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DETTELBACH

Dilemma im Kuhstall

Ein Ende der Anbindehaltung wäre zugleich das Ende für kleinere Betriebe
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Stolzes Frankenvieh – aber wie lange noch? Die urfränkische Rasse macht nur noch 1,3 Prozent aller Rinder in Franken aus. Wenn die Anbindehaltung verboten wird, sieht es noch düsterer fürs Überleben der Gelben aus. Foto: Foto (Archiv): Karlheinz Kolb
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DETTELBACH/ FRANKEN „Die heile Welt gibt es nicht mehr.“ Simon R. (Name geändert) hat gerade den Worten von Lothar Ehehalt und Albrecht Strotz gelauscht. Sowohl der Vorsitzende des Rinderzuchtverbandes Franken als auch der Zuchtleiter haben in der Jahreshauptversammlung des RZV und des unterfränkischen Milcherzeugerrings keinen Hehl daraus gemacht, dass der Strukturwandel weitergehen und sich sogar beschleunigen werde. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe sinkt seit den 80er Jahren kontinuierlich.

Gab es vor vier Jahrzehnten noch über 2000 Milcherzeuger in Franken, sind es mittlerweile noch 433 Betriebe mit insgesamt knapp 24.000 Kühen. Kleinere Höfe geben auf, nur Großbetriebe mit automatisierten Ställen überleben. Warum das so ist – in einer Zeit, in der Rückbesinnung auf alte Werte und familiengeführte Unternehmen doch eigentlich im Trend liegt?

Landwirt Simon R. aus der Nähe von Kitzingen hat 80 Tiere in seinem Stall stehen. Die Milch hat der Bauer bisher an eine Molkerei in der Nähe geliefert. Doch diese hat den Vertrag vor kurzem überraschend gekündigt. Simon R. und die Milcherzeugergemeinschaft Ochsenfurt mussten neue Abnehmer für ihre Milch finden. Das war nicht leicht. Am Ende sind die Konditionen für Simon R. schlechter geworden. Zudem hat die neue Molkerei ihren Sitz bei Schwäbisch Hall. Die Milch wird also schon vor der Verarbeitung stundenlang durch die Gegend gekarrt. Simon R. findet das nicht schön, aber was soll er machen? „Die Molkereien werden von den Großabnehmern, den Discountern, gedrückt. Und die drücken wiederum die Milchlieferanten. Da gibt es kein Entrinnen.“

Die Aussichten für seinen Hof sind nicht rosig. Seit die Anbindehaltung – also das Angebundensein der Kühe im Stall – in Deutschland heftig diskutiert wird und der Bundesrat sich für ein Verbot ausgesprochen hat, sind die Sorgenfalten auf Simon R.s Stirn noch tiefer geworden. Eines nämlich geht nicht: Die Rinder einfach losbinden und gut is‘. „Sie brauchen dann Liege- und Laufflächen und vor allem: Sie kommen ja zum Melken nicht einfach an ihren alten Platz zurück. Man bräuchte also einen automatischen Melkstand.“

Simon R. hat den Platz dafür gar nicht. Außerdem schätzt er, dass Umbau und Erweiterung seines Stalles – je nach Ausbauart – zwischen ein und zwei Millionen Euro kosten würden. Woher soll er dieses Geld nehmen? Er schüttelt den Kopf. „Das Geld habe ich nicht und ich würde es außerdem im Leben nimmer reinkriegen.“

Stefan Köhler, Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbandes in Unterfranken, kennt die Probleme. „Gerade in Franken gibt es oft beengte Lagen im Ort, wo eine Erweiterung oder der Bau eines Laufstalls gar nicht möglich ist.“ Köhler appelliert an alle Landwirte, sich solidarisch zu zeigen. Die Frage nach Anbinde- oder Laufstallhaltung dürfe nicht den Berufsstand spalten.

Wenn bautechnisch möglich, sei eine Kombinationshaltung freilich das Beste. „Einen Laufhof oder eine Auslaufmöglichkeit schaffen oder die Tiere während der Trockenstehzeit auf die Wiese bringen – das ist oft machbar.“ Ein generelles Verbot der Anbindehaltung aber träfe gerade die kleinen Betriebe – „Betriebe, die kleine Flächen bewirtschaften, welche für Umwelt und Artenvielfalt aber von hoher Bedeutung sind“. Manchmal mache die Politik es sich sehr leicht, findet Köhler. Da werde nicht berücksichtigt, was Entscheidungen für den einzelnen Landwirt bedeuten – und dass Betriebsaufgaben kontraproduktive Folgen für die ganze Gegend und für die Umwelt haben.

Der Appell an alle Landwirte zur Solidarität gelte auch für das Volksbegehren „Rettet die Bienen“. Dessen Ziele seien generell zwar gut gemeint, aber der Weg, wie sie erreicht werden sollen, sei falsch. „Ich habe mich durch das Kleingedruckte gewühlt und mit Erschrecken festgestellt, dass das ein Angriff auf das Eigentum der Landwirte wäre und quasi einer teilweisen Enteignung gleichkäme.“ Mindestens 20 Prozent der Flächen sollen bis 2025 ökologisch bewirtschaftet werden, „aber keiner sagt, wie die Landwirte das finanzieren sollen. Und für den Ökomarkt wäre das auch fatal. Die Preise für Ökoprodukte fallen ja jetzt schon.“

Simon R. hört reglos zu. Natürlich ist das Wohl seiner Tiere und der Umwelt ihm wichtig. Aber die Probleme, mit denen er und seine Berufsgenossen zu kämpfen haben, sind vielschichtiger als der Otto-Normal-Verbraucher ahnt. Die extreme Trockenjahr 2018 hat unter anderem dazu geführt, dass es wenig Grünfutter gab und damit auch wenig Silofutter eingelagert werden konnte. Die besondere Hitze im vergangenen Jahr hat den Tieren in den Ställen außerdem zu schaffen gemacht. RZV-Vorsitzender Lothar Ehehalt formulierte es so: „Abhilfe in Hitzesommern, Stall-Lüftungen und so weiter – das alles wird noch Thema sein.“ Simon R. weiß: Kostengünstig und leicht umsetzbar ist keine Maßnahme gegen Trockenheit und Hitze. Im Gegenteil.

Mit 80 Fleckvieh-Tieren zählt sein Betrieb „eher zu den kleinen“, sagt der Milchbauer. „Über kurz oder lang muss ich wohl aufgeben.“ Was er stattdessen machen wird? Simon R. zuckt mit den Schultern. Er sieht deprimiert aus. „Vielleicht Lkw fahren. Oder so.“

Simon R. ist kein Einzelfall. Zwischen mehreren positiven Meldungen – „wir haben sehr engagierte Jungzüchter und eine top-moderne Vermarktungshalle für Großvieh in Ansbach“ – hat Lothar Ehehalt Bedrückendes zu vermelden. Für Freunde des Frankenviehs zum Beispiel. Gelbvieh, wie die typisch fränkische Rinderrasse auch genannt wird, macht mit 1,3 Prozent (gegenüber 90 Prozent Fleckvieh und 8,7 Prozent Schwarzbunten) nur noch einen sehr geringen Rasse-Anteil aus. „Wenn nun die Anbindehaltung auch noch verboten wird, bedroht das die Rasse zusätzlich“, so Ehehalt.

Sein Ausblick auf die fränkische Milcherzeugung klingt generell ernüchternd: „Viel Bürokratie und immer neue Auflagen bewirken, dass kleine und mittlere Betriebe es immer schwerer haben. Das führt zu immer größeren Ställen – obwohl die doch eigentlich niemand will.“