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Die Suche nach Erntehelfern

Fehlende Arbeitskräfte, geschlossene Gastronomie: Die Spargelsaison startet mit Problemen. Immerhin: Verkaufsstände und Hofläden dürfen öffnen.
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Die Spargelernte in Unterfranken hat begonnen. Viele Betriebe leiden unter dem Einreisestopp für ausländische Erntehelfer. Auf diesem Feld bei Kaltensondheim sind etliche Mitarbeiter am Stechen. Fotos: RALF DIETER Foto: Ralf Dieter
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Die Stimmung? Irgendwo zwischen Hoffnung und Skepsis. Die Spargelsaison 2020 startet unter Vorzeichen, die vor ein paar Wochen noch undenkbar waren. Albertshofen: Auf dem Hof von Jürgen Heilmann wird gedreht. Nichts Neues. Heilmann gehört zu den größten Anbauern in Unterfranken. Fernsehteams kommen immer wieder mal vorbei. Diese Aufnahmen sind anders. „Wir drehen für einen Lehrfilm“, erklärt Dr. Andreas Becker, Leiter Gartenbau am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen.

„Ich habe noch ein paar

Erntehelfer

einfliegen lassen.“

Roland Zieracker, Spargel- und Beerenhof

Dessen Mitarbeiterin, Christine Müller, hatte die Idee. Viele Betriebe sind in Zeiten von Corona auf ungelernte Kräfte angewiesen. Ein Lehrfilm soll deren Anleitung vor Ort erleichtern. Wie wird gestochen? Wie sortiert und verpackt? Zwei Videos a drei bis Minuten sollen ab Mitte nächster Woche online gehen und auf allen möglichen Social-Media-Kanälen abrufbar sein. Ein gut gemeinter Service für die Betriebe. Wie er angenommen wird, lässt sich derzeit nicht vorhersehen. Den Einsatz ungelernter Kräfte sehen die meisten Betriebe skeptisch.

Ganz unterschiedliche Rückmeldungen erhält Andreas Becker in diesen Tagen. Manche Anbauer lassen ihren Spargel einfach durchwachsen, verzichten ganz auf eine Ernte, weil sie nicht genügend Helfer bekommen. Andere haben genug Arbeitskräfte und starten bereits voll durch. „Das sind vor allem die Gemischtbetriebe, die auch andere Gemüsesorten anbauen und ihre Leute früher nach Deutschland geholt haben“, erklärt Becker. Wieder andere suchen derzeit noch nach Erntehelfern.

Etwa die Hälfte seiner Mannschaft hat Jürgen Heilmann an Bord. „Wir haben einen Bus früher losgeschickt“, erzählt er. So konnten noch einige Helfer aus Rumänien nach Deutschland reisen, bevor die Grenzen geschlossen wurden. Die meisten seiner Arbeiter kennt Heilmann seit zehn Jahren und länger. „Die würden alle gerne kommen“, sagt er. „Die brauchen das Geld ja auch.“

Rund 20 Kilometer weiter östlich hat Roland Zieracker etwa ein Drittel seiner Mannschaft beisammen. „Ich habe ein paar Helfer noch einfliegen lassen“, berichtet er. Seit Anfang der Woche läuft die Spargel-Ernte auf dem Spargel- und Beerenhof in Prichsenstadt. In der nächsten Woche soll auch die Erdbeer-Saison starten. Wie er das personell stemmen will? Zieracker hat bei Zeitarbeitsfirmen nachgefragt. Die hätten Personal, aber die Kosten sind ihm zu hoch. Ungelernte Arbeitskräfte will er nicht auf seinen Hof lassen, da fährt er lieber die Erntemenge zurück. „Das ist meine größte Horrorvorstellung“, sagt er. „Dass jemand von außen kommt und das Virus in den Betrieb einführt.“ Für die Helfer, die schon da sind, könne er bürgen. Die sind größtenteils unter sich, Einkäufe werden gruppenweise organisiert und auf dem Feld arbeiten sie mit dem nötigen Sicherheitsabstand.

Jürgen Heilmann sieht das ähnlich. Er hat schon ein paar Anrufe von Menschen bekommen, die auf dem Spargelfeld arbeiten wollen. An und für sich eine erfreuliche Entwicklung. Dennoch ist er skeptisch. Nicht nur aus gesundheitlichen Gründen. „Viele wissen nicht, welche Arbeit da zu leisten ist“, sagt er. Kommt die Sonne raus, wird zehn Stunden gearbeitet, ist es zu kalt, können es nur vier Stunden sein. „Der Spargel kennt auch keinen Samstag und Sonntag“, betont er.

Will heißen: Wer anpacken will, muss flexibel und tatkräftig sein. Bei Heilmann hat sich beispielsweise eine Frau gemeldet, die drei Stunden in der Woche Zeit hätte. „Das bringt mir gar nichts.“ Sein Lösungsansatz: Die willigen Arbeitskräfte in Rumänien rekrutieren, Flieger chartern, Corona-Test durchführen.

„Viele wissen nicht, welche Arbeit da zu leisten ist.“

Jürgen Heilmann

über die Spargelernte

Wer gesund ist, darf kommen und wird auf die Betriebe aufgeteilt. Dort seien Kontakte zu Menschen außerhalb der Erntegruppen so gut wie ausgeschlossen.

Der Einreisestopp für Erntehelfer, den die Bundesregierung am Mittwoch beschlossen hat, sei zu hart, kritisiert er. Ähnlich sieht das Roland Zieracker. „Erst passiert lange nichts und dann kommt der Shutdown innerhalb weniger Stunden.“ Der Deutsche Bauernverband fordert, dass der Einreisestopp so kurz wie möglich gehalten wird. In ganz Deutschland sind nach dessen Angaben jährlich rund 300.000 Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft beschäftigt. Sie kommen überwiegend aus Osteuropa.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner räumte in einer Pressekonferenz ein, dass es bei manchen Waren im Lauf des Jahres Engpässe geben wird. Das Frühjahr ist nicht nur die Zeit der Spargelernte. Jetzt werden auch viele Gemüsesorten ausgesät. Etwa 30.000 zusätzliche Arbeitskräfte würden deshalb im März gebraucht, so Klöckner. Im Mai sogar 80.000.

„Ohne die Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa geht gar nichts“, bestätigt Kai Fuchs, Geschäftsführer der Gartenbauzentrale Main-Donau e.G. in Albertshofen. Er macht sich deshalb auch nicht nur um den Spargel Sorgen, sondern denkt auch an Sorten wie Rhabarber, Gurken oder Zucchini, die in den kommende Wochen gesät werden müssten. „Wer kann so einen Job schon machen?“, fragt er und ergänzt: „So etwas muss man mögen und vor allem können.“ Die Helfer aus Rumänien und anderen osteuropäischen Staaten müssen nicht groß eingelernt werden. Etwaige Hilfskräfte aus Deutschland schon.

Vielleicht hilft ja der Lehrfilm, der gerade in Albertshofen entsteht. Zumindest beim Spargel. Roland Zieracker setzt lieber auf eine politische Lösung. Er hofft, dass die Einreisestopps für Saisonarbeitskräfte möglichst bald wieder aufgehoben werden. „Mitte April sollte wieder so etwas wie Normalität in diesem Land einkehren.“

Verkauf: Die Spargelsaison läuft in Unterfranken in diesen Tagen an. Der Verkauf ab Hof ist erlaubt, auch die Verkaufswagen und -stände an Straßen dürfen öffnen. Im Lebensmitteleinzelhandel wird Spargel aus Franken ebenfalls zu finden sein. Einzig die Gastronomie fällt derzeit als Abnehmer aus.

Wer seine Hilfe anbieten will, kann sich auf der Internetplattform www.daslandhilft.de informieren.