LANDKREIS KITZINGEN

Die Wildkatze zeigt ihre Krallen

Joachim Schumacher ist sich sicher: Auf jeden Fall hat er sie gesehen. Zwei Stück. Gar nicht weit entfernt von seinem Hochsitz. „Die Bedingungen sind hier auch nahezu ideal“, sagt der Förster. Die Wildkatze ist zurück im Landkreis Kitzingen.
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Fundort: Hier, mitten im Limpurger Forst, hat Joachim Schumacher, Revierleiter von Reupelsdorf, die zwei Wildkatzen gesehen. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Das Tier galt Mitte des 20. Jahrhunderts als ausgerottet. „Die Wildkatze ist damals verteufelt worden“, erklärt Ulrike Geise, Projektkoordinatorin Wildkatze im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Bayern. Erfundene Horrorgeschichten von Wildkatzen, die Rehe und Auerhühner reißen, sorgten dafür, dass sie intensiv bejagt wurden. Die Konsequenz: Ab 1940 war Bayern frei von Wildkatzen.

1984 startete der BUND ein Zucht- und Auswilderungsprogramm. Doch der Erfolg blieb zunächst aus. Erst Jahre später sollte die Wiederansiedlung der Wildkatze im Spessart gelingen. 2004 wurde das Förderprojekt „Rettungsnetz Wildkatze“ gestartet. Aktuelle genetische Untersuchungen zeigen: Die Tiere, die jetzt nachgewiesen werden konnten, stammen aus dieser Wiedereinbürgerung oder sind aus Thüringen beziehungsweise Hessen zugewandert.

„Die Bedingungen sind hier auch nahezu ideal.“
Förster Joachim Schumacher zur Verbreitung der Wildkatze

Schätzungen gehen von rund 7000 Tieren in der Bundesrepublik und 500 bis 700 im Freistaat Bayern aus. „Potenziell ist in allen großen Wäldern im Norden und in der Mitte von Bayern mit der Wildkatze zu rechnen“, sagt Geise. „Unsere aktuellen Erhebungen zeigen, dass augenblicklich auch die Wälder Südbayerns wiedererobert werden.“ Im Landkreis Kitzingen konnte bislang allerdings noch kein Nachweis erbracht werden.

Einige hundert Freiwillige haben sich in den vergangenen Jahren am Projekt „Wildkatzensprung“ beteiligt. Sie haben Lockstöcke mit einer Baldriantinktur präpariert und in den Wäldern ausgebracht. Woche für Woche haben sie die Stöcke während der Paarungszeit, der so genannten Ranz, nach Haaren der Wildkatzen abgesucht. Im Landkreis Kitzingen konnte bislang kein Nachweis erbracht werden. „Obwohl die Wälder gerade im Steigerwald für Wildkatzen sehr geeignet sind“, sagt Geise.

Einen sichtbaren oder gar genetischen Beweis kann auch Joachim Schumacher von den Bayerischen Staatsforsten nicht anführen. Er hat kein Foto geschossen, als er auf dem Hochsitz auf Rehwild wartete und plötzlich die beiden Wildkatzen sah. Er hat keine Haare für einen genetischen Abgleich eingesammelt. Aber er verfügt über das nötige Wissen und die Erfahrung, eine Wildkatze von einer herkömmlichen Hauskatze zu unterscheiden.

Eine wuchtigere Statur, ein Aalstrich auf dem Rücken, ein dickerer Schwanz: Das sind die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen Haus- und Wildkatze. Eine Vermischung kommt entgegen der herkömmlichen Meinung kaum vor. Spaziergänger werden eine Wildkatze mit bloßem Auge nicht zu Gesicht bekommen. Viel zu scheu ist das Tier, zieht sich in seine natürliche Umgebung zurück. Der Limpurger Forst, südlich von Dornheim, bietet beinahe ideale Lebensbedingungen.

Alte Eichen, abgestorbene Äste, stehendes und liegendes Totholz, lichte Zonen und Flächen, die vergrast sind: „In den letzten zehn Jahren hat sich hier einiges getan“, sagt Schumacher. Große Reisighaufen und Baumkronen, die nicht abtransportiert werden, bieten der Wildkatze Unterschlupf. An den Waldsäumen und auf den Wildwiesen findet sie genug Nahrung, vor allem in Form von Mäusen.

Etwa 1000 Hektar zusammenhängender Waldfläche bieten ein ausreichend großes Revier für die Einzelgänger, die sich nur während der „Ranz“ mit einer Gefährtin zusammentun. Die vielen Tümpel und Weiher und nicht zuletzt die drei Wolfseen runden die idealen Bedingungen für die Wildkatze und andere Waldbewohner wie Marder, Iltis oder auch den Fuchs ab.

Als perfektes Biotop bezeichnet der 34-Jährige sein Revier. Schwarzwild und Rehe fühlen sich hier wohl, genauso wie Schmetterlinge und Vögel. Auch eingewanderte Arten wie der Waschbär sind im Limpurger Forst heimisch geworden. Anders als die Wildkatze darf der Waschbär allerdings bejagt werden. „Er kann für die heimische Vogelwelt durchaus gefährlich werden“, erklärt Schumacher. Die Wildkatze ist dagegen besonders geschützt und hat in den letzten Jahren einen Imagewandel hinbekommen. „Als Ureinwohnerin unserer Wälder ist sie eine echte Sympathieträgerin geworden“, freut sich Geise.

„Als Ureinwohnerin unserer Wälder ist sie eine echte Sympathieträgerin geworden.“

Ulrike Geise,

Projektkoordinatorin im BUND

Alleine in Bayern beteiligen sich rund 700 Ehrenamtliche aller Bevölkerungsgruppen am Schutzprojekt – von Schülern bis hin zu Rentnern, von Mitgliedern der Wasserwacht bis hin zu Drachenfliegern. Auch viele Förster und Jäger waren an dem Projekt beteiligt. „Ohne diese riesige Unterstützung wäre es sicher nicht zu stemmen gewesen“, sagt die Projektkoordinatorin Wildkatze in Bayern.

Das Projekt ist längst noch nicht abgelaufen. In zwei bis drei Jahren soll der Freistaat noch einmal durchgescannt werden, Geise erhofft sich dank der fortschreitenden Technologie weiterführende Erkenntnisse. „Wir können jetzt schon jedes einzelne Haar analysieren und damit jedes Tier wiedererkennen“, sagt sie. „Das ist beinahe so wie ein Vaterschaftstest.“ Gut möglich, dass in zwei bis drei Jahren an anderen Stellen im Landkreis Kitzingen nachprüfbare Hinweise auf Wildkatzen gefunden werden. Für Joachim Schumacher ist das nicht wichtig. Er weiß, dass sich die bedrohte Art in seinem Revier längst heimisch fühlt.

Rote Liste: Die Wildkatze gehört zu den besonders geschützten Arten. Auf der Roten Liste der Wirbeltiere wird sie als gefährdet eingestuft. Zudem unterliegt sie nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie europäischen Schutzbestimmungen.

Gefahr Straße: Die häufigste akute Todesursache für Wildkatzen in Deutschland ist der Straßentod. Der BUND kämpft daher dafür, dass Querungshilfen wie Grünbrücken oder Wildtunnel gebaut werden.

Freiwillige: Wer Lockstöcke anbringen und kontrollieren will, kann sich bei Ulrike Geise unter Tel. (09 38 6) 90 161 oder per Email an ulrike.geise@bund-naturschutz.de melden.

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