KITZINGEN

Sie haben die Geschichte live erlebt

Glockensturz, Liebesprämie, evangelische Bratwürste: Zwei Kitzinger Stadtführer wissen alles
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1969 sah der Marktplatz noch etwas anders aus. Für den Autoverkehr wurde er erst viel später gesperrt. Foto: Foto: Stadtarchiv/ Doris Badel
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Was die beiden alles wissen! Und wie spannend sie es erzählen! Wären Lotte Kern und Reinhold Wagner Bücher, dann wären sie Kitzinger Bestseller. Die 81-Jährige und ihr zwei Jahre jüngerer Stadtführer-Kollege verfügen über einen riesigen Schatz an Lebenserfahrung und Wissen rund um Kitzingen. Als Kinder haben sie den Turm des Deusterschlosses mit seinen Geräten zur Sternen-Beobachtung erkundet und sie haben live den Sturz der St. Hedwig-Glocke miterlebt. Nachdem sie den Charme Kitzingens mehr Gästen vermittelt haben als die Stadt Einwohner hat, sagen Lotte Kern und Reinhold Wagner dem Stadtführer-Leben nun Ade.

Reinhold Wagners Markenzeichen ist sein schelmisches Grinsen. „Ich führ' doch keinen Trauerzug an!“, konstatiert der fidele Kitzinger, der schon als Bayerischer Senioren-Doppel-Tischtennismeister für Furore gesorgt hat. „Viele Gäste haben ja schon zig Führungen anderswo hinter sich – auch grausam langweilige“, stellt der frühere Versicherungsmakler, Klavierstimmer und Organist fest. „Deswegen sollten unsere Stadt- und Kirchenführungen anders sein.“

Der 79-Jährige erzählte seinem Publikum gern „G'schichtli, die nicht so bekannt sind“. Die mündlich überlieferte Marktturm-Story zum Beispiel. Im Turm soll es, sagt Wagner, einen Raum gegeben haben, der so niedrig gewesen sei, dass man darin weder stehen noch sitzen konnte. „Da sind die Weiber, die ihre Männer grün und blau geschlagen haben, 'therapiert' worden.“

Lotte Kern lacht. Die Erinnerungen der dreifachen Mutter sind mit Bildern beweisbar: „Als ich klein war, haben wir oft im Deusterschloss gespielt. Nach dem Krieg ist der weiße Marmoraufgang mit Schutt aufgefüllt und zum Ziegenstall umfunktioniert worden. Nur die Lenze-Oma hat in dem zerbombten Schloss noch einen Raum zum Leben gefunden.“ Auch der 19. Mai 1962 hat sich ins Gedächtnis der Kitzingerin, die einem alteingesessenen Textilgeschäft entstammt, eingebrannt. Es war der Tag, an dem die Nachfolgerin der im Krieg eingeschmolzenen St.-Hedwig-Glocke feierlich in den Turm der evangelischen Stadtkirche gehoben werden sollte. Als ein Stahlträger die Last nicht mehr halten konnte, fiel die Glocke zu Boden, zum Glück ohne jemanden zu verletzen. „Der Glockensturz hat Kitzingen überall in die Medien gebracht.“

Als Lotte Kern ein junges Mädchen war, gab es in der Stadt noch Läden, in denen nach Konfession eingekauft wurde, berichtet die 81-Jährige. Reinhold Wagner fügt hinzu: „Es gibt ja sogar heute noch evangelische und katholische Bratwürste. Die evangelischen sind mit Majoran gewürzt!“

Schlimmer, als die „falsche“ Bratwurst zu essen, sei es früher jedoch gewesen, eine Freundin mit der „falschen“ Konfession zu haben. „Ich war mal mit einer Katholikin zusammen. Damals hatte ich eine unwahrscheinliche Angst vor dem Pfarrer...“

Wer schnappt die Erfolgsprämie?

Wagner berichtet aber nicht nur von Vergangenem. Er macht auch Lust auf die Zukunft. Zum Beispiel, wenn er die „Erfolgsprämie“ ins Spiel bringt. „600 Euro gibt es für das erste Paar, das sich Städtepartnerschafts-intern bildet und heiratet.“ Seit über 30 Jahren warte Kitzingen darauf, dass jemand die „Beute erlegt“.

Dass er überhaupt Stadtführer geworden ist, verdankt der vierfache Vater seiner Enkelin Laura. Die hatte ihren Opa und sich selbst Ende der 80er Jahre zu einem Stadtfest-Quiz angemeldet. „Ich hab' dafür gelernt, wie ein Weltmeister. Jede Jahreszahl hab' ich über Kitzingen gewusst.“ Doch dann wurde dieses Wissen gar nicht verlangt, sondern es gab nur eine völlig banale Zähl-Aufgabe. „So eine Riesenlumperei! Alles Gauner“, hab' ich danach zum Walter Vierrether und zum Franz Böhm gesagt, jedes Mal wieder, wenn ich ihnen in der Stadt begegnet bin.“ Daraufhin habe es geheißen: „Herrje, dann werd' halt Stadtführer, wenn Du jetzt eh so viel weißt!“ Gute Idee, dachte sich Reinhold Wagner. Um die 6000 Gäste hat er mittlerweile in über zehn Jahren durch die Stadt geführt.

Mindestens 15 000 Besuchern hat Lotte Kern Kitzingens schönste Ecken gezeigt. Sie hatte 1988 „spontan den Finger gehoben“, als es darum gegangen war, wer nach einem entsprechenden Lehrgang Stadtführer werden möchte.

Keiner der beiden hat die Entscheidung je bereut, auch wenn zwischendurch mal stressige Gruppen dabei waren. Jugendliche zum Beispiel, die gar keinen „Bock“ auf eine Führung hatten. „Mit Trick 17 hat man die dann aber auch gekriegt; zum Beispiel hab' ich manchmal ein kleines Gewinnspiel veranstaltet“, erzählt Lotte Kern. Sie ist ihrem Ehemann genauso dankbar wie Reinhold Wagner seiner Ehefrau. Beide haben „ihre“ Stadtführer stets unterstützt. „Und da sind etliche Wochenstunden draufgegangen“, analysiert Wagner, der aus einer Hohenfelder Bäckerei stammt.

Was den Stadtkundigen besonders in Erinnerung bleiben wird? „Ich war mal mit Leuten und einem weißen Hund am Weinwanderweg unterwegs“, erzählt Lotte Kern grinsend. „Plötzlich war das Hündchen weg! War es in den Teich gefallen? Da tauchte ein grasgrünes Zottelwesen auf – der Hund, komplett voller Wasserlinsen.“ Neben vielen lustigen Erlebnissen nimmt Reinhold Wagner die Erfahrung mit in den (Un-)Ruhestand, „dass Kitzingen den meisten Gästen unheimlich gut gefällt. Einziger offener Wunsch ist ein Weingarten am Main, aber der könnte sich ja bald erfüllen.“

Wie Lotte Kern, die sich verstärkt ihrem Garten, der fünfjährigen Urenkelin und dem Reisen mit ihrem Mann widmen will, findet auch Reinhold Wagner den Zeitpunkt perfekt, sich zurückzuziehen. „Die Tourist-Info hat jüngere Leute, die die Gästeführungen übernehmen können.“ Wagners nächstes Ziel ist auch aufregend: „Ich will deutscher Seniorenmeister im Tischtennis werden!“

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