: Beratungsstellen, Kirchen, Sozialdienste und Organisationen bieten umfassende Gesprächsangebote an und bitten alle, sich bei Gesprächsbedarf zu melden. Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene von Caritas und Diakonie in Kitzingen ist von Montag bis Donnerstag, 9 bis 12 und 14 bis 16 Uhr, und am Freitag von 9 bis 12 Uhr unter Tel. 09321/7817 zu erreichen.

Sollte es zu Gewalt in der Familie kommen – dazu gehört auch verbale Gewalt oder Unterdrückung – sind folgende Ansprechpartner für Sie da: Hilfetelefon: www.hilfetelefon.de, Tel. 08000116016; Nummer gegen Kummer: www.nummergegenkummer.de, Kinder- und Jugendtelefon 0800116111, Elterntelefon 08001110550; Frauennotruf Wildwasser Würzburg, Tel. 0931/13287, die Frauenhäuser Würzburg der AWO, Tel. 0931/619810, und des Sozialdienstes katholischer Frauen, Tel. 0931/4500777.

Corona den Kindern erklärt: DIe Aetas Kinderstiftung bietet Handreichungen zum Umgang mit Corona und hilft dabei, den Kindern die derzeitige Situation altersgerecht zu erklären www.aetas-kinderstiftung.de

Verwandte Artikel