KITZINGEN

Der Pieks, der Leben retten kann

Impfbuchkontrolle bei den Sechsklässlern zeigt: Die Durchimpfungsquote im Landkreis ist gut. Eine regelmäßige Auffrischung ist auch für Erwachsene wichtig.
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Wer sollte wann geimpft werden? Dr. Wolfgang Lau vom Kitzinger Gesundheitsamt mit dem Impfkalender nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts. Foto: Foto: Daniela Röllinger

Jedes Jahr im Oktober bekommen Eltern von Sechstklässlern ein Schreiben vom Gesundheitsamt, dass die Impfbücher kontrolliert werden. Ziel ist es, Impflücken festzustellen und die Durchimpfungsraten zu erhöhen. Hohe Raten bewirken eine Herdenimmunisierung und tragen zur Vermeidung einer Epidemie bei, denn Impflücken können nicht nur für den Einzelnen gefährlich werden. Das Thema Impfung hat in all den Jahren seine Aktualität nie verloren.

Seit 2013 sind Eltern gesetzlich verpflichtet, bei der Einschulung sowie in den sechsten Klassen das Impfbuch der Kinder vorzulegen. Derzeit hat es keine Konsequenzen, wenn die Eltern dieser Aufforderung nicht nachkommen. Trotzdem beteiligen sich die meisten und helfen dadurch mit, wichtige statistische Daten zu erheben und durch Impfungen ihr Kind womöglich vor schlimmen Krankheiten zu schützen. Denn immer wieder kommt es vor, dass Impfungen vergessen werden, oder nicht zeitgerecht durchgeführt werden und sich dann Lücken auftun.

„Die sechste Klasse ist ein guter Zeitpunkt, weil im Alter von elf bis zwölf Jahren viele Auffrischungen notwendig sind, Nachholimpfungen durchgeführt werden sollen, auch eine neue Impfung, die Humane Papillomviren hinzukommt“, erklärt Dr. Wolfgang Lau, Chef des Kitzinger Gesundheitsamtes. Das Impfbuch wird in einem Umschlag verschlossen abgegeben, am gleichen Tag von Mitarbeitern des Gesundheitsamtes kontrolliert und zurückgegeben. Die Lehrer erhalten keine Kenntnis vom Inhalt des Impfbuches.

Fehlen Impfungen, folgt ein schriftlicher Hinweis an die Eltern mit der Bitte, sich mit ihrem Kind zum Hausarzt beziehungsweise Kinderarzt zu begeben. Die aus den Impfbüchern bezogenen Daten werden zu statistischen Zwecken an das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit weitergeleitet – anonymisiert, ohne personenbezogene Daten, wie Dr. Lau betont.

Als Maßstab für empfohlene Impfungen dient der Impfkalender des Robert-Koch-Instituts. Demnach sind Säuglinge gegen Rotaviren, Tetanus, Diphterie, Pertussis (Keuchhusten), Hib ( Haemophilus influenzae Typ b), Polio, Hepatitis B und Pneumokokken zu impfen. Bis die Grundimmunisierung erreicht ist, sind mehrere Spritzen in vorgegebenen Abständen nötig, später müssen einige Impfungen regelmäßig aufgefrischt werden. Ab dem Alter von etwa elf Monaten folgen Impfungen gegen Meningokokken C, Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. Ab neun Jahren sollte gegen humane Papillomviren geimpft werden, die unter anderem Gebärmutterhalskrebs hervorrufen können, ab 60 Jahren gegen Herpes Zoster (Gürtelrose) und alljährlich gegen Influenza.

„Bakterien und Viren sind uns Menschen immer voraus.“
Dr. Wolfgang Lau, Leiter Gesundheitsamt

Die Empfehlungen unterliegen einer ständigen fachlichen Prüfung und Anpassung, ebenso wie die Impfstoffe. Impfstoffe werden ständig weiterentwickelt, weil sich auch ein großer Teil der Erreger immer wieder verändert. „Bakterien und Viren sind uns Menschen immer voraus“, stellt Wolfgang Lau klar. Die Zusammensetzung des Influenzaimpfstoffs wird jährlich von einem Fachgremium der zu erwartenden Influenzawelle angepasst.

Beim Impfen werden, je nach Impfstoff, abgeschwächte, inaktivierte, gereinigte Erreger und gereinigte Bestandteile gespritzt. Ziel ist es, dass der Körper den „Feind“ erkennt und das Immunsystem mit der Bildung von Antikörpern reagiert, die dann eine Erkrankung verhindern oder zumindest für einen milden Verlauf sorgen. Die regelmäßige und rechtzeitige Auffrischung (Boosterung) der Impfungen ist daher notwendig.

Es können eine Rötung an der Einstichstelle, Schmerzen, Überwärmung und Schwellungen auftreten, darüber hinaus leichtes Fieber, Kopfschmerzen und Unwohlsein. „Dies ist als Hinweis für das Ansprechen der Impfung zu werten“, erklärt der Chef des Gesundheitsamtes. Gründe gegen eine Impfung sind unbedingt vor der Impfung vom Arzt zu berücksichtigen beziehungsweise abzuklären.

Der Chef des Gesundheitsamtes rät dazu, den Impfpass regelmäßig kontrollieren zu lassen. Solch eine Kontrolle sei zwar aufwändig, weil der Arzt genau auf die Situation des einzelnen Patienten eingehen muss, aber die Beratung sei wichtig. Gegen welche Krankheiten geimpft werden sollte, hängt von verschiedenen Faktoren ab wie Grunderkrankungen, Freizeitaktivitäten, Aufenthaltsorten. Regionale Aspekte spielen ebenfalls eine Rolle, wie die Risikogebiete für FSME – der Landkreis Kitzingen zählt dazu. Wer zum Beispiel im medizinischen Bereich arbeitet, sollte ausreichend gegen Hepatitis B geschützt sein sowie gegen die klassischen impfpräventablen Infektionskrankheiten, so Dr. Lau. Wer Reisen in ferne Länder unternimmt, braucht ebenfalls bestimmte Impfungen und sollte sich genau informieren, welche Infektionsrisiken es zum Reisetermin in dem ausgewählten Land gibt.

Gerade weil wir heutzutage viel reisen und viele Bürger anderer Nationen zu uns kommen, deren medizinischer Standard anders ist als unserer, erhöht sich das Risiko für Krankheiten. So sind beispielsweise die Zahlen der Masern-Erkrankungen in Europa in den letzten Jahren gewaltig gestiegen. „2009 waren es 7884“, zitiert der Arzt aus der Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO), „2018 waren es schon 82.596.“ Die meisten Fälle habe es in der Ukraine gegeben, dann in Serbien, Frankreich und Italien.

Masern sind eine ernst zu nehmende Krankheit, die auch oft mit ernsten Folgeerkrankungen und stationärem Krankenhausaufenthalt einhergeht, sogar tödlich enden kann. Ziel der WHO ist es deshalb, die Masern zu eliminieren. In Frankreich und Italien wurde inzwischen eine Impfpflicht für bestimmte Infektionskrankheiten eingeführt, in Deutschland gibt es einen Gesetzesentwurf, wonach die Impfpflicht für Masern ab März 2020 eingeführt werden soll. Demnach müssen Kinder, die eine Kita besuchen oder in die Schule kommen, zweimal gegen Masern geimpft sein, beziehungsweise in Form eines Attestes nachweisen, dass sie die Masern hatten oder nicht geimpft werden dürfen. Dies soll dann unter anderem auch für das Personal von Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergärten, Schulen sowie medizinische Einrichtungen gelten.

Von den Impfbuch-Kontrollen der Sechstklässler der vergangenen Jahre weiß der Chef des Gesundheitsamtes, dass die Impfraten im Landkreis Kitzingen gut sind. 75 Prozent der Kinder haben im Schuljahr 2017/2018 ihre Impfbücher vorgelegt. „Bei der Masern/Mumps/Röteln-Impfung lag die Durchimpfungsrate fast durchgehend bei 95 Prozent.“ Bei den unter-15-jährigen Kindern wurden in Bayern 2018 genau 40 Masern-Fälle registriert. Im Landkreis Kitzingen waren es fünf Fälle. „2019 hatten wir hier bei uns noch keinen einzigen Masern-Krankheitsfall.“

Tipp: Nähere Informationen für Reisende zum Thema Impfen gibt es auf der Seite www.auswaertiges–amt.de (Reise-und Sicherheitshinweise).

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