MÜNSTERSCHWARZACH

Der (Weih)Rauch hat sich gelegt

Allen Schülern geht es gut, auch die Kirchen im Umfeld haben reagiert.
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Pater Jesaja steht an der Krippe in der Abteikirche Münsterschwarzach. Am 22. Dezember mussten acht Jugendliche ärztlich behandelt werden, weil sie den Weihrauch im Abschlussgottesdienst des Egbert-Gymnasiums nicht vertrugen. Die Patres wollen auch weiterhin Weihrauch in ihren Gottesdiensten verwenden. Allerdings nicht mehr in den gleichen Mengen. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Erschreckend war es. Für ihn und für seine Mitbrüder. Jetzt, fast drei Wochen später, kann Pater Jesaja längst wieder das Positive sehen. Niemand ist ernsthaft zu Schaden gekommen. Und aus den Vorfällen haben er und seine Mitbrüder natürlich etwas gelernt.

Rückblick: 22. Dezember, der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien im Egbert-Gymnasium. Schüler, Lehrer, Patres und Eltern wollen einen besonderen Gottesdienst vor den Ferien feiern. In jedem der zwölf Seitenaltäre sind Behälter mit unterschiedlichen Weihrauchharzen aufgestellt. Ministranten holen die Gefäße mit dem aufsteigenden Weihrauch und bringen sie in einer feierlichen Prozession an den Hauptaltar. Einigen Schülern ist da schon etwas mulmig zumute. Wenig später verlassen acht von ihnen die Kirche und wenden sich an den schuleigenen Sanitätsdienst. Der Notfalldienst wird unterrichtet, ein Hubschrauber eingesetzt. Die Polizei kommt.

„Wir hatten die besten Absichten“, sagt Bruder Jesaja. Die Grundidee der Völkerverständigung sollte durch den Gottesdienst symbolisiert werden. Der Weihrauch sollte dabei als Zeichen dienen. „Er macht das Unsichtbare sichtbar, zeugt von der Gegenwart Gottes, die immer da, aber eben nicht immer sichtbar ist“, erklärt Bruder Jesaja. „So wie der Weihrauch von den verschiedenen Herkunftsländern sich sichtbar verbindet, so sollten die Völker zu einer Menschheitsfamilie werden.“ Weihrauchharze aus zwölf verschiedenen Ländern hatte der Sakristan der Abtei deshalb im Großhandel bestellt. „Und natürlich keine Kräutermischungen, wie manche vermutet haben“, sagt Bruder Jesaja und muss ob des Verdachts ein wenig schmunzeln.

„Wir hatten die besten

Absichten.“

Pater Jesaja, Kloster Münsterschwarzach

Die Aufregung hat sich längst gelegt. Das Wichtigste war schon nach wenigen Stunden klar: Allen betroffenen Schülern ging es schon bald nach dem Gottesdienst wieder gut. Keine bleibenden Schäden, keine Langzeitwirkung. Warum es überhaupt zu so einem Vorfall kommen konnte, der überregional für ein großes Medieninteresse sorgte? „Alle acht Jugendlichen waren gesundheitlich vorbelastet“, erklärt Bruder Jesaja. Die meisten haben mit Atemwegserkrankungen zu kämpfen, ein Kind sogar einen Herzschrittmacher. Deshalb auch die höhere Alarmstufe. Deshalb der Einsatz von Rettungswagen und Hubschraubern. Ein Einsatz, der auch für die behandelnden Mediziner nicht alltäglich war.

„So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Dr. Stephan Rapp, Facharzt für Intensiv- und Notfallmedizin an der Klinik Kitzinger Land. Dorthin sind die Patienten am 22. Dezember gebracht worden. Weihrauch sei in der Regel unbedenklich, aus der Forschung wisse man, dass er durchaus auch positive medizinische Effekte haben könne. Ein empfindliches Atmungssystem könne durch ein Übermaß an Weihrauch allerdings gereizt werden. „Das ist ein bisschen so wie früher, in den verrauchten Kneipen“, erklärt der Mediziner. „Oder wie bei bei einer erhöhten Feinstaubbelastung.“

Wer ein empfindliches Atmungssystem hat, der reagiert manchmal gereizt auf zu viel Weihrauch. Weil zwei Patienten besonders empfindlich reagierten, habe man sie vorsorglich über Nacht in der Klinik behalten. Weihnachten konnten alle wieder daheim feiern.

Die Aufregung hat sich gelegt, Polizei und Eltern lobten den besonnenen Einsatz von Schule und Rettungskräften. Die nächsten Adventsfeiern mit den Schülern wird Bruder Jesaja sicher ohne Weihraucheinsatz organisieren. An Sonntagen und an den Hochfesten wie Ostern und Pfingsten wird das Harz vom Weihrauchbaum (Boswelia) in den Gottesdiensten der Mönche weiterhin verwendet werden. Zum Hochfest der Heiligen drei Könige beispielsweise, die der Tradition folgend dem neugeborenen Kind Weihrauch als königliches Geschenk brachten. In einem so genannten Mysterienspiel kommen die drei Weisen oder Magier aus allen drei Teilen der Erde, folgen dem Stern „zum Kind der Liebe“ in der Krippe in Bethlehem und verbinden sich dort symbolisch zu einer „Menschheitsfamilie.“

„So etwas habe ich noch nicht erlebt.“
Dr. Stefan Rapp, Klinik Kitzinger Land

„Weihrauch drückt nun einmal etwas ganz Besonderes aus“, argumentiert Bruder Jesaja. Er steht für die Reinigung, die Verehrung Gottes und für das Gebet. „Weihrauch gilt als ein Zeichen der Gegenwart Gottes“, erklärt der Bruder, der sich in der Abtei unter anderem in der Jugendarbeit engagiert. Der römische Ritus bringe mit der Verwendung von Weihrauch zum Ausdruck, dass der Mensch eine Einheit aus Leib und Seele ist. „Im Weihrauch vereinigen sich alle Völker im Geist Gottes zu einer erfahrbaren Einheit“, sagt Bruder Jesaja. „Alles wird eins.“

Auch im Gottesdienst am 22. Dezember sei eine ganz besondere Atmosphäre spürbar gewesen. „Wenn das Licht durch die Kirchenfenster in den nebelverhangenen Raum fällt, dann wird die Gegenwart Gottes für einen Moment sichtbar“, schwärmt der Pater. Die meisten Gäste hätten auch gar nicht mitbekommen, dass es einigen Kirchgängern schlecht ergangen sei. Dennoch: Die Vielfalt und die Menge an Weihrauch soll in den Gottesdiensten nicht mehr eingesetzt werden. Übrigens nicht nur in Münsterschwarzach. Aus den umliegenden Gemeinden kamen jedenfalls kurz vor Weihnachten einige Rückmeldungen an das Kloster, dass über die Feiertage weniger Weihrauch verwendet werden würde.

Weihrauch

Verwendung: In der Liturgie der lateinischen Kirche wie auch in den katholischen Ostkirchen mit byzantinischem Ritus wird Weihrauch vor allem in der heiligen Messe und in den Laudes und der Vesper des Stundengebets verwendet, außerdem zur Verehrung des Allerheiligsten, etwa bei Prozessionen oder der sakramentalen Andacht. Dabei verrichten zwei Ministranten mit dem Weihrauchfass und dem Weihrauchschiffchen den Dienst.

Gewinnung: Weihrauch ist ein Harz, das aus dem Weihrauchbaum gewonnen wird. Je nach Alter und Größe des Baumes werden drei bis zehn Kilogramm Weihrauch pro Jahr geerntet. Der meiste Weihrauch wird in Somalia geerntet. Der Rest kommt aus dem südlichen Arabien, aus Eritrea, Äthiopien und anderen zentralafrikanischen Ländern.

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