KITZINGEN

Ein Amt blüht auf

Das Umweltministerium in München lobt eine neue Auszeichnung aus. Bei der Premiere kommt nur ein Betrieb aus Unterfranken.
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Freude über die Auszeichnung: Gerd Düll (rechts) mit dem ehemaligen Mitarbeiter Rudolf Sattes und Mitarbeiterin Jessica Schwittek bei der Übergabe der Urkunde in Augsburg. Foto: Foto: AELF
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Den einen gefällt es weniger. Den anderen dafür umso mehr. Maria Lutz, Nikolai Kendzia und Gerd Düll gehören zu den anderen – und damit zu einer wachsenden Mehrheit, die die Biodiversität im Freistaat Stück für Stück voranbringt. Das Bayerische Umweltministerium will diese Entwicklung unterstützen. Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Kitzingen ist Anfang letzter Woche als „Blühender Betrieb“ ausgezeichnet worden.

„Wir waren der Zeit schon ein Stück voraus.“
Nikolai Kendzia, Abteilungsleiter Gartenbau

Neben dem Landratsamt in Regensburg ist das AELF die einzige Behörde im Freistaat, die sich ein entsprechendes Schild an den Hauseingang hängen darf – und der einzige Betrieb in ganz Unterfranken. Entsprechend stolz sind Behördenleiter Düll und seine beiden Mitarbeiter. Vor fünf Jahren haben die ersten „Umbauten“ in Richtung Biodiversität begonnen. Damals war von einem Wettbewerb des Umweltministeriums noch keine Rede. „Wir waren der Zeit schon ein Stück voraus“, sagt der Abteilungsleiter Gartenbau, Nikolai Kendzia, nicht ohne Stolz. Rund 4000 Quadratmeter umfassen die Außenanlagen rund um das Amt in der Mainbernheimer Straße in Kitzingen. Gerd Düll wollte schon 2014 den Pflanzen- und Artenreichtum erhöhen. Seltener mähen, die Pflanzen länger blühen lassen, neue Sorten aussähen, die Pflege extensivieren. So fing es an. In Kendzia und der Fachberaterin Zierpflanzenbau, Maria Lutz, fand er begeisterte Unterstützer. „Aber natürlich gab es auch Skeptiker“, erinnert sich der Behördenleiter. Also startete er eine Umfrage. Die anonym gehaltene Befragung der 98 Mitarbeiter brachte das erhoffte Ergebnis. Zwar waren manche Mitarbeiter mit den Veränderungen unzufrieden, wollten die Flächen lieber weiterhin „sauber“ gehalten wissen. Der Mehrheit gefiel jedoch die Veränderung. „Also konnten wir unser Konzept und unsere Ideen weiter umsetzen“, erinnert sich Düll und freut sich besonders, dass sich viele Mitarbeiter aktiv mit einbrachten, als es darum ging, das Außengelände weiter in Richtung Biodiversität zu entwickeln. Ob Steine für die Trockenmauer, ein alter Birnbaumstamm als Totholz für Insekten oder Materialien fürs Insektenhotel: Viele Mitarbeiter brachten ihre Utensilien von daheim mit und legten selbst Hand an – beispielsweise beim Ausheben eines Lochs für den Biotop-Teich. Rund 5000 Euro hat das Projekt „Blühender Betrieb“ das Amt gekostet. 3000 Euro kommen aus dem eigenen Haushalt, den Rest haben die Mitarbeiter gespendet. Als das Umweltministerium im letzten Jahr den Wettbewerb „Blühender Betrieb“ ins Leben rief, war das Kitzinger Amt für eine Teilnahme mehr als gewappnet. „Die Mindestkriterien konnten wir leicht erfüllen“, sagt Maria Lutz, die die notwendigen Formulare ausfüllte und schon bald die Nachricht erhielt: Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen gehört zu den Ausgezeichneten. Vor einer Woche wurden Urkunde und Plakette in Augsburg übergeben. Insgesamt 15 Betriebe – vom Audi Werk über einen Zweckverband Hafen bis hin zur Landbäckerei – wurden prämiert. Die Initiative soll fortgeführt werden.

„Jeder Betrieb in Bayern kann sich anmelden“
Maria Lutz, Organisatorin im Amt

Gerd Düll und seine Mitarbeiter können alle Behörden und Betriebe in Unterfranken zur Teilnahme nur animieren. Die Arbeit der letzten fünf Jahre habe sich gelohnt. Die größere Pflanzenvielfalt rund um das Amt ist für jeden sichtbar, etliche Erdbienen sind gesichtet worden, sogar ein Feldhase hoppelt über die Außenflächen. „Und das Insektenhotel ist auch gut belegt“, freut sich Kendzia. Bei den Mitarbeitern habe das Projekt mittlerweile eine hohe Akzeptanz. Auch Besucher würden immer wieder einen Blick zum Biotop oder zum begrünten Dach des Insektenhotels werfen. Als „Blühender Betrieb“ sei das Amt auf der Höhe der Zeit. „Seit dem Volksbegehren Artenvielfalt sind die Anfragen in Richtung Biodiversität auch bei uns im Haus gestiegen“, sagt Kendzia, der das Umdenken in der Gesellschaft ausdrücklich begrüßt. Auch immer mehr Winzer wollen wissen, wie sie Randstreifen an ihren Weinbergen in Blühstreifen umwandeln können. Jetzt hoffen die drei auf möglichst viele Nachahmer, auf Betriebe und Behörden, die sich ebenfalls um die Artenvielfalt auf ihren Flächen kümmern. „Jeder Betrieb in Bayern kann sich anmelden“, erklärt Maria Lutz. Vom Industrieunternehmen über den Handwerker bis hin zum Gärtner oder Landwirt. Im Rahmen eines Pilotprojektes erhalten 70 Betriebe vom Umweltministerium derzeit noch eine kostenlose gartenbauliche Erstberatung zu Pflanzen, Bodenvorbereitung und Pflege.

Weitere Infos: www.bluehpakt.bayern.de

Mindestkriterien

Um „Blühender Betrieb“ zu werden, müssen Betriebe folgende Mindestkriterien erfüllen:

In Summe müssen mindestens 20 Prozent der Freiflächen des Firmengeländes als naturnahe Blühflächen gestaltet sein. Begrünte Dachflächen werden zur naturnah gestalteten Freilandfläche dazugerechnet!

Keine flächige Verwendung chemischer Pflanzenschutzmittel

Bereiche der Blühflächen bleiben über den Winter ungemäht stehen (Erhalt von Fortpflanzungs- und Überwinterungsstätten für Insekten). Kein Einsatz torfhaltiger Substrate bei der Gestaltung und Pflege von Freiflächen.

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