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SCHWEINFURT

Der Runway und ein rollendes „R“

Bei „Germany?s Next Topmodel“ rechnet sich Julia F. aus dem Landkreis Schweinfurt gute Chancen aus – weil sie anders ist.
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Julia F. aus Schweinfurt zeigt sich bei Germany?s Next Topmodel erstmals mit Glatze in der Öffentlichkeit. Foto: Foto: ProSieben/Martin Bauendahl
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Das „R“ rollt sie wunderschön, typisch fränkisch eben. Außerdem fühlt sie sich wunderschön, und das dürfte in den nächsten Tagen und Wochen das Wichtigste für Julia F. sein. Die 20-Jährige hat sich für die neue Staffel von „Germany?s Next Topmodel“ gemeldet – obwohl, oder gerade weil sie an einer Krankheit leidet, die sie von all den anderen Teilnehmerinnen unterscheidet: Julia hat am ganzen Körper keine Haare. „Ich möchte den Zuschauern zeigen, dass man, egal wie man aussieht, schön sein kann“, erklärt sie. „Und dass man sich auch ohne Haare weiblich fühlen kann.“

Die junge Frau aus einem kleinen Dorf im Landkreis Schweinfurt hat lange mit sich gerungen. „Ich habe schon als kleines Mädchen 'Germany?s Next Topmodel' geschaut und schon lange mit dem Gedanken gespielt, mich anzumelden“, erinnert sie sich. „Aber ich habe mich erst dieses Jahr selbstsicher genug gefühlt, um diesen Schritt zu gehen.“

Jurorin Heidi Klum dürfte es freuen: Die Vielfalt spielt inzwischen eine immer wichtigere Rolle bei der Suche nach dem besten deutschen Nachwuchsmodel. „Ich suche nicht nach einem gewissen Typ“, wird die „Modelmama“ in einer Pressemitteilung von ProSieben zitiert. „Allerdings sollte mir die Eine ins Auge springen – durch etwas, das sie von den anderen unterscheidet. Ich freue mich, dieses Mädchen zu finden.“

Hört sich ganz danach an, als hätte Julia gute Chancen, sehr weit zu kommen. Schon bei der ersten, großen Show im Münchner Olympiapark beeindruckte die Fränkin mit ihrem mutigen Auftritt. In ihrem engen, schwarzen Schlauchkleid und mit blonder wallender Mähne lief sie selbstbewusst auf die Jury mit Klum und Designer Julien Mcdonald zu. Am Ende des Catwalks blieb sie stehen, nahm die Hand an die Stirn und zog sich mit einer schwungvollen Bewegung die Perücke vom Kopf. Heidis Reaktion: „Ich finde, Du siehst super aus.“

Das findet auch Julias Freund, mit dem sie seit kurzem zusammen ist – auch wenn er seine Freundin bis zuletzt noch nicht mit Glatze gesehen hatte. „Ich habe sieben unterschiedliche Perücken“, erklärt die Schweinfurterin, die sogar ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau auf Eis gelegt hat. „Ich liebe die Abwechslung und verschiedene Looks“, sagt sie in einem Video. „Am liebsten trage ich aber blond, weil ich als Kind schon blond war und mich auch in der Zukunft schon immer mit blonden Haaren gesehen habe.“ Im Alter von zehn Jahren wurde die Diagnose Alopecia gestellt: eine Immunkrankheit, bei der das Immunsystem permanent gegen die Haare ankämpft. „Wir wussten ja lange nicht, was es ist, was mit mir passiert“, erzählt Julia. „Am Anfang war das schon hart für mich.“

Inzwischen hat Julia ihre Krankheit akzeptiert und kann selbstsicher damit umgehen. „Das hat viel mit meiner inneren Einstellung zu tun.“ Und mit ihrer Familie. „Ich hätte dieses Selbstbewusstsein nie erlangt ohne meine Familie und meine Freunde.“So viel Unterstützung geht unter die Haut – auch im wörtlichen Sinne. Der Name ihrer Schwester Alicia und das Geburtsdatum ihrer Mama sind als Tattoos auf ihrem Körper zu finden. „Para siempre“ (spanisch für „Für immer“) soll zudem die Verbindung mit Julias bester Freundin halten. Und am Ellenbogen steht das Wort „Karma“ („Ich glaube fest daran, dass, wenn man Gutes tut, einem auch Gutes widerfährt“). Eine wichtige Bedeutung haben aber auch die drei weiteren Tattoos: Ihrem Geburtsmonat Mai hat sie die Pfingstrosen und den Mond am Arm gewidmet. Die Lotusblume am Oberschenkel sieht sie als Mutmacher, aus dem Dunkel und „dem Schlamm, in dem sie wächst, in die Welt hinaus zu blühen.“ Und zuletzt steht auf ihrem Unterarm: „If you are lucky enough to be different, don't ever change". Was so viel heißt wie: Sei froh, dass Du anders bist und bleib auch so!

Für ihre Teilnahme bei Germany?s Next Topmodel könnte das Julias Leitspruch werden. „Durch meinen Look bin ich etwas außergewöhnlicher und habe vielleicht ganz gute Chancen.“ Sollte Heidi Klum das auch so sehen, stehen der Schweinfurterin spannende Tage und Wochen bevor. Und das fränkische „R“ wird noch öfter aus dem Fernseher rollen.

Vielfalt bei GNTM

Alopecia ist eine Form des entzündlichen Haarausfalls. Die Ursachen sind weitgehend unerforscht, obwohl über 1,5 Millionen Menschen der deutschen Bevölkerung in unterschiedlichen Formen betroffen sind. Typisch für die Alopecia Areata sind die kreisrund ausfallenden Haare des Patienten. Das geschieht in 80 Prozent der Fälle im Kopfbereich, kann aber im Bart- und im Bereich der Körperbehaarung auftreten. Man spricht von einer Alopecia Totalis, wenn alle Kopfhaare ausgefallen sind und von einer Alopecia Universalis, wenn die Körperbehaarung mitbetroffen ist (wie bei Julia F.; Quelle: www.kreisrunderhaarausfall.de)

Germany?s Next Topmodel geht 2020 in die 15. Runde. Mit dabei sind neben Heidi Klum die 28 Anwärterinnen auf den Titel sowie prominente Gastjuroren aus Film, Fernsehen und Modebranche. Die Sendung wird immer donnerstags um 20.15 Uhr auf ProSieben ausgestrahlt, mehr Info gibt es unter www.prosieben.de

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